K21 Düsseldorf „I'm Not A Nice Girl!“

Eine Seite aus Lee Lozanos „Notebook“ (1969). Ein Gespräch mit Kasper König ist notiert. Der Ausstellungstitel in Düsseldorf geht darauf zurück. Foto: Kunstsammlung nrw

Düsseldorf – Lächeln auf der Müllhalde, eine Kunstaktion zwischen Gestank und Abfall bringt gute Stimmung in die triste Arbeitswelt New Yorks. Mierle Laderman Ukeles fuhr zu den 5800 Müllmännern der Millionenstadt 1979 und 1980; sie schüttelte Hände, grüßte Lkw-Fahrer, saß in Umkleideräumen, sprach mit Menschen, die für die Versorgung einer Stadt unerlässlich sind. Die Künstlerin erwies den Arbeitern in den 59 Stadtbezirken von New York City ihre Wertschätzung. Ohne ihre Arbeit könnten andere ihren Job nicht machen, wusste Laderman Ukeles. Für sie war Versorgung die Vor-aussetzung für „einzigartige Arbeit“, die anerkannte Art von Arbeit. Sie selbst machte aus ihrer Tätigkeit Kunst, lebte mit ihrer Familie zeitweise im Museum. Bis heute betreibt sie ihr Büro im Komplex der Stadtreinigung New Yorks. Sie ist 80 Jahre alt.

Von der Performance „Touch Sanitation“ sind 30 Fotografien im Düsseldorfer K21 zu sehen. Sie gehören zur Ausstellung „I’m Not A Nice Girl!“, die die Künstlerinnen Eleanor Antin, Lee Lozano, Adrian Piper und Laderman Ukeles vorstellt. Die vier gehören zu den ersten, die Konzeptkunst realisierten, die mit Performances, Videos und Fotografien auf gesellschaftspolitische und feministische Themen hinwiesen. Isabelle Malz, Kuratorin der Schau, ist eher zufällig auf die Künstlerinnen gestoßen, als sie das Archiv des Galeristen Konrad Fischer durchsah. Alle Materialien des Archiv sind digitalisiert, einsehbar.

Fischer hatte Ende der 60er Jahre die Konzeptkunst und Minimalart von New York nach Düsseldorf geholt und damit in Deutschland als erster bekannt gemacht. Noch heute vertritt die Galerie Marcel Broodthaers, Carl Andre, Sol Lewitt und Robert Ryman, Künstler, die der Konzeptkunst vorgriffen. Hanne Darboven (1941–2009), deutsche Konzeptkünstlerin, wurde von Konrad Fischer 1967 ausgestellt. Allerdings verzichtete Fischer (1939–1996) darauf, die vier Künstlerinnen aus New York zu präsentieren. So sind die Fotografien zu Lademan Ukeles’ „Touch Sanitation“ Leihgaben für eine Ausstellung, die aus dem Schriftverkehr einer Galerie eine kunsthistorische Momentaufnahme macht. Warum Konrad Fischer die Konzeptkünstlerinnen aus New York nicht ausstellte, erläutert die Ausstellung nicht.

Es ist also die Geschichte verpasster Chancen, die mit „I’m Not A Nice Girl!“ erzählt wird. Seit 2017 führt Susanne Gaensheimer die Kunstsammlung NRW. Die Kunsthistorikerin hat den Fokus auf außereuropäische Kunst und Künstlerinnen gerichtet. Sie entdeckte die konkreten Bilder der Carmen Herrera, zeigte die US-Amerikanerin Lutz Bacher und die Chinesin Cao Fei im K21.

Die aktuelle Ausstellung passt ins Konzept. Aus den Briefen und Notizen des Konrad Fischer Archivs ist eine beeindruckende Präsentation geworden. Dabei hat die Künstlerin Katrin Mayer zusammen mit Isabelle Malz für die Archivalien, Räume und Publikationen der Schau methodische Strukturen und Präsentationshilfen entwickelt. Der Bezug zwischen Werk und Schriftverkehr war maßgebend. Auf den Tischen sind Briefe ausgelegt, wie US-Kuratorin Lucy R. Lippard die Konzeptkünstlerinnen beurteilte oder wie US-Künstlerin Agnes Denes hoffte, dass Konrad Fischer sie in seine Mailingliste aufnimmt.

Das Video „Funk Lessons“ (1983/84) von Adrian Piper bringt Musik ins K21. Die Künstlerin und Philosophieprofessorin (71) zeigt, wie man zu Funkrhythmen tanzt („Two Step“). Der Kopf muss wackeln („Head Nod“), die Hüften bewegen sich, wie beim Sex, und – habt Spaß! Dass Energie und Rhythmus meist Afroamerikanern zugetraut werden, thematisiert Piper, um auf Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in den USA zu verweisen. Sie will die Menschen aber zusammenführen: „Funk to you“.

Piper, die mit dem Minimalisten Sol Lewitt befreundet war, wollte mit ihren Guerilla-Performances konfrontieren. In Düsseldorf sind fünf Schwarzweißfotos zu „Catalysis IV“ (1970) ausgestellt, die Adrian Piper mit einem Stofftuch im Mund auf der Straße und im Bus zeigen. Was machen die Passanten? Wer reagiert auf die Knebelung einer Frau? Außerdem liegt eine Bodenarbeit (1968/2002) von Piper aus.

Von Eleanor Antin (84) ist das Video „Representational Painting“ (1971, 38 Min.) im K21 zu sehen, das als „darstellerisches Gemälde“ gegen tradierte Kunstformen wie die Tafelmalerei ein neues Frauenbild visualisiert. Außerdem belegt die Fotoarbeit „Carving: A Traditional Sculpture“ (1972), dass Antin feministische Positionen mit Bildmitteln zur neuen Konzeptkunst formulierte. Ihre 148 Silbergelatine-Abzüge bilden den weiblichen Körper über 37 Tage als Fotostrecken ab. Der männliche Blick hatte bisher den weiblichen Körper in der Kunst interpretiert.

Diese Rebellion war Lee Lozano (1930–1999) zu wenig. Sie wollte die ganze Gesellschaft revolutionieren, von „Hierarchien, Männern und der Kirche“ hatte sie genug. Ihr Notizbuch („Notebook“) von 1969 führt ein Urteil des deutschen Kurators Kaspar König auf, der sie als „gute Malerin“ und „nettes Mädchen“ titulierte. „I’M NOT A NICE GIRL!“ war ihre Antwort. Lozano war radikal, sie wollte Leben und Kunst vereinen. Ihre Malerei gab sie 1969 auf, 1972 überarbeitete sie ihre Notebooks, die sie als Kunst- und Ideenwerke verstand. Ihre Write-ups liegen in Düsseldorf aus. Auch ein Bild mit Perforierungen (1970) ist im Archivraum Konrad Fischer zu sehen.

Danach zog sich Lozano aus der Kunstwelt zurück. Ihre Nachricht an Konrad Fischer 1971, „Ich kann nicht überleben ohne Galerie“, war ohne Antwort geblieben.

Bis 17. Mai; di-fr 10 – 18 Uhr, sa/so 11 – 18 Uhr; Katalog-Karten zwei Euro; Tel. 0211/8381 204; www.kunstsammlung.de

Quelle: wa.de

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