Die Gabe eines Mäzens

Das Grillo-Theater in Essen feiert 125. Geburtstag

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Ein Beispiel für großbürgerliches Mäzenatentum: Das Grillo-Theater in Essen wurde vor 125 Jahren eröffnet und ist damit die älteste städtische Bühne im Ruhrgebiet.

Essen - Vielleicht wollte Friedrich Grillo ganz nebenbei dem großen Krupp zeigen, was eine Harke ist, als er der Stadt Essen ein Geschenk ankündigte: ein Theater. Alfred Krupp, die Obereminenz in der Villa Hügel und der Größte unter all den Essener Großindustriellen, hatte abgelehnt, als ihm ein paar Jahre zuvor der Wunsch nach einer solchen festen Spielstätte unterbreitet worden war.

Am 16. September 1892 wurde das Essener Theater eröffnet, fünf Jahre nach Grillos Ankündigung und vier Jahre nach dem Tod des Mäzens. Seine Witwe Wilhelmine Grillo hatte mittlerweile auch noch das Grundstück im Stadtzentrum gestiftet und trug zwei Drittel der Kosten von einer knappen Million Reichsmark. Das Essener Haus ist das älteste Stadttheater im Ruhrgebiet, längst trägt es den Namen des Mäzens. Am Wochenende feierte es seinen 125. Geburtstag mit Festakt (Freitag) und Volksfest samt „Dinner for all“ (Samstag).

Für Christian Tombeil, seit 2010 Intendant des Grillo, steht die Gründungsgeschichte für eine zu wenig beachtete Tradition im Ruhrgebiet: Das Revier sei zwar stark durch Arbeit und das industriekulturelle Erbe geprägt. Aber eben auch von „großen mäzenatischen Familien“, und zwar wie keine andere Region „zumindest in Europa“. Die Infrastruktur von Krankenhäusern, Wissenschaft, Bildung und Kultur gehe zu weiten Teilen auf diese Familien, ihre Schenkungen und Stiftungen zurück, sagt Tombeil und nennt Namen: „Henkel, Haniel, Goldschmidt, Osthoff, Grillo und natürlich Krupp, oder jüngere Beispiele wie Beitz oder Brost.“

Der Bau wurde von einem Spezialisten entworfen: Der Berliner Theaterarchitekt Heinrich Seeling ließ bis 1892 ein Haus in neobarockem Stil errichten, außen üppig verziert und innen mit Damastverkleidungen, Samtportieren, goldenem Stuck und der beachtlichen Zahl von 800 Plätzen. Das Haus war als „Volkstheater“ konzipiert – die „sittliche Hebung des Arbeiterstandes“ durch Kunst und Kultur war ein patriarchalisches Leitmotiv des Bürgertums. Was nicht hieß, dass man dem Arbeiterstand in der Pause oder an der Garderobe begegnen wollte. Die Großkopferten fuhren am prächtigen Hauptportal vor und saßen im Parkett, für die Anderen führte ein Seiteneingang zu den billigeren Plätzen im ersten und zweiten Rang. Inzwischen beteiligten sich übrigens auch die Krupps, denen eher der Krankenhaus- und Wohnungsbau am fürsorgerischen Herzen lag, an den Kosten des Spielbetriebs. Zur Eröffnung am 16. September 1892 wurde Lessings „Minna von Barnhelm“ gegeben.

Die Industrialisierung ließ die Einwohnerzahl Essens von knapp 80 000 Mitte der 1890er in 15 Jahren auf rund 230 000 steigen. Das Theater konnte gar nicht so viele Karten anbieten, wie es hätte verkaufen können. Gegen Ende der 1920er Jahre wirkten hier wichtige Bühnenmodernisierer: der Choreograf Kurt Jooss, der Bühnenbildner Hein Heckroth, Operndirektor Rudolf Schulz-Dornburg. Der beauftragte 1927 Kurt Weill und Bertolt Brecht mit einem „Ruhrepos“, einer Art „Industrieoper“ mit Film- statt Bühnenbildern. Woraus nichts wurde, weil sich in Essen schnell Ressentiments formierten, gegen avantgardistisches Zeug aus dem fernen Berlin im Allgemeinen und gegen „die zwei Juden“ Brecht und Weill im Besonderen.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Theater wurde von Bomben getroffen, nach dem Krieg teilweise abgerissen und bis 1950 neu errichtet. Den wilhelminischen Pomp ersetzten nun strenge, klare Formen aus Sachlichkeit und Neoklassizismus. Der schlichtweiße Zuschauerraum hatte es nur noch einen Rang und gut 100 Plätze weniger.

Lange beherbergte das Haus drei Sparten: Ballett, Sprech- und Musiktheater, wofür wenige Jahre nach der Eröffnung ein Orchestergraben eingerichtet wurde. Erst 1988 zog das Musiktheater ins neu gebaute Aalto-Theater um. Gleichzeitig war das Grillo zum Sanierungsfall geworden, dem wegen Baufälligkeit die Schließung drohte. Zwei Jahre lang wurde umgebaut; Intendant Hansgünther Heyme und der Architekt Werner Ruhnau – er war in den 1950er Jahren am Bau der Theater in Münster und Gelsenkirchen beteiligt – verwandelten es in ein variables Raumtheater mit gut 400 Plätzen, in dem von allen Seiten aus gespielt werden kann.

Tombeil zeigt sich stolz auf die Geschichte des Grillo als Volkstheater und Stadttheater, was heute bedeute, „das Haus zu öffnen“. Man bemüht sich um junge Zuschauer – erfolgreich, so der Intendant: „Ein Drittel unser rund 60 000 Besucher pro Jahr sind zwischen 2 und 18 Jahren jung“, die Auslastung liegt bei 80 bis 85 Prozent. Man senkt Schwellen durch Kooperationen mit Pflegediensten und Flüchtlingshilfe, bietet gebärdengedolmetschte Aufführungen ebenso an wie Eintrittsgutscheine, die für 6,60 Euro gekauft und an Bedürftige weitergereicht werden. Es gibt Ausstellungen, Podiumsdiskussionen, man beteiligt sich an der deutsch-türkischen Buchmesse Ruhr. Und an Problemlagen in der Stadt entzünden sich Theaterprojekte.

Regisseur Volker Lösch will die A40 als „Sozialäquator“ ausstellen, die den armen Essener Norden und den gut situierten Süden trennt. Je drei Schulen von beiden Seiten der Autobahn werden bei „Der Prinz, der Bettelknabe und das Kapital“ mitwirken (UA 17.2.2018).

Freitag, 15.9., Festakt, 19.30 Uhr, u.a. mit Beethovens „Die Weihe des Hauses“ und Teilen des Eröffnungsprogramms von 1892

Samstag, 16.9., Theaterfest ab 14 Uhr mit „Dinner for all“ (19 Uhr)

Tel.: 0201/81 22-200 www.schauspiel-essen.de

Quelle: wa.de

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