Flexn ist ein neuer Tanzstil aus New York, der bei den Ruhrfestspielen begeistert

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Die Tänzerinnen und Tänzer der Formation D.R.E.A.M. Ring tanzen ihr Stück „Flexn“ in The Park Avenue Armory in New York. Im Festspielhaus Recklinghausen feierten sie eine bejubelte Deutschlandpremiere bei den Ruhrfestspielen.

RECKLINGHAUSEN Jubel, Begeisterung, Applaus, das ganze Festspielhaus steht auf und winkt dem D.R.E.A.M. Ring zu. Drei Tänzerinnen und dreizehn Tänzer aus New York rappen die Ruhrfestspiele. Sie entfesseln ein Wucht aus Musik und Bewegung, die ganz neu ist. Ihr Stil hebelt die Schwerkraft aus und zelebriert das Unerwartete. Ihr Stück „Flexn“ feierte am Grünen Hügel Deutschlandpremiere. Wow!

Dabei fing alles ganz sachlich an. Regg Roc, eigentlich Reggie Gray, sitzt mit Regisseur Peter Sellars, der Tänzerin Martina Heimann („Android“) auf der Bühne und spricht mit Flüchtlingen aus Somalia, Iran, Ghana und dem Libanon. Es geht um Menschenrechte. Abdul Fata ist über Sudan, Libyen, Italien, Schweiz, Holland nach Deutschland gekommen. „Ich möchte Frieden und Freiheit“, sagt er bescheiden, dann fließen Tränen, und er hält sich die Hand vors Gesicht. Sein Statement ist nicht das einzige, das berührt, und in Recklinghausen kommt zur Bühnenkunst auch eine politische Haltung. Für die Company aus New York ist ihr Tanz ein Ausrufezeichen gegen Rassismus, Polizeigewalt und Justizwillkür. Sie formen mit der Flexn-Bewegung ihre Identität, ihr Selbstverständnis, das es schwer hat über Brooklyn hinaus, Bedeutung zu erlangen. Aber seit 2015 ändert sich das.

Der Tänzer und Choreograf Regg Roc erinnert an den Afroamerikaner Eric Garner, der 2014 im Klammergriff von Polizisten starb. Er war Asthmatiker, sein „I can’t breath“ war auch in unseren Nachrichtensendungen zu hören. Vier Wochen später erschoss ein Polizist den Schüler Michael Brown in Ferguson, Missouri. Es gab wieder Rassenunruhen in den USA. Danach entschlossen sich die Flexn-Tänzer, ein Stück zu erschaffen und rauszugehen. Roc, der seit 2009 die Flexn-Community entwickelte und in Wettbewerben zusammenführte, traf den Regisseur Peter Sellars, und beide machten Flexn zu einer neuen Tanzmarke.

Für Sellars sind die Flexn-Bewegungen ein Überlebensimpuls aus den Randvierteln New Yorks. „Aus dem zerbrochenen Ich etwas Neues machen“, das sei das individuelle Ziel der Tänzer, erklärt Sellars. Damit hebt der amerikanische Theaterregisseur auf die Biografien ab, die in „Flexn“ zu einzelnen Kapiteln werden. „Action People“ nennt er sie in Recklinghausen und schlägt den Bogen zu den Flüchtlingen und zum Publikum. Nun passiert was.

Auf der Bühne – die Stühle sind abgeräumt – taucht die Company auf. Es ist wie ein Treffen, wie am Rande Brooklyns, wo jeder seine „Moves“ vorstellt. Sie gehen zurück auf den jamaikanischen „buk-up-dance“, der aggressive Kampfhandlungen aufgreift. Sie kennen den Moon-Walk von Michael Jackson, entwickeln ihn weiter. Und die magische Körperverschiebung gelingt sogar auf Knien! Das ist einfach erstaunlich. Das „bone-breaking“, als eins von fünf Hauptelementen des Flexn, tut schon beim Zuschauen weh, so atypisch und ungesund stehen Arme und Beine zueinander. Dass daraus eine fließende Bewegung wird, hängt auch mit einer Dramaturgie zusammen, die den Einzelnen aus seinem Niedergang wieder aufrichtet. Flexn ist vor allem ein Solotanz, der in Bewegung abbildet, wie Afroamerikaner nach erlittenen Demütigungen, Schlägen und Verurteilungen jeden Knochen einzeln erheben, um wieder aufrecht zu gehen – mit erhobenem Haupt. Flexn ist eine seelische Aufrichtung, eine Selbsttherapie.

In Recklinghausen gelingen dazu authentische Bildgeschichten. In „Bank’s Story: Cry Me A River“ tanzt James Davis seine Biografie als extremes Körperdrama, so verschoben und verwrungen sind seine Gliedmaße. Mit pantomimischen Techniken macht er Isolation spürbar. In der Choreografie „Love“ wird Zweisamkeit als Konfliktszenario abgebildet. Martina „Android“ Heimann sucht als geschlagene Frau Schutz und Neuanfang. Ein Pas de deux findet nicht statt.

Zu dem Musikmix aus HipHop, Rap und R&B zählen nur ein zwei Popnummern und der Bombastrock von Evanscence („Wake Me Up Inside“). Es ist ein harter Soundtrack zu Bandenkrieg, Schläge- und Schießereien („Slicc’s Story“) und zu einem Alltagsporträt, wenn Scorp alias Dwight Waugh sein Schicksal als Fed-Ex-Fahrer schildert. Das ist auch kein Leben!

Flexn-Tänzer waren schon in Musikclips von Sean Paul und Nicki Minaj zu sehen. Ihre Bühnenshow vor Ben Zamoras Lichtröhrenwand setzt schlaglichtartig oder in Zeitlupe Gewalt in Szene. Und wenn sie sich die Arme überdrehen, kugeln und verbiegen, erinnern sie damit an rabiate Polizei-Zugriffe. Flexn holt sie da raus.

Quelle: wa.de

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