Deep Purple bescheiden, aber voller Genialität in Köln

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[Update 14.46 Uhr] Köln – Recht bescheiden geben sich die Herren von Deep Purple beim Konzert in der Kölner Lanxess-Arena. Viel Raum braucht das Quintett nicht, um seinen heavy Blues-Rock zur Entfaltung zu bringen. Die Band bespielt eine schmale Bühne und verzichtet abgesehen von der großen Leinwand und den Pappmaschee-Aufbauten im Hintergrund auf jeglichen Schnickschnack. Es geht schließlich um die Musik. Gut, dass jeder einzelne Purple-Künstler seinen Job in Perfektion beherrscht.

Wie ein Rockstar kommt Sänger Ian Gillan, der Mann am Mikro mit dem kurzen grauen Haar, nicht daher. Übersichtlich ist sein Aktionsradius. Er schlurft umher in seinen Wohlfühlhosen, den bequemen Schuhen und dem labbrigen T-Shirt mit dem Hai-Kopf und macht ungelenke Bewegungen. Wenn er mal nichts zu singen hat, verschwindet er bei den Instrumentalparts gerne hinter der Bühne. Sobald er aber mit Inbrunst etwas ins Mikrofon hämmert, dann begeistert der 71-Jährige die Zuhörer.

Auf der rechten Bühnenseite hat Gitarrist Steve Morse ein ansehnliches Pedalboard am Boden befestigt, mit dem er seinen Gitarren die unterschiedlichsten Effekte entlockt. Dass der 62-jährige US-Amerikaner, der seit 1994 für Deep Purple spielt, sein Instrument virtuos beherrscht, ist eigentlich überflüssig zu erwähnen, hat er davor und parallel in vielen namhaften Formationen sein Können unter Beweis gestellt. 

Und dennoch: Mehrfach bekommt er beim Konzert in Köln die Gelegenheit, mit wehender blonder Mähne seine Fertigkeiten an den sechs Saiten unter Beweis zu stellen, und jedes Mal zaubert er den Fans ein anerkennendes Lächeln auf die Lippen.

Konzert von Deep Purple in Köln

Wenn es um flinke Finger geht, geht kein Weg an Don Airey vorbei. Der 68-Jährige Brite hat 2002 den Posten des legendären John Lord an den Keyboards übernommen und sorgt beim Kölner Publikum für offene Münder, als er an diesem Abend wohl alles auf die weißen und schwarzen Tasten bringt, was er vermag – und bei einem Solo, einer beeindruckend bombastischen Soundcollage, auch noch die Stadionhymne des 1. FC Köln einbaut. Wow!

Roger Glover mit rotem Bandana über dem ergrauten Haupt sorgt am Bass für die gute Laune. Das Grinsen steht ihm über die rund 100 Minuten Spielzeit förmlich ins Gesicht gemeißelt. Überhaupt ist die Stimmung bei diesem Konzert, das wahrscheinlich das letzte der Band in der Domstadt sein wird, sowohl auf als auch vor der Bühne ausgelassen. Selbst der stoisch am Schlagzeug seinen Dienst verrichtende Drummer Ian Paice mit seinen verdunkelten Brillengläsern – als einziges Bandmitglied übrigens an allen Deep-Purple-Alben beteiligt – hat sichtlich Freude am Spiel und gibt sich ausgelassen.

„The Long Goodbye“ heißt die Tour von Deep Purple, die die Band seit dem Frühjahr noch einmal durch Europa und Nordamerika führt. Wer als Fan zum Abschluss einer langen Karriere mit einem definitiven Best-of-Set gerechnet hat, wundert sich: Statt ausschließlich aus einem 20 Alben umfassenden Song-Fundus die Klassiker rauszusuchen, stellen Deep Purple die aktuelle Platte „Infinite“ in den Vordergrund mit Songs wie „The Surprising“ mit seinem bedrohlichen Stakkato-Riff und das im Refrain hymnische „Birds of Prey“.

Dazu gesellen sich einige weniger prominente Stücke wie zum Beispiel „Lazy“ vom 1972er Album „Machine Head“, eine beschwingte Rocknummer mit Mundharmonika-Einsatz, das hochmelodische „Perfect Strangers“ aus dem Jahr 1984, bei dem sich die Fans auf den Stehplätzen in den Armen liegen, oder aber „Hell to Pay“ von der 2013er Platte „Now What?!“, dessen Refrain Gillan, Glover und Morse gemeinsam skandieren.

Natürlich muss auf „Smoke on the Water“ niemand verzichten. Die legendäre Hardrock-Nummer kommt am Ende des regulären Sets. Das dazugehörige Riff kennt jeder, selbst die beiden Kinder, die unmittelbar vor der Bühne auf den Schultern ihrer Eltern sitzend der Band zujubeln. Auf der Leinwand brennt dazu das im Song besungene Casino von Montreux – irgendwie auch als heimlicher Abgesang auf die Karriere einer bedeutenden Band. „Ihr wart toll, wir lieben Euch! Bye-bye!“ ruft Ian Gillan zum Schluss. Es klingt wie ein endgültiges Tschüss.

Quelle: wa.de

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