Hamm zeigt „100 Jahre Sammlung Gustav Lübcke“

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Siegburger Keramik galt im 19. Jahrhundert als besonders wertig, in Abgrenzung zur rheinischer Keramik in Graublau aus dem 16. bis 18. Jahrhundert.

HAMM Im Geheimfach ist nichts mehr. Mit einem Griff hat Diana Lenz-Weber die Leiste im Tiroler Büfett, 15. Jahrhundert, geöffnet. Der gotische Schrank aus Weichholz ist mit Palmetten und Rosetten verziert. Mächtig steht er da auf seinen Stollenfüßen. Seinerzeit waren vielleicht Schmuck und Münzen in ihm versteckt. Heute ist das Büfett ein Hingucker im Gustav Lübcke Museum in Hamm, wo eine große Ausstellung an den Namensgeber des Hauses erinnert. Ab Sonntag, 11.30 Uhr, heißt es „Hereinspaziert. 100 Jahre Sammlung Gustav Lübcke“.

Das Museum arbeitet mit der vielteiligen Präsentation seine eigene Geschichte auf. Es werden 500 Exponate ausgestellt. Aber Lenz-Weber, stellvertretende Direktorin, weiß, dass es „um zigtausend Objekte“ geht, die die Sammlung Lübcke ausmachen. Erst mit dem Vertrag von 1917, den die Stadt mit dem Antiquitätenhändler aus Düsseldorf und seiner Frau Therese Nüsser geschlossen hat, war Hamm im Besitz eines wertvollen Konvoluts („100 000 Mark“), mit dem ein Museum bestückt werden konnte. Dies sollte noch gebaut werden, stand im Vertrag, und von einem Direktor geführt werden. Gustav Lübcke (1868–1925), der Sohn eines Postsekretärs, hatte damit Stadtgeschichte geschrieben.

Es ist bemerkenswert, weil Hamm wie viele andere Städte im Revier zwar einen Museumsverein gegründet hatte. Aber seit 1886 ging es vor allem um Heimat- und Naturgeschichte. Die ägyptischen Mumien, für die das Hammer Haus in NRW bekannt ist, gehen auf eine Initiative des Mumienvereins (1886) zurück und zählten erst später zum Museumsbestand.

Nun lässt sich in Hamm begutachten, was tatsächlich den Grundstock des Museums seit 1917 ausmacht. Neben wertvollen Möbeln zählt die „Winterlandschaft“ von Anthonie van Beerstraaten (1634–1664) zu den Höhepunkten. Das niederländische Genrebild verbindet eine reale Ortsansicht mit stimmungsvollen Alltagsszenen. Auch das kleinformatige Bild von Adriaen van de Venne (1589–1662) „Bauerntanz“ zählt zum Goldenen Zeitalter der Malerei. Beispiele der Düsseldorfer Malerschule sind ausgestellt, wie James Maxfields Porträtbild, eine Landschaft von Emil Zimmermann oder das brave Motiv „Die Einstellung des neuen Mädchens“ von Karl Hübner aus München.

Gustav Lübcke war kein Avantgardist, sondern Antiquitätenhändler, der wusste, was in Bürgerhäusern geschätzt wurde. Dabei überrascht es, dass er weder Beispiele für Jugendstil, Symbolismus und national aufgeladene Historienschinken besaß. Vielmehr interessierten ihn antiquarische Bücher, Münzen, Glas und Silber, Kunsthandwerk aus dem Rheinland, archäologische Funde, wie die terra sigillata, das Tafelgeschirr aus römischer Zeit, und koptische Textilien aus dem 6. bis 8. Jahrhundert, um eins seiner Spezialgebiete zu nennen.

