Günter Beaugrands Erfahrungsberichte aus Nachkriegszeit

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Günter Beaugrand

MÜNSTER/HAMM Günter Beaugrand ist mit fast 90 Jahren noch ein reger Publizist. Und er ist ein Zeitzeuge: Im Wirtschaftswunder-Aufschwung begann seine journalistische Arbeit, die jüngste Vergangenheit wurde sein Thema. 1947 kam er in Düsseldorf zur Zeitung der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ (VNN) und berichtete sechs Jahre lang über Menschen „zwischen Widerstand und Wiedergutmachung“. Einen „Erfahrungsbericht eines Journalisten aus dem Umfeld der Verfolgten des Naziregimes (1947-1953)“ hat er darüber 2004 verfasst. Jetzt ist die Broschüre neu aufgelegt worden.

Als 19-Jähriger ehemaliger Flakhelfer und Notabiturient beginnt er im Juli 1947 bei den „VNN-Nachrichten“ und beschreibt, wie er das Ausmaß des NS-Terror allmählich erfasst, „jeden Tag durch den Kontakt mit den Opfern“. Das Wochenblatt bringt Augenzeugenberichte aus KZs, berichtet über NS-Bonzen und Schreibtischtäter. Und über das Gezerre um Entschädigungen, Rückerstattungen und Renten für Opfer des NS-Staats. Die so genannte Wiedergutmachung ist schnell der letzte gemeinsame Nenner der Fraktionen, die sich in der VNN entlang den Fronten des Kalten Krieges bilden.

Kurz nach der Gründung 1946 verlassen viele Sozialdemokraten die Vereinigung schon wieder, und 1948 fasst die SPD einen Unvereinbarkeitsbeschluss: Ihre Genossen können nicht der „kommunistisch unterwanderten“ VNN angehören. Anfang 1950 gründen andere VNNler den „Bund der Verfolgten des Naziregimes“, der der CDU nahesteht. Beaugrand wird Redakteur der BVN-Zeitung „Das freie Wort“.

Das alles ist aber nicht sein Thema. Er beschreibt Begegnungen mit Emigranten wie dem Schriftsteller Alfred Döblin oder dem Maler Otto Pankok, seine Prägung im katholischen Milieu. Er zitiert Leserzuschriften und Artikel gegen Altnazis, die wieder in Ämter und Würden gelangen. Die Karriere des ehemaligen SS-Obersturmbannführers Dr. Walter Brahtz, der Chef der Hamburger Rückerstattungsbehörde wurde, wird sarkastisch kommentiert: „Sein Dienstgrad ist quasi eine Garantie dafür, dass das Reich, heute die Bundesrepublik, nicht zu kurz und die Juden nicht zu gut wegkommen. Denn ein SS-Führer wird nicht weich – in ,Judenfragen’ schon gar nicht.“

Beaugrand beschreibt die Gründerzeit der Bundesrepublik, die im historischem Rückblick von materieller Not, von Schlussstrich-Forderungen und der Unfähigkeit zu trauern bestimmt wird. All das reflektiert auch sein erinnertes Lebensgefühl, aber er rastert die Nachkriegsjahre feiner auf. Erkennbar wird eine akute Sorge um die Demokratie, für die er viele Gründe sah: Die Kommunisten und die SED. Rechtsradikale wie Otto Ernst Remer, der unter dem Jubel seiner Anhänger das gescheiterte Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 als „Verrat“ beschimpfte. Aber auch Adenauers Politik blieb bei „der jungen Generation, auch innerhalb der CDU, der ich angehörte“ nicht ohne Widerspruch. Als der Chefredakteur des „Freien Worts“, ein Mitwisser und Überlebender des 20. Juli, Beaugrand und seinen Kollegen eine Erklärung für die Wiederbewaffnung zur Unterschrift vorlegt, kündigen sie. Sie wollen weiter gegen „die nationalistische Renaissance in der Bundesrepublik (...) und die bedenkliche Politik der Soldatenverbände und nach rechts tendierender Parteien“ schreiben.

Günter Beaugrand: Zwischen Widerstand und Wiedergutmachung. Erfahrungsbericht eines Journalisten aus dem Umfeld der Verfolgten des Naziregimes (1947-1953), Eigenverlag Villa ten Hompel, Münster, 7,50 Euro; www.villa-tenhompel.de

Quelle: wa.de

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