Dresdner Galerie Neue Meister zeigt Taryn Simons Fotografien

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Die brisante Schönheit: Taryn Simons Aufnahme „Hanford Site“ zeigt Stahlfässer mit Nuklearabfällen, die in einem Wasserbecken lagern.

DRESDEN - Eine neue fotokünstlerische Position zeichnet das Werk von Taryn Simon aus. Die US-Amerikanerin, die im Museum für Moderne Kunst in New York und in der Tate Modern in London ausstellt, nutzt die Kamera als Ermittlungsgerät. Ihre Fotografien sind Bildspuren zu Phänomenen in zivilen Gesellschaften, die nicht öffentlich oder auf eine besondere Weise unsichtbar sind.

„Hanford Site“ beispielsweise ist eine abstrakt wirkende Fotografie, die schwarze Kreise in einer blau illuminierten Umgebung zeigen. Die Dresdener Galerie Neue Meister zeigt diese Aufnahme im Albertinum, in der Ausstellung „Taryn Simon. A Soldier is Taught to Bayonet the Enemy And Not Some Undefined Abstraction (Einem Soldaten wird beigebracht, wie er den Feind bajonettiert und nicht irgendeine Abstraktion)“.

Worauf die Fotografie „Hanford Site“ vor allem hinweisen will, erschließt sich nur durch den Bildtext. Im Bundesstaat Washington, am Pazifik gelegen, werden in einem staatlichen Nuklearkomplex 1936 Atommüllbehälter aus rostfreiem Stahl gelagert. Das Blau im Wasser zeigt die strahlende Energie der „schwarzen Kreise“. Diese Arbeit zählt zur Serie „Ein amerikanisches Verzeichnis des Verborgenen und Unbekannten“ (2007). Was die Menschen in den Staaten nicht zu sehen bekommen, ist für Taryn Simon auch ein kultureller Beleg, wie Macht ausgeführt wird. Für die Mythologie eines Landes stehen solche Sachverhalte, meint Simon. Also, welche Folgen hat das technologische Selbstverständnis einer Weltmacht?

Oder weshalb werden weiße Tiger gezüchtet, fragt die Fotografie eines solchen Tieres, dass mit eingedrückter Nase wenig majestätisch wirkt – ein Inzuchtproblem. Und ein Video zeigt, wie die US-Luftstreitkräfte einen neuen Sprengstoff in Florida erproben. Simon will moralische Fragen anstoßen, Dinge bewusst machen, die längst zum unreflektierten Teil unserer Zeit zählen.

Wie ernst Simons Konzeptkunst bereits genommen wird, verdeutlicht ein Brief, den der Unterhaltungskonzern Disney 2005 an die Fotografin adressierte. Mickey Mouse und Co. darf Taryn Simon nicht ablichten. Disney will „den Menschen die Fantasiewelt erhalten“, damit sie sich in diese Fantasiewelt „flüchten“ können. Dieses Gut, die Figuren und Themenparks, sollen offensichtlich nicht durch subversive Kunst entwertet werden.

Sieben Werkgruppen Taryn Simons sind in Dresden zu sehen. Die Ausstellung wurde mit der Prager Galerie Rudolfinum entwickelt. Auffällig ist die enzyklopädisch wirkende Arbeitsweise Simons. In der Serie „Schmuggelware“ (2010) sind Fotografien von sichergestellter Ware zu sehen – eine Auswahl aus 1075 Lichtbildern. Die einzelnen Fotos werden in kleinen Vitrinen inszeniert: Zigarren, Heroin, Filme, Kuh-Urin, Hirschblut und Wurst in allein fünf Reihen. Seht her!

Ihre Serie „Black Square“ positioniert Gegenstände auf der malerischen Bildikone der Abstraktion, Kasimir Malewitschs „Schwarzes Quadrat“ von 1915. Dass das suprematistische Werk vor allem die Vision eines schwarzen Raums monochrom darstellte, bleibt in der flächigen Arbeit Simons ausgespart. Die Zigarettenschachtel aus Australien hebt sich in „Pantone Cool Grey“ ab, und nur die Bildzeile erschließt einmal mehr die ganze Arbeit.

Wer sich durch die Bildtexte arbeitet, verliert immer mehr die Fotos aus den Augen. Eine ambivalente Erfahrung. Bei der Serie „Praktisches Handbuch zu den Vögeln der Westindischen Inseln“ (2014) klassifiziert Taryn Simon alle Vögel, die in den 24 James-Bond-Filmen meist zufällig ins Bild geraten sind. In der Ausstellung werden sie mit Passepartouts im Szenenbild sichtbar. Sie sind schwarzweiß, klein und oft nur Flecken am Bildhimmel. Eine Fleißarbeit, die an den Ornithologen James Bond erinnern soll. Ian Fleming, der Erfinder der Agentenfigur, hatte Bonds Standardwerk über Westindische Vögel gelesen, und seinen Namen als „flach und farblos“ charakterisiert – optimal für einen Agenten. Taryn Simon leistet die Arbeit des Ornithologen und belegt, wie ernüchternd und langweilig das visuelle Niveau einer fotografischen Arbeit sein kann, wenn sie einem Konzept gehorcht.

Aber vor allem will Simon mit ihrer akribischen Arbeit das Gefühl von Ordnung, Kategorisierung und letztlich Überwachung vermitteln. Das gelingt, weil ein Unbehagen beim Betrachten der Serien zunehmend wächst.

Bis 15. 1. 2017; di-so 10 bis 18 Uhr. Tel. 0351 / 491 420 00;

www.skd.museum

Quelle: wa.de

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