„Geierabend“ in Dortmund feiert den „Planet Pott“

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Bäume habens auch nicht immer leicht: Szene aus dem „Geierabend“ mit Martin M. Risse (links), Sandra Schmitz und Roman Henri Marczewski als Nordstadt-Gewächse.

DORTMUND - Einmal im Mittelpunkt stehen, einmal zu den Größten zählen, wer möchte das nicht? Beim „Geierabend“ in Dortmund ist das menschliche Geltungsbewusstsein, und was im Ruhrgebiet daraus werden kann, ein festes Sujet. Auf der Zeche Zollern II/IV in Dortmund wird dazu eine herrliche Nummer gegeben.

Zwei Ruhrpott-Bäume berichten vom Überlebenskampf („Hundepisse“) im Dortmunder Norden. Während Roman Henri Marczewski, der Präsi, und Martin M. Risse durch graubraunes und zerrissenes Sackleinen maulen, tauchen zwei Tannen mit roten Kugeln auf und streben zum Hansaplatz. Dort steht der höchste Weihnachtsbaum der Welt und ist für die Stämme vom Straßenrand-Nord nicht zu erreichen. Als Blautanne in 7. Generation macht dagegen Sandra Schmitz eine gute Figur (neben Murat Kayi) und wendet sich keck den höheren Aufgaben zu. Mit Häme reagieren die schäbigen Gehölze auf die „Saisonarbeiterinnen aus dem Sauerland“.

„Planet Pott“, das 26. Programm der achtköpfigen Geierbande um Regisseur Günther Rückert, zählt zu den guten Jahrgängen des alternativen Ruhrgebietkarnevals. 38 Abende sind bis Aschermittwoch geplant. Der Steiger führt souverän und locker durchs dreistündige Programm (Pause: 30 Minuten). Martin Kaysh füllt seine Figur mit politischer Analyse und humanen Standards aus, wie sie besser zum Ruhrgebiet nicht passen können. Den Pannekopp-Orden erhält nach Saalabstimmung die AfD-Frontfrau Frauke Petry. Sie hatte in ihrer Heimatstadt Bergkamen „No-Go-Areas“ ausgemacht und bundespolitisch ausposaunt, was dem Publikum nicht gefiel. Der Steiger schätzt Petrys Alter so zwischen „33 und 45“. Und die „No-Go-Area“ hätte sie wohl immer mit sich geführt.

Zwar fehlen in dieser Saison die „Awo-Oppas“, aber auf politische Entwicklungen wird sehr bildstark reagiert. Die Freiheitsstatue hält eine Flasche Mariacron hoch und ersäuft ihren Kummer über die Trump-Wahl. Sie haut ab nach Paris, wo ihr Marie Le Pen keine Freude macht. Und Polen? Nein, Miss Liberty ist am Ende und heuert in Bottrop-Kirchhellen an. Der Movie Park bietet ihr als Plattform fürs Bungee-Jumping ein Gnadenbrot. Wieder überrascht Sandra Schmitz, die als jüngstes Mitglied des Geierabends viel Sinn für Drama und Darstellung beweist. Auch in der beinharten Nummer, wenn sie mit Franziska Mense-Moritz einen „Malte“ besucht, der zum IS konvertiert ist („Hallomaleikum“). Oma und Mutter haben je einen Arme verloren, aber egal, Ruhris sind hart im Nehmen, und hoffnungsvoll verzweifelt sind sie in ihrer Rag’n’Bones-„Human“-Version. Das ist rockig wie soulig gesungen und kreuzt die fiese Begegnung mit Kämpfer Machmut und den Menschenkillern.

Mit Musik setzt Roman Henri Marczewski ein paar poetisch-verschrobene Töne, wenn er mit einer Taube (aus Stoff) „Hinter der Halde“ verschwindet. Ja, melancholisch und sensibel ist der Ruhri schon mal, oder er macht sich über den Kölner Karneval lustig. Grönemeyers „Männer“-Hymne wird nach den Bläck-Fööss zu „wann ist der Jeck ein Jeck“ verkalauert. Eine inbrünstige A-Cappella-Nummer.

Neben der fünfköpfigen Band mit Gilda Razani und ihrem Amy-Winehouse-Bienenkorb dominieren starke Organe den Geierabend. Ganz vorne weg zählt Hans-Martin Eickmann dazu, wie er mit Volumen und Gesichtsmotorik den Vater der Ruhrgebietsfamilie verballhornt, das ist stilsicher und erschreckend zugleich. Alle sollen mit ihm auf den Mars, um der Trostlosigkeit des Alltags zu entgehen. Das kommt vor allem fies rüber und muss nicht schrecklich nett sein.

Willkommen ist in Dortmund immer Joachim Schlendersack aus dem Sauerland. Martin F. Risse gibt ihn unnachahmlich. Diesmal wird eine Persische Familie eingemeindet mit ihren Söhnen Sindbad, Aladin, Alibaba und Ralf, Kurzform für Raschid al Forno. Das Sauerland-Lied erklingt, das Gülle-Stübchen brummt, und „der Pillemann steht nicht“, wie immer, „kaputt, putt, putt“.

Am 26. „Geierabend“ sollen Ruhris aus 53 Städten ein Zuhause finden: „Planet Pott“. „Zwei vonne Südtribüne“ haben schon eins, das Westfalenstadion. Wenn Lollo einer kleinen dicken Fee am Borsigplatz begegnet, gibt es Geschichten für die BVB-Seele. Und wer sieben Jahre ohne Alkohol lebte, bevor er eingeschult wurde, der kann auch mal „nein“ sagen zum Bier, also ein „hinein“.

Am Ende erklingt die Liebeserklärung „Dortmund“, die von allen Premierengästen mitgeschmettert wird, nach Petula Clarks „Downtown“. Ob die Schalker im Saal mitgesungen haben – auf dem Planet Pott?

Bis 28. Februar, meist mittwochs bis Sonntag, jeweils 19.30 Uhr, am Wochenende nur noch Restkarten, Tel. 0231/14 25 25;

www.geierabend.de

Quelle: wa.de

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