Euphorischer Hardrock mit den Scorpions in Köln

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Gitarrist und einzig verbliebenes Gründungsmitglied Rudolf Schenker

[Update 15.05 Uhr] Köln - Eigentlich sollte ja schon längst Schluss ein: Nach einer ausgedehnten Welttournee, die 2010 begann, wollten die Scorpions ihre Instrumente in die Abstellkammer packen. Sechs Jahre und ein paar neue Veröffentlichungen später allerdings spitzt Sänger Klaus Meine zu „Wind of Change“ noch immer die Lippen - auch beim Konzert in der Kölner Lanxess-Arena.

Eigentlich schon im Frühjahr war das Hannoveraner Quintett im Rahmen ihrer Welttournee anlässlich des 50-jährigen Bandjubiläums zum Auftritt in der Domstadt erwartet worden. Damals machte eine Krankheit bei Meine der Band einen Strich durch die Rechnung. Jetzt also der Nachholtermin. 

Mit an Bord ist ein neuer Drummer. Mickey Dee von Motörhead hat den Stuhl am Schlagzeug von James Kottak übernommen. Auf der zweistöckigen Bühne hat er ganz oben den Panorama-Platz erwischt. Sein Schlagzeug-Solo zwischen emporschießenden Rauchsäulen sorgt für frischen Wind in einer durch und durch routinierten und recht kurzen Show.

Von Altersmüdigkeit ist beim Quintett allerdings keine Spur. Gitarrist Rudolf Schenker etwa, 68 und einzig verbliebenes Gründungsmitglied, lässt keinen Zweifel daran aufkommen, in welche Richtung es an diesem Abend geht: volle Fahrt voraus. Immer wieder prescht der drahtige Musiker über den Steg ganz nah an die Fans in der ersten Reihe heran, schneidet Grimassen, reißt sein Instrument in die Höhe und springt umher wie ein frecher Lausebengel, nachdem mit Sirenengeheul und einem eindrucksvollen Knall der Vorhang zu Boden gerauscht ist.

Scorpions spielen Konzert in Köln

Gelegenheiten, den echten Rocker raus zu lassen, gibt es reichlich, etwa beim polternden „Top of the Bill“ aus der frühen Schaffenszeit, bei „Blackout“, bei dem ein „Auspuff“ an Schenkers Gitarre für einen Nebelschweif sorgt, wenn er umher tigert, oder aber bei „Dynamite“ mit Riffs am laufenden Band und feinem Gitarrensolo. Apropos Solo: Beim Instrumental „Delicate Dance“ bekommt auch der zweite Gitarrist, Matthias Jabs, die Gelegenheit, sich an den Saiten besonders auszuzeichnen.

Ein bisschen was von allem gibt es beim Auftritt in Köln zu erleben: altes Material aus den 70ern, Songs von der aktuellen Platte „Return to Forever“, mit „Overkill“ ein Motörhead-Cover, ein feines Akustik-Set und natürlich viel euphorischen Hardrock. 

Wenn das Konzert einen Querschnitt des Gesamtwerks darstellen soll, dann müssen die Musiker natürlich aussieben. 18 Alben haben die Scorpions bislang veröffentlicht. Dass da live einiges auf der Strecke bleibt, ist klar. Sorgen, die großen Klassiker nicht zu hören, muss sich aber keiner der Fans machen, die zum Teil richtig schön stylisch mit Rockerkutten in der Arena aufschlagen.

„Send Me an Angel“ vom 1990er Erfolgsalbum „Crazy World“ wird unter einer mächtigen Discokugel in ein akustisches Kleid gehüllt – als Abschluss eines Medleys mit „Always Somewhere“ (1979) und „Eye of the Storm“ (2015), mit dem die Band elegant drei Dekaden der Bandhistorie verbindet – auch inhaltlich. Denn: In all diesen Songs gehe es um das Leben „on the road“ und den Weg nach Hause, erklärt Klaus Meine.

Zur Halbzeit erklingt „Wind of Change“. Die Fans freuen sich und singen mit. Statt Feuerzeugen leuchten Handybildschirme im Innenraum. Diese Erinnerung will sich ein Großteil der rund 10.000 Besucher im digitalen Speicher sichern. „Big City Nights“ wird, gemessen am Krawall der jubelnden Fanschar, ebenso sehnlichst erwartet. Als Zugaben sorgen die Scorpions mit „Still Loving You“ und „Rock You Like a Hurricane“ für eine Zeitreise in die 80er Jahre.

„Wir sind immer wieder gerne ins Rheinland gekommen“, erzählt Klaus Meine aus dem Nähkästchen. „Dann sind wir übers Kamener Kreuz gefahren und immer angekommen, auch wenn der Keilriemen mal gerissen ist.“ Der 68-jährige, in schwarzer Lederkluft gekleidete Frontmann entschuldigt sich für das ausgefallene Konzert. Ihm sei's damals nicht so gut gegangen – kein Wunder bei einer Kehlkopfentzündung. 

Einiges erlebt hat die Band in 50 Jahren. Da bilden derartige Unpässlichkeiten wohl nur eine Randnotiz. „Wir haben eine lange Reise hinter uns mit Höhen und Tiefen. Aber wir haben den Sturm stets überstanden“, sagt Meine. Klingt sentimental. Naht da doch bald der Abschied von der großen Bühne?

Quelle: wa.de

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