Dortmund zeigt „Europas neue Alte“ in einer Ausstellung

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Gefasst und mit Würde leben Silvia (64) und Reiner (68) ihren Ruhestand in einem Spreewalddorf.

DORTMUND - „So gut sieht man im Ruhestand aus“ steht auf einem der T-Shirts, die Silvia gerne trägt. Die 64-Jährige beendete vor vier Jahren ihren Job als Kellnerin, weil sie ausgerechnet hatte, was ihr die letzten Jahre in Lohn noch an Geld für die Rente bringen würden. Zu wenig. Mit Reiner (68) wirtschaftet die ehemalige Küchenchefin nun, wie sie es gelernt haben: sammeln, angeln, entsaften, einwecken, trocknen und kochen.

Die Lebensweise des Paares ist eine Botschaft, die die Ausstellung „Europas neue Alte“ transportiert, die im Museum für Kunst und Kulturgeschichte in Dortmund zu sehen ist. Gabriele Kostas und Irene Ziehe nennen es ein foto-ethnografisches Projekt. Insgesamt werden 27 Foto-Essays von Männern, Frauen und Paaren aus 13 Ländern Europas ausgebreitet. Fünf bis sechs Bilder, biografische Angaben auf einer Liste, Antworten auf zehn Fragen und eine Texttafel vermitteln das Lebensgefühl von Menschen, die zwischen 64 und 100 Jahre alt sind.

Dortmund ist die zweite Station der Ausstellung aus dem Museum Europäischer Kulturen in Berlin. Die Schau ist im Rahmen des Föderalen Progamms der Stiftung Preußischer Kulturbesitz entstanden. Irene Ziehe, Kuratorin des Hauses, will soziale Milieus in europäischen Regionen abbilden. Zwar sei die Ausstellung nicht soziologisch, aber es werde „ein stimmiges Bild geschaffen“, sagte Ziehe in Dortmund und stützt sich dabei auch auf Statistiken aus der Altersforschung. Die Musikerin und Fotografin Gabriele Kostas hat eine „Zufriedenheitskurve“ erdacht. Danach haben alle Projektteilnehmer ihre Zufriedenheit über die Lebensjahrzehnte in Prozenten ausgedrückt. Eigentlich müssen die „Kurven“ gar nicht ausgewertet werden. Die Fotografien zeigen durchgehend ausgeglichene Menschen. Wie Reiner, der mit seiner Schürze aus Leder den Grillmeister gibt. Oder wie Hegumen Ilia (72), Mönch aus Georgien, vor der Klosterkirche mit seinem grauen Rauschebart steht, da wird spürbar, wie gefasst beide mit ihrem Alter umgehen und wie aufgehoben sie sich in ihren Rollen fühlen.

So unterschiedlich beide auch sein mögen, die Fotografien von Gabriele Kostas führten sie in ihrer Gelassenheit zusammen. Irgendwie eint das Projekt „Europas neue Alte“ seine Menschen trotz des Ziels, die Vielfalt des Kulturraums zu dokumentieren.

Mit der Kamera ist Gabriele Kostas ihren Gastgebern nachgegangen. Sie zeigt den Mönch bei der Liturgie im lichtarmen Raum der orthodoxen Kirche. Die russische Ärztin Rimma (82) ist zu sehen, wie sie in der Küche ihrer Tochter in Berlin Tomaten preist – ihr Lieblingsessen. Und Giovanni, der Gärtner, steht in einem blühenden venezianische Garten. Wundervoll. Dass ihre Bilder an ein Familienalbum erinnern, hört Gabriele Kostas nicht so gerne. Wichtig war ihr, auch den Lebensraum der Rentner und Pensionäre mit ins Bild zu rücken. Wie die Passanten bei einem Plausch Giovannis auf Venedigs Straßen zum Beispiel. Oder die abstrakte Malerei hinter Wolf (72), die im Büro des „senior fellow“ zu sehen ist. Einst war er für die Max-Planck-Gesellschaft unterwegs. Das Gemälde korrespondiert mit seinem blauen Sakko. Solche visuellen Momente hält die Fotografin fest. Einem farbästhetischen Konzept geht sie nicht nach. Auch das Rotorange, das Josés Hemd erstrahlen lässt, ist mehr eine Selbstinszenierung des Hobbysammlers und Theaterspielers, der Gabriele Kostas auf Lanzarote begrüßte und vor der schwarzen Lavalandschaft einfach ein Hingucker geworden ist. Insgesamt sind die Fotografien den Menschen in ihrem Selbstverständnis zugewandt, manchmal sogar ein wenig warmherzig.

So absorbiert die Ausstellung Vorbehalte gegenüber dem Alter, die vor allem jüngere Generationen umtreibt. Krank, arm, allein? Nein.

Egal, was an Geld zur Verfügung steht, sagt Gabriele Kostas, wichtig sei die Lebensleistung, das Häuschen, die Sicherheit. „Selbst wenn die Rente klein ist, eine Grundsicherung stellt sie ja dar“, sagt die Fotografin. Kinder und Enkel, die Familie, sie stehen an erster Stelle. Auch ein erfüllter Beruf sei für die Zufriedenheit im Alter wichtig. Krankheit stehe nicht ganz vorne. Selbst wenn der Partner fehle, werde das angenommen. „Man fällt nicht in eine Loch“, sagt Gabriele Kostas, die die meisten Gespräche geführt hat.

Die Ausstellung in Dortmund stützt den soziologischen Begriff des Zufriedenheitsparadoxons: je älter die Menschen sind, desto zufriedener werden sie. Irene Ziehe sagt, dass die Alten ihr Leben einfach neu sehen. Man nehme die Macken an, der Ehrgeiz und die Bedürfnisse ließen nach, so die Museumskuratorin, die weiß, dass die Alten heute einfach fitter sind als die vor 30 Jahren.

In den Texttafeln, die mal in Interviewform oder als Bericht gefasst sind, werden die Biografien deutlicher. Hegumen Ilia ging mit 66 ins Kloster, nachdem seine Frau gestorben war. Giovanni ist seit 45 Jahren mit Maria verheiratet und berät ein Ehepaar aus Fernost, das nun für „seinen“ Garten, das Haus und die Küche verantwortlich ist. Die Lagunenstadt Venedig hat 500 Gärten.

Für das foto-ethnografische Projekt hatte sich Gabriele Kostas, Jahrgang 1955, in ihrem Bekanntenkreis umgeschaut. Sie habe auf ein gewissen Vertrauen setzen müssen, sagt sie in Dortmund. Es gab Menschen, die vermittelt wurden. Und es gab Kontakte des Museums Europäischer Kulturen nach Georgien, die halfen, betagte Menschen in diesem Land zu treffen.

Wer aber Silvia und Reiner in der Lausitz treffen will, hat es nicht leicht. „Ruhestand“ steht an ihrem Gartenzaun, bedeutet, „keine Zeit, voll im Stress und Termine vier Wochen im voraus“. So kokettieren Zufriedene mit ihrem Lebensabend.

Bis 16. Juli; di, mi, fr, so 10 bis 17 Uhr, do bis 20 Uhr, sa 12 bis 17 Uhr; Katalog 29,90 Euro;

Tel. 0231/502 60 28; www.mkk.dortmund.de

Quelle: wa.de

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