Essens Ruhrmuseum zeigt „Der geteilte Himmel“ und die Reformation

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„Das Jüngste Gericht“ malte Melchior Steinhoff, 1604. Das Gemälde ist in der Ausstellung „Der Geteilte Himmel“ im Ruhrmuseum Essen zu sehen.

ESSEN Wann kam die Reformation in den Westen? Martin Luther hatte mit seinen Thesen 1517 innerkirchliche Reformen angestrebt. Im Rheinland und in Westfalen war er nie. Und doch bewegten die Herzöge von Jülich-Kleve-Berg reformatorische Gedanken in dieser Zeit, die aber vom Monisten Erasmus von Rotterdam angestoßen wurden. Humanisten wirkten am Niederrhein. Korruption und Ablasshandel in der katholischen Kirche stieß auch ihnen auf. Aber Kirchenspaltung? Nein. Luthers Übersetzung fußt auf der Fassung des Neuen Testaments, die Erasmus vorgelegt hatte.

Die Ausstellung „Der geteilte Himmel. Reformation und religiöse Vielfalt an Rhein und Ruhr“ zeigt ab Sonntag einen besonderen Weg dieser Region, die kein Kernland des Protestantismus war, aber durch Glaubensflüchtlinge aus den Niederlanden früh zur Toleranz gegenüber Andersgläubigen fand. Bereits der Augsburger Religionsfriede, der 1555 die Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten eindämmte, musste hierzulande nicht umgesetzt werden. Den Glauben des Landesherren übernehmen, dem war an Rhein und Ruhr niemand unterworfen. Die Herzöge von Jülich-Kleve-Berg waren für ihre Zeit liberal. So entschieden sich Städte und Gemeinden, welcher Konfession sie angehörten. „Tröpfchenweise“, sagt Theo Grütter, Direktor des Ruhrmuseums, der mit seinem Team 800 Exponate von 250 Leihgebern zusammengetragen hat. Es ist eine ambitionierte Schau in Essen geworden, die nicht nur in zehn Kapiteln die Geschichte des Glaubens in NRW erzählt. Es ist eine Landesschau, die 250 Religionsgemeinschaften präsentiert. „Nur in New York gibt es ähnlich viele Religionsgemeinschaften“, sagt Grütter und ist stolz auf eine Migration über die Jahrhunderte. Zu der zählt beispielsweise die Familie Kreupe aus Holland. Glaubensflüchtlinge des 16. Jahrhunderts, die sich in Essen dann Krupp nannte und die Industrialisierung maßgebend beeinflusste. Protestanten kamen aus Masuren, Katholiken aus Polen, orthodoxe Christen aus Griechenland, Muslime erst aus Jugoslawien, dann aus der Türkei, um nur einige zu nennen. Neben allen Ausstellungen zur Reformation, die in diesem Jahr zu sehen sind, hat das Ruhrmuseum dieses Spezifikum zu bieten: Migrationsgeschichte.

„Und ob gläubig oder nicht“, sagt Grütter, „das Problem der Religion treibt uns um.“ Die Schau „Der geteilte Himmel“ ist hoch aktuell. Es werden Fragen gestellt, die zeigen, dass sich Religionen um die gleichen Themen bemühen: Schriften (Bibel, Koran, Tora...), Riten, Glaubenspraktiken, Feiertage, Tod, Pilgerfahrten, Gotteshäuser, Klangwelten.

So dokumentiert die Ausstellung neben der Reformation und der historischen Frage, was ist der richtige Glaube, auch vergleichend die aktuelle Koexistenz der Glaubenspraktiken. Neben schlichten Kleidern zu Firmung und Konfirmation hängt ein Festkleid mit rotem Schleier zum Henna-Abend. Am Vortag der muslimischen Hochzeit trägt die Braut ein festliches Kleid mit goldfarbenen Stickereien. Fotos von Gebetshäusern wie der Sri-Kamadchi Ampal-Tempel in Hamm-Uentrop und dem Shin-buddhistischen Tempel in Düsseldorf. Die eigene Frömmigkeit wird unterstrichen mit einer Lakshmi-Statuette (Indien), der vielarmigen Gottheit des Glücks und der Liebe. Und eine jüdische Kinder-Kippa mit der Ansicht von Jerusalem zählt dazu. Außerdem Turbane, Kopftücher, Standkruzifixe, Andachtsbilder, Mantraketten. Zehn Themen werden in Kabinetträumen vorgestellt, eine immense Vielfalt. Man braucht Zeit!

Nach den Verheerungen durch den 30-jährigen Krieg (1618–1648) sollten in der frühen Neuzeit Aufklärung und Pietismus das Individuum im christlichen Glauben stärken. Das Wort wurde wichtiger als das Bild. Gerhard Tersteegen (Mülheim) übersetzte Thomas von Kempens reformatorische Schrift „von der Nachfolge Christi“. Von Kempen stand der „Devotio-Moderna“-Bewegung nahe, der Erasmus von Rotterdam Impulse gab. Ein Exemplar von 1740 ist in Essen zu sehen. Von der Freimaurerloge „Zum hellen Licht“ aus Hamm sind ein Bijoux (Schatz) und ein Logenglas ausgestellt. Fern konfessioneller Überzeugung setzte eine der ältesten Logen (1791) im Lande auf den Humanismus.

Zu den katholischen Territorien zählte das Herzogtum Westfalen seit 1609 – mit Werl als nördlichster Stadt. Die Vest Recklinghausen blieb bis 1815 katholisch. Und Köln war als Sitz des Erzbischofs immer ein Zentrum des Glaubens. Nachdem Preußen die evangelische Konfession zum Staatsglauben 1817 erhob, erreichte der „Kulturkampf“ 1871 unter Bismarck seinen Höhepunkt. Der Reichskanzler unterband den Einfluss der katholischen Amtskirche im Kaiserreich.

Im Revier waren gerade die Unternehmer darauf bedacht, Frieden in der Belegschaft zu sichern. Emil Kirdorf (Gelsenkirchen) stellte gern protestantische Masuren in seinen Bergwerken ein, weil er ebenfalls evangelisch war.

In Dortmund, das seit dem Mittelalter freie Reichsstadt war, erhöhten Arbeitsmigranten aus Polen den Anteil von Katholiken in der Stadt. Wohnviertel entwickelten sich nach Glaubenszugehörigkeit. Es gelang ein Nebeneinander, auch weil man zusammen arbeitete.

Die Toleranz einer historischen Migration ist eine Botschaft der Ausstellung.

Die Schau

Die Wege der Reformation in NRW zeichnet eine ambitionierte Schau nach und demonstriert, dass Migration schon immer das Revier charakterisiert hat.

Der geteilte Himmel. Reformation und religiöse Vielfalt an Rhein und Ruhr. Eröffnung Sonntag, 17 Uhr; bis 31.10., täglich 10 bis 18 Uhr;

Tel. 0201/ 24681 444;

www.ruhrmuseum.de

Katalog Klartext Verlag 24,95 Euro

Quelle: wa.de

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