„Fenster“: Das Museum Küppersmühle in Duisburg zeigt David Schnell

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Irritierende Linien vom Fluchtpunkt aus: David Schnells Gemälde „Glas“ (2010), zu sehen in Duisburg.

DUISBURG - Man hat den Eindruck, in eine Explosion zu blicken. Die getüpfelten Partien in den Ecken von David Schnells Gemälde „Glas“ (2010) sehen aus wie das Blattwerk eines Gesträuchs. Aber am tiefliegenden Horizont, am Fluchtpunkt des Bildes, ist eine Zone, von der blaue, weiße, rosa Linien ausgehen wie Leuchtspurgeschosse. Vielleicht liegt dort aber auch blaugrünes Loch, das alle Materie unwiderstehlich einsaugt, und die ganze Dynamik wirkt implosiv in das Bild hinein.

Der Künstler möchte das nicht festlegen. Er wolle gerade den Bildraum offen lassen, damit jeder Betrachter sich seine eigene Geschichte hineindeuten kann, sagt er im Duisburger Museum Küppersmühle. Das Haus zeigt von morgen an die umfangreiche Ausstellung „Fenster“ mit mehr als 40 überwiegend monumentalen Gemälden und einem Dutzend Radierungen.

Schnell wurde 1971 in Bergisch Gladbach geboren. Er studierte an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und ist Meisterschüler von Arno Rink. Er wird zur Neuen Leipziger Schule gerechnet, einer Gruppe sehr unterschiedlicher Künstler, die seit einigen Jahren sehr erfolgreich ist, und deren prominentester Vertreter Neo Rauch weltweit Spitzenpreise für seine Gemälde erzielt.

Auch Schnells Werke waren schon international zu sehen, in Ausstellungen in Texas, Dubai, Puerto Rico. 2009 gewann er den Wettbewerb für die Gestaltung eines Fensters für die Leipziger Thomaskirche.

Schnell steht in der Tradition der Landschaftsmalerei, und wie bei niederländischen Barockmeistern liegt bei seinen Bildern der Horizont niedrig, so dass der Himmel mächtig auf der Welt lastet. Im hochformatigen Bild „Niveau“ (2014) erkennt man in einem mächtigen Gewölk aus blassen Blau-, Gelb- und Rottönen ein Dorf, das sich im unteren Bildviertel aus dem Fleckengewirr schält: Straßen, Felder, Häuser, eine Kirche. Andere Tafeln flirren irritierend zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion: In „Nest“ (2012) meint man, eine Art Park zu sehen, die gelbgrüne Farbigkeit lässt an sommerliche Blätterfülle denken. Tatsächlich bedeckt hier nur ein Muster aus Farbflecken die Leinwand. Und so sehr man in „Rot“ (2009) und „Blau“ (2010) auch einen lichten Wald sehen will, am Ende sind es nur pointillistische Pinselstriche, zudem in völlig unnatürlichen Farben, die auch die Titel bestimmten.

Manche Gemälde entstehen aus Erinnerungen. Fünf Bilder schuf Schnell speziell für die Duisburger Ausstellung, zwei davon, erzählt er, verarbeiten enge Gassen, die er in Neapel gesehen hat. Das in Rottönen gehaltene „Quartier“ und das blaue „Licht“ (2017) zeigen jeweils zwei mauerartige, mit Fensteröffnungen besetzte Flächen, die aufeinander zulaufen. Die drei Meter hohen Tafeln können beim Betrachter Gefühle der Beengung wecken, denn es gibt in ihnen keinen Boden, keinen Weg, und sie zeigen Sackgassen.

So sehr Schnell in der Kunstgeschichte wurzelt – „Becken“ (2016) erscheint wie eine Variation auf eins von Monets Seerosenbildern –, so sehr verarbeitet er auch moderne, digitale Bildwelten. Der Eindruck von grober Pixelung, die seriellen Momente, das Gefühl von Schwerelosigkeit, die Auflösung von Standpunkten – das alles leitet Schnell aus Computerspielen und virtuellen Visualisierungen ab. Die Perspektive spielt in seiner Malerei eine besondere Rolle. Er setzt Fluchtpunkte so, dass der besondere visuelle Sog oder auch die Abstoßung entsteht, jedenfalls eine Dynamik, der sich der Betrachter nicht entziehen kann. „Spiel“ (2012) zeigt eine Art Graben, der mit schnurgeraden Kanten in eine von einer Art Tarnmuster in schillernden Farben überzogene Szenerie geschnitten ist. Das könnte die Szenerie eines Cybergames sein, bei dem jeden Moment ein Roboter um die Ecke schaut. Und das „Portal“ (2015) wirkt wie ein virtuelles Dekor, ein Bildschirmschoner mit einem unendlichen Strom von Farbflecken.

Die schillernde Mehrdeutigkeit gibt den Bildern Schnells ihren Reiz.

10.3.–18.6., mi 14 – 18, do – so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0203/ 301 948 10, www. museum-kueppersmuehle.de,

Katalog, Wienand Verlag, Köln, 25 Euro

Quelle: wa.de

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