Das K21 in Düsseldorf zeigt „Marcel Broodthaers: Eine Retrospektive“

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Der Topf kann die Formen kaum halten: Marcel Broodthaers‘ Skulptur „Moules sauce blanche“ (Muscheln mit weißer Sauce, 1967) sind in Düsseldorf zu sehen.

DÜSSELDORF - Hoch türmen sich die Muschelschalen, heben den Deckel des schwarzen Topfes. Man könnte meinen, die Tiere unternähmen einen Ausbruchversuch. Vielleicht hat aber auch überschäumende Milch den Aggregatzustand gewechselt. „Muscheln in weißer Sauce“ nannte Marcel Broodthaers 1967 seine Skulptur.

Ganze Serien von Objekten mit Muschel- und Eierschalen schuf der belgische Künstler. Damit ironisierte er eine Spezialität seiner Heimat, und sogar Fritten produzierte er, schwarze aus Holzkohlespänen. Aber er spielte auch mit einem Kunstbegriff: Moule heißt im Französischen auch Form. Der Topf ist einfach ein Arrangement verschiedener Formen. Das Absurde liebte der bei Brüssel geborene Künstler, der zunächst Schriftsteller und Journalist war, bis er sich 1964 der Kunst zuwandte.

Broodthaers (1924–1976) war ein Pionier. Mit raumfüllenden Arrangements wie dem „Wintergarten“ hat er sozusagen die Installationskunst erfunden. An der documenta 5 beteiligte er sich nicht mit einem Kunstwerk, sondern er steuerte gleich ein Museum bei, das Musée d’art moderne, Department des Aigles (Abteilung Adler). Viele junge Künstler berufen sich inzwischen auf ihn.

Nun zeigt die Kunstsammlung NRW im K21, dem Ständehaus, eine Retrospektive, die mit 200 Exponaten das Gesamtwerk des Künstlers fassbar macht. Die Schau wurde vom Museum of Modern Art in New York konzipiert, das zahlreiche Arbeiten des Künstlers besitzt. Broodthaers lebte von 1970 bis 1972 in Düsseldorf, und die Kunstsammlung hat 1999 einen Werkkomplex seines Musée erworben, die Section Publicité (1972). Es ist die einzige überlieferte Installation. Dieses Konvolut wird nun Teil der mitreißend inszenierten, unterhaltsamen Werkschau.

Broodthaers empfand die Begegnung mit dem Surrealisten René Magritte als Initiationserlebnis. Als er 1964 Künstler wurde, traf er auf die Fluxus-Bewegung, die den Reiz von armen Materialien entdeckte und gegen die Konventionen des Kunstbetriebs revoltierte. Broodthaers erscheint wie eine belgische Version von Beuys, nur mit Poesie und Humor statt Pathos. Schon die frühen Arbeiten mit den Muschelschalen, der in den Nationalfarben schwarz-gelb-rot bemalte Koffer („La Valise belge“, 1964) haben einen spielerischen Charakter. Ein dunkelblaues Kleid auf einem Bügel mit einer in einen Ärmel geknoteten Einkaufstasche, auf die Eierschalen geklebt wurden, wird bei Broodthaers zu „Maria“ (1966). Manche Arbeiten haben eine explizite politische Aussage, wie „Le Problème noir en Belgique“ (Das schwarze Problem in Belgien, 1964), wo schwarze Farbe und schwarz gefärbte Plastikeier über eine Zeitung geklebt sind mit einem Artikel zum Bürgerkrieg in der früheren Kolonie Kongo. Subversion allerorten: Dem auf dem Flohmarkt gefundenen Ölbild eines Generals verpasste der Künstler 1970 eine reale Zigarre.

Mit seinem Musée d’art moderne zielte Broodthaers auf die Institution. Schon der Titel der „Abteilung Adler“ untergräbt die bisherigen Ordnungskriterien der Kunstgeschichte und -präsentation. Eine der frühesten Präsentationsformen war 1969 eine Aktion am Strand an der belgischen Küste, wo er mit einem Freund den Grundriss des Museums in den Sand malte. Die Flut löschte das Werk aus, nur Fotos von dem Happening sind überliefert. Exponate waren zunächst Postkarten mit Reproduktionen von Kunstwerken. 1970 zeigte die Kunsthalle Düsseldorf die „Section XIXe Siècle“, für die vom Kunstmuseum der Stadt acht originale Ölgemälde des 19. Jahrhunderts ausgeliehen wurden. In der aktuellen Retrospektive sind diese Werke von Scheuren, Achenbach, Feuerbach und anderen wieder zu sehen. Die Section Publicité arrangiert in Vitrinen in einem abgedunkelten Raum eine Fülle von Adlermotiven aus Alltagsmedien, vom Wein-Etikett über den Bundesadler auf der Packung deutscher Markenbutter bis zu Fotos von Wappen. Das Konzept der musealen Präsentation von Kunst wird durch Broodthaers‘ Arrangements in Frage gestellt.

Der Künstler bearbeitete aber auch das Problem des Bildes als Zeichen. Immer wieder nimmt er Bezug auf Magrittes berühmtes Gemälde „Der Verrat der Bilder“ (1929), das eine Pfeife mit der Aufschrift „Ceci n’est pas une pipe“ zeigt. Bei ihm gibt es Wandtafeln „Modèle: la pipe“ (1969). Aber er schuf auch das subversive Schulwandbild der „Animaux de la ferme“ (Tiere des Bauernhofs), lauter Bilder verschiedener Rinder, beschriftet mit Automarken: Chevrolet, Cadillac, Fiat, Mercedes ...

Broodthaers war ein früher Medienkünstler, in der Schau flimmern aber nicht Bildschirme, sondern rattern Filmprojektoren mit analogen Endlosschleifen. Wie poetisch ist es, dem Künstler zuzusehen, wie er in strömendem Regen versucht, ein Blatt Papier mit Tinte zu beschreiben, die gleich wieder ausgewaschen wird (1969).

All diese Elemente kombiniert er zu Raumkunstwerken, Inszenierungen wie dem „Jardin d’hiver“ (1974), der Topfpalmen, bemalte Stühle, Wandbilder und eine Filmprojektion zu einem seltsam unorientalischen Ensemble gruppiert. 1975 schuf er zwei Räume, die für Jahrhunderte standen: Das 20. Jahrhundert verbildlichte er mit Vitrinen voller Schusswaffen, Campingmöbeln und einem Puzzle, das 19. Jahrhundert mit Kanonen und einer präparierten Riesenschlange.

Bis 11.6., di – fr 10 – 18, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0211/ 83 81 204, www.kunstsammlung.de,

Katalog, Verlag der Buchhandlung Walther König, 49,80 Euro

Quelle: wa.de

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