Sehr viele Heiligenfiguren finden sich in Lübckes Sammlung. Wahrscheinlich war auch die Kirche bei ihm Kunde. Die Figuren, die in Hamm als heterogene Gruppe gestellt sind, würden aber auch privaten Zwecken dienen. Ungewöhnlich sind der bärtige Mann, der ein Buch hält. An seinem Gewand finden sich noch rotbraune und blaue Farbreste. Josef mit Jesu-Kind zählt ebenfalls zu den ungewöhnlichen Bildnissen unter Heiligenfiguren.

Hamm kam zu dem Lübcke-Konvolut, weil der Händler im 1. Weltkrieg um seine Sammlung fürchtete. Alliierte Flieger hatten bereits Düsseldorf angegriffen. Der gebürtige Hammer wollte Sicherheit in der westfälischen Heimat, fern der Front. Mit dem Vertragabschluss 1917 zog Gustav Lübcke, der bereits kränkelte, mit seiner Frau an die Lippe. Er erhielt von der Stadt eine jährliche Zuwendung von 6000 Mark, die nach seinem Tod 1925 an seine Frau weiter gezahlt wurde. Lübcke hatte mit Therese Nüsser (1848–1930) eine Frau geheiratet, die bereits Antiquitätenhändlerin war und in Düsseldorf Erfolg hatte. Lübcke selbst kam als Autodidakt zur Kulturgeschichte und zum Kunsthandel. Der Düsseldorfer Sammler Laurens H. Hetjens war sein Vorbild. Beide kannten sich. Ohne Abitur und Studium eignete sich Lübcke sein Fachwissen an. Von Beruf war er Buchbinder. Auch deshalb zählen viele Lehrbücher und kunstvoll gestaltete Bücher zu seiner Sammlung. Ein grafisches Selbstbild (Exlibris) zeigt ihn als stolzen Besitzer in fast jedem seiner Bücher.

Lübcke wurde 1917 der erste Direktor der städtischen Sammlung in Hamm. Ab 1927 sollten seine Objekte im Stadthaus verwahrt werden. Und es dauerte bis 1993, dass die Stadt einen solitären Museumsbau errichtete. Erst seit dieser Zeit ist der Vertrag von 1917 ganz erfüllt.

Die Ausstellung ist trotz der Vielzahl der Objekte interessant geordnet. Die Sammelbereiche Lübckes werden beispielhaft ausgestellt: mal geschlossen in Vitrinen, mal offen in freiflächiger Präsentation oder arrangiert. Dabei geht es weniger um Masse, als um ästhetische Qualität. Ein gelungenes Konzept.

Außerdem sind die Signaturen von Lübcke an den Objekten verblieben. Er schrieb „Tiberius, 14-37, Denar“ – eine graublaue römische Münze ist daneben zu sehen. Auch die Münzladen, die seine numismatische Sammlung von 3000 Stück aufnahmen, sind von ihm beschriftet worden.

Im Zuge der Ausstellung hat das Museumsteam in Hamm geklärt, was zum Altbestand des Hauses zählte und was Lübcke mitbrachte. Eine Aufstellung ist nun geplant, die die Sammlung wie einen Nachlass behandeln soll. Es gibt allein 60 Gemälde. Und die Wertigkeit der Objekte soll ermittelt werden – Forscherarbeit.

Vielleicht lassen sich dann die herrlichen Scherenschnitte zuordnen, die im 19. Jahrhundert nachgefragt waren. Den „Leichenzug der Tiere“ in der Ausstellung, vielleicht von Karl Fröhlich oder Wilhelm Müller, muss man gesehen haben.

Zur Schau

Ein Museum zeigt das Kernstück seiner Sammlungsgeschichte in einer sehr ansprechenden Präsentation.

Hereinspaziert! 100 Jahre Sammlung Gustav Lübcke im Lübcke Museum Hamm. Eröffnung, Sonntag, 11.30 Uhr; bis 15. Oktober; di-sa 11–17 Uhr, so 10–18 Uhr; Tel. 02381/17 5714; www.museum-hamm.de

Quelle: wa.de

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