Die documenta 14 sucht das politische Engagement im Museumsraum

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Zuflucht für Obdachlose: Die Arbeit des irakischen Künstlers Hiwa K ist eine Attraktion der documenta 14 in Kassel.

Kassel - 20 große Steinzeugrohre bilden einen Stapel der Zuflucht. Jedes Rohr ist als Wohnraum gestaltet, in einem findet man eine gut sortierte Bibliothek, im nächsten einen Arbeitstisch, Bettstellen, Tischchen mit Espressokanne. Die Sanitärröhre lockt mit Toilette, Duschköpfen und einem Becher voller Zahnbürsten. Wer sein Heim verloren hat, findet in der Installation des irakischen Künstlers Hiwa K Ersatz.

Eher unwahrscheinlich, dass das Publikum vor der documenta-Halle in Kassel ernsthaft daran denkt, sich hier in die Kissen zu kuscheln. Aber was auf der Flucht zu den dringendsten Bedürfnissen gehört, ist hier auf eine ebenso überraschende wie ästhetische Weise verbildlicht.

Die documenta 14, die am Samstag für das Publikum eröffnet wird, stellt sich den Fragen der Welt. Der künstlerische Direktor Adam Szymczyk und sein Kuratorenteam beanspruchen für ihre Ausgabe der Weltkunstausstellung politische Relevanz mit größtem Nachdruck. So trifft der Besucher Kunst, die mit Gewalt, Krieg, Flucht, Unrecht, Ungleichheit, Rassismus und Intoleranz abrechnet. Das kann eine überzeugende Pointe ergeben wie bei Hiwa K.

Das kann aber auch überaus oberflächlich funktionieren wie beim Vorzeigeobjekt der Schau, dem „Parthenon der Bücher“ von Marta Minujín. Für ihre Neuinszenierung einer Aktion von 1983 ließ die argentinische Künstlerin vor dem Fridericianum ein Metallgerüst in Form des griechischen Tempels errichten, in Originalgröße, 70 Meter lang, 30 Meter breit. An das Gerüst werden in Plastik geschweißte Bücher gehängt, die im Lauf der Geschichte Gegenstand von Zensur und Verfolgung wurden. Das sieht imposant aus, weil es groß ist. Aber dass Bücher einen Tempel brauchen, ist bloße Behauptung. In der documenta-Halle sieht man „Fluchtzieleuropahavarieschallkörper“ von Guillermo Galindo. Der mexikanische Künstler hat Wrackteile von auf Lesbos angetriebenen Flüchtlingsbooten zu Klangobjekten verarbeitet und an die Decke gehängt. Man sieht das angegriffene Material. Aber was sagt diese Arbeit darüber hinaus?

Politisch bedeutsam wollte bislang noch jede documenta sein. Es wäre nur schön, wenn sich der Anspruch auch in komplexer Kunst niederschlüge. In der aktuellen Ausgabe findet man leider allzu oft Arbeiten, die sich damit begnügen, ein bedeutsames Thema anzustimmen. 160 Künstler sind beteiligt, der ganze Stadtraum ist umspannt. Wobei diese documenta museal ist wie schon lange nicht mehr. Die Vorgängerausgaben strahlten aus in die Karlsaue, in leer stehende Häuser, in ungenutzte Industriegebäude zum Beispiel am Bahnhof. Bei der documenta 14 spielt die Kunst im Landesmuseum, im Stadtmuseum, im Museum für Sepulkralkultur, im Palais Bellevue, in der Grimmwelt. Andere Schau-Orte gibt es auch, aber ihre Bedeutung ist geschrumpft. Da steht ein Obelisk von Olu Oguibe mit dem Bibelzitat „Ich war ein Fremdling und ihr habt mich beherbergt“ auf dem Königsplatz. Der ghanaische Künstler Ibrahim Mahama hat die monumentalen Türme der Torwache verhüllt, nicht mit edlem Stoff wie Christo den Reichstag, sondern mit alten Jutesäcken, die gleichwohl malerisch den Wind fangen.

Die Schau bespielt die Museen mit Schwerpunktthemen. Anregend reagiert die Schau auf den Fund der Gurlitt-Sammlung und präsentiert in der Neuen Neuen Galerie einen visuellen Essay über das Ausstellen, über den Raub von Kunst und das Eigentum daran, über die Verwendung von Kunst. Da sind zum Beispiel Gemälde aus dem 19. Jahrhundert von Louis Gurlitt zu sehen, und expressionistisch angehauchte Zeichnungen von Cornelia Gurlitt, der Schwester von Hitlers Kunsthändler. Der documenta-Gründer Arnold Bode wird mit einigen Beispielen als Künstler präsentiert. Die Künstlerin Maria Eichhorn arbeitet mit dem Rose Valland Institut Probleme mit Raubkunst auf, unter anderem am Beispiel des Kasseler Sammlers und Mäzens Alexander Fiorino, der 1939 enteignet wurde. Viele seiner Bilder kamen in Museen der Stadt.

