Graham Moores Roman „Die letzten Tage der Nacht“

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Erzählt von einem technologischen Umbruch: US-Autor Graham Moore.

Thomas Alva Edison bringt es auf den Punkt: „Für den Fall, dass Sie das noch nicht bemerkt haben, Mr Cravath: Hier wird ein Krieg geführt. Innerhalb der nächsten Jahre wird jemand ein Stromnetz errichten, das die gesamte Nation mit Licht versorgt. Dieser Jemand könnte ich sein. Oder Mr Westinghouse.“

Die entscheidende Phase dieses Kriegs schildert Graham Moore im Roman „Die letzten Tage der Nacht“. Der amerikanische Autor hält sich an die realen Ereignisse. Paul Cravath, der junge Anwalt, der Edisons Konkurrenten George Westinghouse in einem Rechtsstreit vertritt, der kaum zu gewinnen ist, hat wirklich gelebt. Ebenso die Erfinder. Edison, der Intrigant, hob die Forschung auf eine neue Stufe, indem er Ingenieure anstellte, die systematisch die Fragen ihres Chefs abarbeiteten, sozusagen Innovation aus der Fabrik. Und er überzog seine Konkurrenten mit Klagen. Westinghouse, kaum weniger gerissen, aber mehr der Techniker der alten Schule. Das verschrobene Genie Nikola Tesla, der Einwanderer, der zum Beispiel auf die Idee mit dem Wechselstrom kam, mit der das Problem der Entfernung zu lösen war.

Sie alle beschreibt Moore, als ob er sie persönlich gekannt hätte. Natürlich ist der joviale Westinghouse eher Sympathiefigur als der gerissene Taktiker Edison, der vor allem durch seine Verbindung zum Bankier J. P. Morgan entscheidende Vorteile hat. Aber ob der Autor den Leser nun auf einen Ball in Manhattan führt oder ins Labor, ob er die Zubereitung von Hummer à la Newburg beschreibt, mit allen Details von Butter, Madeira, dem Löffel Cognac und den vier Eigelb, oder ob er die Schwierigkeiten schildert, im Patentstreit festzulegen, was eigentlich genau eine Glühbirne ist, stets holt er den Leser mitten ins Geschehen.

Bei der Geschichte hielt sich Moore so weit an die Fakten, wie sie dokumentiert sind, und er legt in einem Nachwort seine Quellen offen, so dass man auch ein Werk zur Technikhistorie hat. Aber man hat auch einen Wirtschafts- und Wissenschaftsthriller, bei dem die Akteure geradezu mafiöse Mittel einsetzten. Westinghouse warb einen Ingenieur an, den Edison gefeuert hatte – Betriebsspionage. Edison nutzte Kontakte in die Politik und in die Justiz, denn sein Geldgeber Morgan gehörte zu den mächtigsten Strippenziehern der jungen USA. Selbst der elektrische Stuhl wurde eigentlich als Propagandainstrument erfunden: Er sollte beweisen, dass Wechselstrom zu gefährlich für den Alltagseinsatz ist. Was für einer gruselige Hinrichtungsszene gut ist. Dann muss Cravath unvermittelt Tesla vor mächtigen Verfolgern verstecken, nachdem dessen Labor einer Brandstiftung zum Opfer fiel. Und eine Liebesgeschichte gibt es auch noch, mit der mysteriösen (und ebenfalls historisch verbürgten) Schauspielerin Agnes Huntington. Ein wenig geschummelt (aus dramaturgischen Gründen) hat Moore doch: Er hat den Stromkrieg, der tatsächlich von 1888 bis 1896 dauerte, auf zwei Jahre verkürzt.

Die Hauptfiguren dieses Romans haben die Welt verändert, wie danach vielleicht nur noch die Computergenies Steve Jobs und Bill Gates, die ja auch einen Systemkrieg austrugen. Die Mechanismen, mit denen Fortschritt und das große Geschäft funktionieren, scheinen übertragbar. Moore belastet seine Erzählung nicht mit diesen Parallelen, er gibt aber Hinweise, indem er Zitate von Jobs, Gates und anderen den Kapiteln voranstellt.

Man merkt dem spannenden Roman an, dass Moore Erfahrungen als Drehbuchautor hat (2015 gewann er einen Oscar). Nur das versöhnliche Ende schmeckt ein wenig zu sehr nach Hollywood und Heroisierung.

Graham Moore: Die letzten Tage der Nacht. Deutsch von Kirsten Riesselmann. Eichborn Verlag, Köln. 463 S., 22 Euro

Quelle: wa.de

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