Elfriede Jelineks „Kein Licht“ als Musiktheater bei der Ruhrtriennale

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Elementarteilchen in Plastikkugeln: Szene aus „Kein Licht“ bei der Ruhrtriennale mit Caroline Peters und Niels Bormann.

DUISBURG - An Reizen mangelt es wahrlich nicht an diesem Abend. Das beginnt schon mit dem Hund Cheeky, der gleich am Anfang auf die Handzeichen seiner Trainerin präzise Töne jault, die vom Trompeter beantwortet werden. Eine frappierende Dressur, deren Bezug zur zerstörerischen Atomkraft sich freilich erst später erschließen wird.

Elfriede Jelinek hat 2011 die Katastrophe von Fukushima zum Anlass einer ihrer berühmten Wut-Texte genommen. Bei der Ruhrtriennale machten der Regisseur Nicolas Stemann und der französische Komponist Philippe Manoury aus „Kein Licht“ eine besondere Form von Musiktheater, kein Sing-, sondern ein Thinkspiel, was das Denken gleichsam zum szenischen Genre erhebt. In der Gebläsehalle des Landschaftsparks Duisburg-Nord wird aus dem Prosaausbruch ein multimediales Spektakel.

Da geschehen Dinge, die so nur in diesem rohen, weiten Industrieraum möglich sind. Transparente Container mit giftgrün leuchtendem Glibber werden bestiegen oder am Kran in die Höhe gezogen und am Ende flutet ihr Inhalt die Bühne. Auf die Wände rund ums Publikum werden Bilder projiziert, grobkörnige Bilder von bewegtem Meer, mediale Bilder der gefluteten Reaktoranlage, aber auch Impressionen einer Autofahrt durch Paris und das munter herumalbernde „Atomi“, eine Handpuppe, die zunächst real in einen Sarg befohlen wird („Ich hol’ sonst Jürgen Trittin!“), und dann verdutzendfacht als Filmprojektion die Zuschauer umzingelt. Von höchster Virtuosität zeugen Momente, wenn ein filmischer Wasserschwall so um eine reale Treppe läuft, dass beides visuell völlig verschmilzt.

Auch sonst spart die Produktion an nichts: Zwei prominente Schauspieler sprechen den Text, Niels Bormann vom Maxim Gorki Theater Berlin und Burgschauspielerin Caroline Peters, die man als TV-Ermittlerin aus „Mord mit Aussicht“ kennt. Jelineks Text wird als Dialog zweier Orchestermusiker gedeutet, der ersten und der zweiten Geige, und natürlich hat jeder einen Instrumentalisten an der Seite, der dann auch mal in die Saiten langt.

Neben dem Apparat für Computermusik gibt es das Kammerorchester United Instruments of Lucilin, das Vokalquartett Croatian National Theater Zagreb sowie die Sängerinnen Christina Daletska, Sarah Sun, Olivia Vermeulen und den Sänger Lionel Peintre. Sie alle sorgen für überwältigende Momente. Insbesondere die Vokalisten beweisen auch große darstellerische Qualitäten, zum Beispiel wenn sie zu dritt die große Atomi-Handpuppe führen. Und nach der Katastrophe, wenn Jelineks Text davon handelt, dass da auch leidende Tiere sind, die versorgt werden müssen, die gar sterben, da bilden die Sängerinnen auf allen vieren ein Rudel mit Cheeky, und sie krepieren sehr malerisch.

Dazu läuft eine Musik, die sich durchaus bei populärem Material bedient, die Hitchcock-Horror ebenso zitiert wie das postromantisch-dissonante Opernpathos eines Alban Berg, die einmal Flötenlyrismen von Debussy einsetzt und dann wieder die klickernden Geräuschketten und magenbedrückende Schwelltöne des Rechners. Das Publikum wird längst nicht überfordert, eher werden Erwartungen bedient.

Das funktioniert als Unterhaltung erstaunlich gut. Es gibt sogar öfter etwas zu lachen, auch weil die Inszenierung nicht vor kabarettistischen Pointen zurückschreckt. So wird der inzwischen sprichwörtliche Satz „Wir schaffen das“ gleich mehrmals zu „Wir lassen das“ verfremdet. Peters und Bormann wechseln immer wieder die Kostüme. Erst kommen beide im silberglänzenden Abendkleid, dann tragen sie eine Art Teletubbie-Kostüm, dann machen sie Selfies vor der auslaufenden Giftbrühe, dann steigen sie in große Plastikkugeln und gleiten als Elementarteilchen über die geflutete Bühne. Und wenn auch weite Textpassagen gesungen werden, bleibt ihnen noch genug Wortschwall übrig, den sie souverän und wunderbar natürlich vortragen.

Das ist mit viel Phantasie erdacht, voll überwältigender Effekte und virtuos interpretiert. Aber die chaotische Katastrophen-Show raubt den Jelinekschen Ausbrüchen die Durchschlagskraft. Und der groß angekündigte Nachtrag zu Trump erschöpft sich in eher marginalen Witzen über den Missbrauch des Präsidentenamts mit Werbung für die Mode seiner Tochter Ivanka. Diese Texte verlieren durch das visuelle und akustische Beiwerk. Wer mag auch noch über die eigene Beteiligung an einer Konsumgesellschaft nachdenken, die letztlich in die Energiekrise führte, wenn Atomi weint und Cheeky heult?

1., 2., 3.9., Tel. 0221/ 280 210, www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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