Hagen zeigt Emil Schumachers „Pastorale“

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Der Linolschnitt „Pastorale“ (1947) steht am Anfang der Schumacher-Themenausstellung zu „Bukolischen Szenen“.

HAGEN Ein kleiner Linolschnitt ist der Auftakt zur Themenausstellung im Emil-Schumacher-Museum. Vor den grün-gelb-beigen Farbmomenten, die das Bild unruhig strukturieren, hebt sich das Profil eines Wachhundes ab. Ein Mensch liegt bequem, und Kühe sind im Hintergrund zu sehen. Das Bild ist ein spürbares Idyll. Emil Schumacher (1912–1999) entwarf diese erzählerische Ansicht 1947 – zwei Jahre nach dem Weltkriegsende.

„Pastorale – Bukolische Szenen“ heißt die Ausstellung in Hagen, die das klassische Thema im Werk des gestisch-abstrakten Künstlers aufgreift. „Pastorale“, so der Linolschnitt, sei das erste Bild Schumachers nach 1945, das nicht Gewalt und Zerstörung behandelt, sagt Rouven Lotz, wissenschaftlicher Leiter des Schumacher-Museums. Fortan wird sich das Verhältnis des Menschen zur Natur im Werk Schumachers immer wieder im klassischen Sujet mit Landschaft, Mensch und Tier spiegeln. Der Künstler, der in den 1950er Jahren ganz zur Abstraktion fand und internationale Bedeutung erlangte, beschäftigt sich aber in seinem Spätwerk wieder mit Figuration und eben verstärkt mit dem Formvokabular des antiken Hirtenbildes. So setzt die Ausstellung in Hagen mit 54 Gemälden, Gouachen, Linolschnitten, Aquarellen, Zeichnungen und Aquatinta-Stichen einen Schwerpunkt auf die 80/90er Jahre.

„Blaue Landschaft“ (1998) ist das größte Ölgemälde der Ausstellung und eine Leihgabe des Museum Folkwang aus Essen. Es belegt, dass die antike Pastorale ganz in ihrer Zeitlosigkeit begriffen wird, wenn Emil Schumacher sie im Prozess seines malerisch materialisierten Bildgestus aufnimmt. Aus und im Blau des Gemäldes werden Mensch- und Tierumrisse deutlich, die mit schwarzen wie weißen Strichführungen mal mehr und mal weniger aufscheinen. Als tradierte Form dieser Wesensexistenzen wirken Schumachers Figurationen wie archaische Kulturtypen zivilisatorischen Ursprungs.

Pointierter treten Mensch und Tier auf der Gouache GB-16/1999 (auf Buthan-Bütten) von 1999 auf, wie sie einen Weg einschlagen und harmonisiert erscheinen – in Zuordnung und Farbgebung. Schumacher bedauerte, dass sich der Mensch zunehmend von der Natur entfremdet hat. Das Ausmaß an Gewalt in den Weltkriegen und die Umweltzerstörungen waren für ihn Ausdruck dieser Entwicklung. Er drückte mit solchen Bildern auch seine Hoffnung aus, der Mensch möge sich wieder als Teil der Schöpfung begreifen, um seine Haltung gegenüber der Natur zu korrigieren.

Dazu zählt auch die Übereinkunft des arbeitenden Menschen in der Landschaft. Rad und Leiter sind für Schumacher Symbole der Ackertätigkeit, die auf der Gouache „GE-4/1992“ (1992) zentral erscheinen. Der Mensch tritt als aufrechte Gestalt hinzu und zum Tier.

Die Ausstellung „Pastorale“ zeigt, wie unterschiedlich Schumacher dieses Thema aufgegriffen hat. Als Aquatinta-Stich „5/1987 Pastorale“ (1987) – eine Arbeitsweise, die Schumacher im Spätwerk dem Linolschnitt vorgezogen hatte – erhält das Hirtenbild etwas Leichtes, ja Himmlisches. Die Figuren erscheinen vor einem wundersamen Horizont mit Luftgestalten wie ziselierte Wesen, die zueinander finden. Diese Kaltnadelradierung lässt sich mit der „Pastorale“ von 1947 vergleichen, die prosaischer daherkommt.

Ganz anders öffnet das Bild „4/1993 Weg“ das bukolische Thema, das in der Spätantike mit seinen idealisierten Orten an Meeresstrand und Flussufer, auf Wiesen und Quellgebieten eine bildnerische Gegenwelt zu unsicherer Zeit bot. In der farbigen Aquatinta scheint die Uhr still zu stehen, so paradiesisch wirkt es, wie Mensch und Tier ausgestreckt an einem Berghang daliegen und nichts als das friedvolle Lebensglück kennen.

Intensiver hat Schumacher die Radierung „14/1990“ (1990) aufgeladen, in der Schafe zu einer Herdenmasse werden. Ähnlich lebhaft wirken seine figürlichen Linien in der Gouache „G-34/1989“ (1989), wenn sich auf erdigschwarzem Grund eine Herde findet. Als die Kinderhilfsorganisation Unicef namhafte Künstler aufrief „Bitte, mal mir ein Schaf“ – nach dem literarischen Vorbild von Saint-Exupéry –, hatte Emil Schumacher sich für ein kleines sehr wolliges Tierchen entschieden. Es ist in Hagen zu sehen, wie die beiden Bilder, die Johannes Rau als Bundespräsident mit nach Berlin genommen hat, um im Schloss Bellevue Kunst zu zeigen, die ihm gefiel.

Herrlich verdichtet sind Mensch, Pferd und Wagen in „Agricola“ (1989). Und im Gemälde „Terrano XVI“, 1991 (beide auf Holz), scheint vor allem Schumachers Meisterschaft auf, den flächigen Farbgrund zu einer eigenen energievollen Substanz zu machen, die uns irgendwie erhält und aufnimmt.

Bis 19. November; di-so 11 – 18 Uhr; Tel. 02331/207 3138; Katalog 19,90 Euro; www.esmh.de

Quelle: wa.de

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