Großes Kino fürs TV: Die neue Staffel von „Sherlock“

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Sherlock (Benedict Cumberbatch) ist mit tierischer Unterstützung auf der Fährte eines Einbrechers, der es auf Thatcher-Büsten abgesehen hat. Szene aus „Sherlock“, vierte Staffel in der ARD.

Ununterbrochen tippt Sherlock Holmes Nachrichten auf sein Smartphone. Jede Botschaft löst einen Kriminalfall, entlarvt eine Qualle als Mörder und schließt von verschiedenen Socken auf den Täter: „Verhaften Sie den Schwager!“

Was Inspector Lestrade von Scotland Yard dem Meisterdetektiv als Material anbietet, findet Sherlock trivial. Aber das Autorenteam Steven Moffat und Mark Gatiss und Regisseurin Rachel Talalay setzen es so ins Bild, dass der Zuschauer sich fühlt wie John Watson. Man müsste sich diese Flut von Textbotschaften, die durchs Bild schwirren, gleich noch einmal anschauen, um halbwegs folgen zu können.

Lange haben Fans auf die vierte Staffel der Erfolgsserie gewartet. Es wird für die BBC immer schwieriger, „Sherlock“ fortzusetzen. Die Hauptdarsteller Benedict Cumberbatch und Martin Freeman spielen inzwischen in Hollywood-Blockbustern wie „Der Hobbit“ , „Star Trek“ und „Dr. Strange“. Mit diesen Budgets kann selbst die innovativste und witzigste TV-Serie nicht mithalten. Gleichwohl sehen die drei Folgen aus wie Kino, sogar wie ganz großes Kino.

Am Ende der dritten Staffel war Sherlock gerade als Mörder verhaftet worden, weil er einen Superverbrecher, dem anders nicht beizukommen war, vor zahlreichen Zeugen niedergeschossen hatte. Aber die britische Regierung kann auf den genialen Berater nicht verzichten, jetzt, wo sich der tot geglaubte Superschurke Moriarty mit einer Videobotschaft zurück gemeldet hat. Also entlastet Mycroft (Mark Gatiss), Strippenzieher beim Geheimdienst, seinen Bruder mit gefälschten Beweisen von der Mordanklage.

Die neue Staffel entwickelt die Charaktere und die Geschichte fort, und wieder ist jede Sekunde ein Genuss. Sherlock entwickelt sich zum Virtuosen des Multitasking. Beim Lösen von Kriminalfällen nützt das. Wenn aber der Detektiv bei der Taufe der Tochter von John Watson und dessen Frau Mary (Amanda Abbington) nicht die Finger vom Smartphone lassen kann, denkt man eher an ein störrisches ADHS-Kind als an ein Genie. Cumberbatch reizt in den neuen Folgen einige höhere Ebenen der Seltsamkeit aus. Als es in der ersten Folge um eine Büste der britischen Premierministerin Margaret Thatcher geht, fragt er: „Margaret – wer?“ Und den Vornamen des Inspectors Lestrade hat er auch nicht parat.

Die drei Folgen sind zwar in sich abgeschlossen, sind aber durch durchlaufende Erzählstränge verbunden. Es ist eine Art läuternde Höllenfahrt des Detektivs, die in der ersten Folge „Die sechs Thatchers“ mit der Idylle des jungen Eheglücks im Hause Watson einsetzt. Aber bei einem Fall stößt Sherlock auf ein wirklich reizvolles Geheimnis: Irgendwer bricht in Häuser ein auf der Suche nach in Asien gefertigten Gipsbüsten von Margaret Thatcher, die er anschließend zerschlägt. Offensichtlich sucht der Täter nach etwas, das in einer der Statuen versteckt ist. Der Fall führt in Sherlocks Umgebung. Marys Vergangenheit als Geheimagentin holt sie ein. Ein Killer sucht Rache.

In der zweiten Folge, „Der lügende Detektiv“, haben sich Holmes und Watson zerstritten. Der traumatisierte Sherlock hängt wieder an der Nadel, was seine Kombinationsfähigkeit beeinträchtigt. Und sein Gegner ist ein überaus reicher und gerissener Serienmörder, hinreißend schleimig verkörpert von Toby Jones, der eigentlich die volle Konzentration des Ermittlers fordert. Grandios übersetzt die Folge zum Beispiel die Wirkung von Drogen in hypnotische Bilder.

In der dritten Folge „Das letzte Problem“ treffen Sherlock und Mycroft auf ihren bislang gefährlichsten Gegner, ihre geniale und psychopathische Schwester Eurus (Sian Brooke), die mit ihren manipulativen Fähigkeiten gleich die Macht über das streng geheime Sondergefängnis übernommen hat, in dem sie eigentlich sicher verwahrt sein soll.

Die vierte Staffel der Serie dreht die Schraube immer noch weiter. Der Held zeigt erstmals Schwächen, er leidet. Seine wahre Sucht aber löst nicht chemische Stoffe aus. Sondern, wie immer neue Formulierungen zeigen, die geistige Herausforderung eines Kriminalproblems. Sherlock will nur spielen. Und Cumberbatch lässt sein Gesicht leuchten, wenn er sagen kann: „Das Spiel hat begonnen.“

ARD, Sonntag und Montag,

jeweils 21.45 Uhr

Quelle: wa.de

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