Gewandhausorchester unter Andris Nelsons im Konzerthaus

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Begeistern mit einem slawischen Programm im Konzerthaus Dortmund: Sängerin Kristine Opolais, Dirigent Andris Nelsons und das Gewandhausorchester.

Dortmund - Westfalen hatte in den vergangenen Jahren das Privileg, die Entwicklung eines Stars am Pult mitzuerleben. Andris Nelsons arbeitete noch Ende der Nullerjahre als Chef der Nordwestdeutschen Philharmonie in Herford. Als das Konzerthaus Dortmund bekannt gab, dass es seinen Dauergast Nelsons zum Exklusivkünstler gemacht hatte, war das keine Überraschung mehr. Jetzt war zu erleben, warum diese Entscheidung goldrichtig war. Sie ermöglicht dem Publikum in der Region, mitzuerleben, wie Nelsons seine Fähigkeiten verfeinert.

Er dirigierte das Leipziger Gewandhausorchester, das er ab der kommenden Saison als Chefdirigent übernimmt. Man scheint sich zusammen wohlzufühlen, das ließ sich aus dem lässigen Grinsen des Hornisten lesen, der in einer Satzpause von Dvoraks „Aus der neuen Welt“ ein Ventilstück zu Boden klappern ließ, und aus Nelsons vor Lachen zuckenden Schultern. Und die Zusammenarbeit trägt schöne Früchte.

Das Largo mit dem berühmten Englischhornsolo begann mit markanten Posaunen, die einen riesigen Raum absteckten. Diesen Raum füllte das Englischhorn selbstbewusst aus. Aus den Streichereinsätzen kamen Bewegungspulse, die pochenden Kontrabässe sorgten für einen Vorwärtsdrang. Obwohl die Tempi gleichmäßig blieben, eröffnete Nelsons einen Unterstrom von Bewegtheit, fern von jeder Sentimentalität. Die Satzstruktur war geprägt von Ideen, die Färbung und Richtung ändern. Umso bewegender der Rückzug der Musik in sich selbst bis zur Generalpause, die ein behutsames Insichhorchen war.

Nelsons versteht die Sinfonie als ein Werk der gebündelten Widersprüche: Nähe und Weite, Volkstanzrhythmen und ausschwingende Kantilenen, Strukturbewusstsein und hinreißendes Augenblicksmusizieren. Heimat und Ausbruch in die Ferne. Dabei fächerten er und die reaktionsschnellen Stimmgruppen des Gewandhausorchesters einen bestrickenden Detailreichtum auf, bis in die Motive aus den ersten drei Sätzen, die im Finalsatz als Fülle wandelbarer Gedanken wiederkehren. Eine dermaßen spannende, detailfreudige und federnde Dvorak-Neunte sucht ihresgleichen.

Die erste Konzerthälfte gehörte einem weiteren Stargast. Kristine Opolais ist Sopranistin von Weltrang, und Nelsons’ Frau, was sicher nicht schadet, wenn man die Puccini-Spezialistin nach Dortmund locken will. Sie sang Ausschnitte aus Dvoraks Nixenoper „Rusalka“. Nun ist Opolais auch deshalb eine große Puccinisängerin, weil ihr kühles Timbre und ihr dramatisches Temperament eine Spannung der Gegensätze erzeugen. Das „Lied an den Mond“ klang eine Spur zu klein und feenhaft für sie. Sie dämpfte das Tempo, umschmeichelt von nebelschwadengleichen Violinen, musste aber in der Strophe die Gesangslinie unterbrechen, um die Kantilenen ausschwingen zu lassen. Opolais ist eine große Dramatikerin, die das Feen-Lied als Geschichte einer verzweifelt liebenden Frau gestaltet, aber welch starke Künstlerin sie ist, zeigte sie in einer dramatischeren Arie aus Smetanas „Dalibor“, dessen emotionale Ausklüftungen sie mit absoluter Kontrolle zu heroischer Entschlossenheit bündelte.

Es lohnte sich, auf den Unterschied zwischen zwei Darbietungen eines Dvorak-Liedes zu achten: „Als die alte Mutter“ aus den Zigeunerliedern sang Opolais als Teil des Programms wie auf einem Atem, als intime Miniatur mit sorgfältig ausgearbeiteten Verzierungen. Als Zugabe wiederholte sie es, mit weniger Kraft und Sorgfalt für die Verzierungen, dafür mit einer Ausdrucksweite, die die Miniatur zu einer tiefen Erfahrung von Verlust öffnete.

Für den herzlichen Applaus bedankten sich Nelsons und das begeisterte, anpassungsfähige Orchester mit dem melancholischen Slawischen Tanz Nr. 2 aus Dvoraks Opus 72 – „gut zum Schlafen“, meinte der Dirigent schelmisch. Aber nicht, solange ein Orchester mit so viel Überzeugung nach der slawischen Seele sucht.

Quelle: wa.de

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