Was aber ist ausstellungswürdig? Auch das thematisiert die Schau mit Skulpturen von Alina Szapocznikow, Klumpen aus Polyester, Titel zum Beispiel: „Großer Tumor II“ (1969). Bilder, aber auch ein Zeugnis von Ernst Lorenz Boettner sind ausgestellt. Der Künstler nannte sich Lorenza, hatte im Alter von zwölf Jahren beide Arme verloren und malte mit den Füßen, zum Beispiel ein Selbstporträt, in dem er einem Baby die zwischen Schulter und Kinn geklemmte Flasche gibt. Körperbeschädigungen, die geschlechtliche Identität – ergibt das gleich große Kunst? Oder gehören die erschütternden Pressezeichnungen von Chittaprosad von Verhungernden in Indien (1944) in eine Gegenüberstellung mit einem Trümmerbild von Carl Hofer?

Die documenta ist eine Schau der toten Künstler. Lorenza, Szapocznikow, Bode und viele andere sind bereits gestorben, auf der Künstlerliste finden sich Ludwig Emil Grimm (1790–1863), Conrad Felixmüller, Fritz Winter, man sieht Kupfermasken aus Benin aus dem 18. Jahrhundert und eine Buddha-Darstellung aus dem 2. oder 3. Jahrhundert n. Chr. Auch frühere Ausgaben der Weltkunstausstellung sondierten in die Vergangenheit, die aktuelle tut das aber besonders ausgiebig.

Manches ist misslungen: Die ehemalige U-Bahn-Haltestelle am Bahnhof ist ein auratischer Raum voller Zwielicht und Graffiti. Statt hier eine Setzung mit einer Skulptur zu wagen, hat man auf die leeren Bahnsteige einfach zwei Bildschirme mit einer Videoarbeit gestellt. Einen Weg lohnt hingegen die „Neue Galerie“. Hier wurde die ehemalige Hauptpost im Norden der Stadt umgenutzt, wo heute Dönerbuden neben Shishabars liegen. Hier entfalten sich auch große Formate wie der Vorhang, den die norwegische Künstlerin Máret Ánne Sara aus Rentierschädeln schuf. Im Palais Bellevue ist Roee Rosens Video „The Dust Channel“ zu erleben, eine wilde Fantasie mit einer Sopranistin, die sich beim Singen die Zähne putzt, mit tanzenden Schrubbern, Bettszenen und einem Blick in die Wüste. Eine grandiose Provokation ist die „War Machine“ von Sergio Zevallos, der in einer Pseudodokumentation über körperliche Kennzeichen von Verbrechern zum Beispiel Fotos der Kinnpartien von Bundesbankpräsident Weidmann, Hillary Clinton, NPD-Europaparlamentarier Udo Voigt und NSU-Mitglied Beate Zschäpe nebeneinander stellt und von Zschäpe, Bundesverteidigungsministerin von der Leyen und anderen Schrumpfköpfe fertigte.

Im Fridericianum präsentiert die documenta die Arbeit fremder Kuratoren: Hier gastiert das Museum für Zeitgenössische Kunst aus der documenta-Partnerstadt Athen. Das EMST existiert seit 2000, kann aber aus Finanznot nicht arbeiten. Erst als Szymczyk beschloss, die documenta nach Athen auszubreiten, konnte das Haus zumindest vorübergehend öffnen – als Ort der documenta. Nun sieht man in Kassel auf drei Etagen eine Auswahl der griechischen Sammlung. Ist jedoch ein Bildfries von grimmigen Putschisten und tapferen Arbeitern documenta-würdige Kunst? Oder ein Panzer aus Plüschkissen? Man freut sich ja über eine starke Installation mit Stahl und Kohle von Jannis Kounnelis – aber der Meister der Arte povera ist längst kanonisiert.

Viele Beiträge sind flüchtig, es gibt so viele Performances wie in keiner anderen documenta. Die Installation von Regina José Galindo im Stadtmuseum, eine geschlossene Kammer mit einem Gewehr an jeder Ecke erscheint harmlos. Nicht mehr allerdings, wenn die Künstlerin als Ziel im Raum still im Fadenkreuz steht. Anderes ist unauffällig wie die Choreografie von Maria Hassabi in der Neuen Neuen Galerie. In der documenta-Halle sind auch Partituren ausgestellt, und Alvin Luciers Installation „Sound on Paper“ bringt das Papier in den Bilderrahmen in musikalische Schwingung.

Die documenta 14 ist eine produktive Überforderung. Vielleicht muss man dem US-Aktionskünstler Pope.L folgen, der in seiner Flüsterkampagne aus vielen Ecken raunt: „Ignoranz ist eine Tugend.“

Info:

Die documenta ist die weltweit bedeutendste Ausstellungsreihe zeitgenössischer Kunst. Alle fünf Jahre kommen Kunstschaffende ins nordhessische Kassel, um die Stadt 100 Tage lang in ein Panorama für Gegenwartskunst zu verwandeln.

An verschiedenen Orten in der ganzen Stadt, vor allem in Museen, sind Arbeiten zu sehen. Einige Arbeiten im öffentlichen Raum sind frei zugänglich. Von Samstag an ist das „Museum der 100 Tage“ für das Publikum geöffnet.

Bis 17. September,

geöffnet täglich 10 – 20 Uhr

Tel. 0561 /70 72 770

www.documenta14.de

Textreader 35 Euro

Daybook/Katalog 25 Euro

beide Prestel Verlag, München

Quelle: wa.de

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