„Geometrie des Verzichts“: Jiddische Dichterin Debora Vogel wiederentdeckt

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Debora Vogel auf einer undatierten Aufnahme.

Diese Klänge sind in Deutschland lange verstummt: „far firekn papirne shtayfn sikh royt bastrakhene krayzlekh. / kantike un papir-shtayfe, vi mentshn basheftikte: / georginies royte.“ Das Gedicht „flakhe mitog-dekoratie“, aus dem diese Verse stammen, erschien 1924, auf Jiddisch. Und wenn man das mal laut liest, versteht man fast alles: „Vor papiernen Vierecken versteifen rotgestrichene Kreislein. / Kantig und papiersteif wie die beschäftigten Menschen: / Rote Georginen.“

Debora Vogel hat diese wunderbaren Zeilen geschrieben, in denen sie fast wie ein kubistischer Maler die Blumen aus geometrischen Formen erscheinen lässt – und doch noch Raum findet für ein feines Detail, das den modernen Menschen erfasst. Die Dichterin, 1900 in Bursztyn in Galizien geboren, mithin Bürgerin des österreichisch-ungarischen Kaiserreichs, 1942 im Ghetto in Lemberg ermordet, ist heute so gut wie unbekannt. Ein opulentes Buch soll das ändern, der Band „Die Geometrie des Verzichts“ enthält mehrere Gedichtsammlungen, erzählende Prosa, die Vogel als Montagen bezeichnete, Essays und Briefe bieten eine Übersicht über ein überraschendes Werk. Und man kann sogar den Sound dieser Dichterin ins Ohr bekommen, denn alle Gedichte sind im jiddischen Original und in Übersetzung abgedruckt.

Am ehesten kennen Kunst- und Literaturfreunde Debora Vogel heute als „Muse“ des Malers und Schriftstellers Bruno Schulz, mit dem sie befreundet war und dessen Werk, vor allem der Prosazyklus „Die Zimtläden“, vor einigen Jahren wiederentdeckt wurde. Aber die Tochter einer Familie von Verlegern war viel mehr. Sie hatte mit einer Arbeit über die Hegelsche Ästhetik promoviert, arbeitete in Lemberg/Lwow als Dozentin für Psychologie. Und sie schrieb, in Jiddisch, Polnisch, Deutsch. Galizien war auch zwischen den Kriegen eher Provinz. Aber Vogel bereiste die Metropolen, Paris, Wien, Stockholm (wo ihr Onkel lebte), New York. Und sie war auf der Höhe der Zeit, zitiert in der „Ballade von einem Straßenmädchen“ aus Brechts „Dreigroschenoper“, bezieht sich auf Thomas Mann. In ihrer Lyrik übersetzt sie Stilmittel der modernen Kunst, zum Beispiel des Kubismus, in Literatur. Nach allem, was man den spärlichen Quellen entnehmen kann, scheint die Gattin eines Architekten ein ausgesprochen emanzipiertes Leben geführt zu haben.

Und auch wenn sie Monotonie als Stilmerkmal proklamiert, erweist sich ihre Dichtung als ausgesprochen welthaltig. Sie schreibt urbane Stadtpoesie, bedichtet farbige Lichtreklame mit frischen Farbnuancen und originellen Bildern („Nur saugen am farbigen Lichtfleisch.“). Die „Stadtgroteske Berlin“ zum Beispiel knüpft in der Lust an Farbmetaphern beim Expressionismus an, aber Vogel spielt auch mit Schriftgrößen und montiert Plakate und Schriftbänder in den Text ein. Für Romantik ist hier wenig Platz, für schöne Bilder schon: „Auf der Place de la Concorde in Paris / tanzen Autos mechanisches Ballett / um eine Säule aus kühlem Glas.“ Sie macht Schneiderpuppen, Heringsfässer und Kakerlaken („schwarz papierne Ellipsen“) zum Stoff von Lyrik. Sie ist nicht einfach nur „experimentell“, betont sie: „Dieser Formversuch ist eine Notwendigkeit, erreicht und bezahlt mit Lebensversuchen.“

Dass sie an Brecht geschult ist, liest man ihren „Schundballaden“ ab, in denen sie auch Straßenmädchen besingt. Aber man lese auch ihre „Legende von den Bankhäusern“, in der sie Geldpolitik schildert: „Sieben Milliarden Dollar / überfluteten nun die Welt / bewahrten die Weltstabilität.“ Und selbst das „klebrige öde Erdöl“ ist bei Vogel poesiefähig.

In ihren Essays erweist sie sich als ausgesprochen hellsichtig. Man lese nur „Menschliche Exoten“, wo sie die Strategien rassistischer Ausgrenzung beschreibt. Anlass ist das Buch eines polnischen Autors über eine Afrikareise, aber mit geschärften Sinnen entdeckt Vogel in einer Reportage über den Warschauer Cheder die Formulierungen, mit denen „Menschen zu Exoten“ gemacht werden, indem man auf sie eine Sprache der Fremdheit anwendet: „Mützen auf ihren von Flöhen wimmelnden Köpfen...“ Da findet sich der Leser ganz nah an der Gegenwart, wo man zum Beispiel Flüchtlinge für die Rückkehr der Krätze nach Europa verantwortlich machen will.

Die verdienstvolle Edition, die auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Preis der Hotlist der unabhängigen Verlage ausgezeichnet wurde, überzeugt auch durch die Ausstattung. Nicht nur, dass die Gedichte zweisprachig wiedergegeben sind, dass viele Bilder beigegeben sind, zum Beispiel die Grafiken von Henryk Streng zu ihrer Montage-Prosa. Die Texte werden durch Anmerkungen erschlossen, und in einem Nachwort liefert die Übersetzerin einen informativen Abriss zum Leben dieser erstaunlichen Dichterin.

Debora Vogel: Die Geometrie des Verzichts. Aus dem Jiddischen und Polnischen übersetzt und herausgegeben von Anna Maja Misiak. Arco Verlag, Wuppertal/Wien. 672 S., 32 Euro

Quelle: wa.de

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