Hamms Lübcke-Museum blickt auf Künstlerkolonien: Worpswede bis Hiddensee

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„Netzboot auf blühender Düne“ (um 1883) malte Paul Müller-Kaempff in Ahrenshoop auf dem Draß.

Hamm - Wer ist Franz Bunke? Hat die Kunstgeschichte diesen Maler bisher übersehen? Sein Bild „Schwaan im Morgennebel“ ist eine stimmungsvolle Hommage an das Örtchen Schwaan. Hier war Franz Bunke seit 1892 der Mittelpunkt der Künstlerkolonie, die nahe Rostock lag. Maler gaben ihrer Sehnsucht nach Natur und Landschaft nach. Und Ende des 19. Jahrhunderts zählten Künstlerkolonien zu den modernen Entwicklungen im überschaubaren Kunstbetrieb.

Eine Ausstellung im Gustav-Lübcke-Museum greift dieses kulturhistorische Phänomen auf. In Hamm – eröffnet wird am Sonntag um 11.30 Uhr – werden neben den bekannten Orten wie Worpswede, Ahrenshoop und Hiddensee eben auch Schwaan, Nidden (heute Nidda in Litauen), Heikendorf und Ferch am Schwielowsee vorgestellt. Unter den rund 30 Künstlerkolonien in Deutschland sind es die nördlich gelegenen. Und es sind Entdeckungen.

„Lieblingsorte – Künstlerkolonien. Von Worpswede bis Hiddensee“ bietet rund 80 Gemälde von 40 Künstlern. Die Ausstellung spielt auch mit dem touristischen Potenzial dieser Reiseziele, die schon zu ihrer Zeit von Städtern zur Erholung aufgesucht wurden. Ferch liegt westlich von Berlin, Heikendorf in der Kieler Förde. Und Worpswede ist der Schwerpunkt der Schau mit rund 25 Exponaten. Während Bunkes „Morgennebel“ (1910) noch von einem romantischen Hauch durchdrungen ist und sein Kirchturm vom Jenseits erzählt, näherten sich Künstlerinnen nahe Bremen der Moderne. Paula Modersohn-Beckers „Sitzende Bäuerin mit Kind vor Birken“ (1903) nimmt beiden jede Betulichkeit und lässt sie doch verbunden erscheinen. Vier Naturbilder sind von Modersohn-Becker zu sehen. Sie öffnen sich für die Weite der Moorlandschaft. Neben den Gründungsvätern der Künstlerkolonie Worpswede wie Fritz Overbeck, Otto Modersohn, Fritz Mackensen und der weniger bekannte Hans am Ende sind von Heinrich Vogeler Jugendstilbilder wie „Martha von Hembarg“ (1894) zu sehen. Anstatt große Formate zu präsentieren, zeigt Museumsdirektorin Friederike Daugelat in ihrer letzten Ausstellung vor allem kleinere Bilder. Sie entsprechen der Pleinair-Malerei, die auf die Künstlerkolonie im französischen Barbizon zurückgeht – ab 1830. Die Maler zogen mit einem Malkarren hinaus. Neben der Staffelei waren jüngst erfundene Farbtuben dabei und Pappe. Auf Leinwand wurde erst im Atelier gemalt, so dass viele Bilder Studiencharakter hatten. In Hamm lässt sich sehr schön sehen, wie modern und direkt die Motive in der Technik „Öl auf Pappe“ wirken. Vor allem Hermine Overbeck-Rohte überrascht. Die Frau von Fritz Overbeck stellte nie aus. Auf ihren Kleinformaten erprobte sie neben klassischen Kirchturmmotiven auch unverortete Naturansichten wie „Sonnenbeschienener Weg“ – eine Vorstufe der Abstraktion. Das war nichts für den Kunsthandel, der im deutschen Kaiserreich gern Großformate verschob. Ihr Mann litt unter dem Marktdruck: „Ich liebe die Kunst, wenn sie nicht auch eine Kuh wäre, die ich melken müsste.“ Auf Leinwand.

Die Künstlerkolonien waren für „Malweiber“ eine Chance, dem chauvinistischen Akademiesystem zu entgehen und bei guten Künstern zu lernen. Clara Arnheim verbrachte ihre Sommer auf Hiddensee. Sie war Mitglied der Berliner Künstlerinnen und des deutschen Künstlerbundes. 1914 in Leipzig wurden ihre Grafiken prämiert. Unter den Nazis erhielt die Jüdin Berufsverbot, und 1942 starb sie im KZ Theresienstadt.

Die Kolonie Hiddensee hatte Kontakte mit Ahrenshoop auf dem Darß. Hier baute 1892 Paul Müller-Kaempff sein Künstlerhaus. Er wurde zum Organisator unter den Künstlern und seine Landschaften wie „Netzboot auf blühender Düne“ (1883) galten als richtungsweisend.

Die hohe Zeit der Künstlerkolonien endete mit dem 1. Weltkrieg. Nach der Hölle der Schützengräben war das Naturidyll nicht mehr maßgebend. Die Liebe zur bäuerlichen Lebensweise aber blieb. Bei Fritz Mackensen wurde sie gar ideologisch. Arthur Borghards gefiel schon früh sein artiger Strich („Bauerngehöft am Kornfeld“, 1910), und Heinrich Blunk, der 1923 nach Heikendorf zog, erging sich in Farbeuphorie und Kitsch („Rapssaatkoppel“, 1959). Alle Künstlerkolonien existieren heute noch und sind meist touristische Ziele geworden.

Die Schau:

Künstlerkolonien werden wieder entdeckt und die Spannbreite ihrer Pleinair-Malerei. Sehenswert.

Lieblingsorte – Künstlerkolonien. Von Worpswede bis Hiddensee im Gustav-Lübcke-Museum Hamm. Eröffnung Sonntag, 11.30 Uhr, bis 21. Mai 2017;

di-sa 10 – 17 Uhr, so 10 – 18 Uhr; Tel. 02381/1757 14;

www.museum-hamm.de

Quelle: wa.de

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