Frank Schulz beschließt Roman-Trilogie: „Onno Viets und der weiße Hirsch“

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Frank Schulz

88 Minuten dauert die Fahrt von Hamburg nach Finkloch, das auswärtige Besucher lieber „Funkloch“ nennen. Kein Netz. Dieses Dorf mit drei Sackgassen und 311 Ureinwohnern dämmert so abgelegen vor sich hin, dass sich selbst Onno Viets hier sicher fühlt.

Nach dem Desaster seiner ersten Detektivarbeit im Fall des „Irren vom Kiez“ leidet der Held in Frank Schulz’ neuem Roman an einer posttraumatischen Belastungsstörung. Er findet Zuflucht bei den geliebten Schwiegereltern. Und die spießige Dorfidylle von Familienfesten, Rauchpausen im Garten und Ausflügen zum Hochsitz ist Balsam für die geplagte Onno-Seele. Doch selbst in Finkloch ist die Welt längst nicht mehr heil. Die Ureinwohner tragen eine Dauerfehde mit der „Katzenzenzi“ aus, die im ehemaligen Försterhaus ein Esoterik-Zentrum eröffnet hat. Da die Mondanheulerinnen die Jagd stören und die zahlreichen Katzen die Vogelwelt dezimieren, kein Wunder. Und manchmal taucht die geschossene Mieze, die eigentlich im Maisfeld sicher entsorgt war, wieder auf: an ein Kreuz geschlagen. Dann aber stirbt ein Dorf-Original auf dem Hochsitz und hat einen Zweig im Mund – den bekannten waidmännischen „letzten Bissen“.

Dieser Roman ist das Abschlussstück einer Trilogie um den eigenwilligen Detektiv, der eigentlich nur im ersten, 2012 erschienenen Band einen Auftrag annimmt. Jedes der drei Bücher hat Schulz anders konstruiert, „Onno Viets und der weiße Hirsch“ beginnt als bukolische Komödie, entfaltet dann aber eine Familientragödie mit realem Hintergrund. Schulz hat in dem Buch die Geschichte seines Großvaters verarbeitet, der 1945 von einem russischen Militärgericht als Staatsfeind verurteilt und erschossen wurde. Da war sein Sohn zehn Jahre alt – und erlitt ein Trauma, das ihn Jahrzehnte später so plagte, dass er in eine Klinik musste. All das lässt Schulz in seinen Roman einfließen, er spricht der Geschichte der Kriegskindheit die „Qualität eines eingekapselten Familientumors“ zu. Es ist große Kompositionskunst, wie er das spät ausbrechende Drama eines Kriegskindes an die zunächst so heiteren Dorfkapriolen anbindet.

Je länger man liest, desto mehr verliert sich auch der unverbindliche Frohsinn. Schulz schlägt Schneisen durch die deutsche Nachkriegsgeschichte. Die Finklocher Ureinwohner sind alles andere als unbescholtene Sonderlinge. Die Vergangenheit ist präsent, sei es in Form von Kriegswaffen der Nazizeit auf dem Grund des Löschteichs, sei es im Bewusstsein der Dörfler, von denen sich einige zu Zeiten des RAF-Terrors zusammenrotteten, um die Kommune um Katzenzenzi aufzumischen. Eine Kiste mit alten Flugblättern und Magazinen wird zum Anlass eines zeit- und kulturgeschichtlichen Schnelldurchlaufs durch die 1970er Jahre. Wunderbar infam macht er den Leser zum Komplizen der spießigen Dorfgemeinschaft, die die anarchischen Späthippies, die Fremden, einfach hasst, ohne dass man wirklich einen Grund erführe.

Und all das kristallisiert Schulz zu einer stringenten Geschichte, wobei die Frage „Meinst du, Nelkenheini taucht auf“ nicht überlesen werden darf. Die Identität dieser zentralen Figur lüftet der Autor erst spät, aber in ihr verbinden sich historische Konflikte und persönliche Tragödie.

Man muss aber auch noch über die Sprache reden. Wie Schulz das Grill-Büffet zu Henrys 70. Geburtstag in einer barocken Aufzählungssuada feiert oder das Zerlegen eines Rehbocks zum schulbuchmäßigen Erklärstück ausweitet (was ganz organisch daherkommt, weil der Jagdlaie Onno daneben steht), wie er Alpträume beschwört und fehlerdurchsetzte Flugblätter einmontiert, wie er vor allem gesprochene Sprache abbildet, Dia- und Soziolekte, das zeugt von einzigartiger Virtuosität. Und wenn Onno die Sinne schwinden in einem Anfall von Verwirrung, dann wirbelt Schulz die Buchstaben durcheinander. Wie er die Kohlsuppen-Kalamitäten einer Städterin mählich anschwellen lässt zur furiosen Pointe, ist ein Meisterstück der Erzählökonomie. Und wie lieblich klingt seine Beschreibung eines Roggenfeldes zwischen Brotduft und Güllegestank. Und die Wörter, die er findet: „geselligkeitsgestählt“ und „Dünkel-Brötchen“.

Ja, Literatur, selbstverständlich, komplex und gehaltvoll. Aber mit dem Unterhaltungswert eines guten Krimis.

Frank Schulz: Onno Viets und der weiße Hirsch. Galiani Verlag, Berlin. 358 S., 19,99 Euro

Quelle: wa.de

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