Hamms Lübcke-Museum zeigt Morgners Grafik

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„Frühjahrssonne I“ von Wilhelm Morgner.

HAMM „Ich bin ewige Glut und drehe mich auf einer glühenden Kante“, schrieb Wilhelm Morgner. In seinem Aquarell „Astrale Komposition I“ (um 1913) ist denn auch eine Figur mit orangefarbenen Pinselstrichen aufgeladen und in Szene gesetzt, als würde sie von einer namenlosen Energie getrieben, die nicht verlöscht. Ob Gebirge, Berge, und was auch immer, nichts kann ihr entkommen.

Zum Start des Morgner-Jahres bietet das Hammer Gustav-Lübcke-Museum ab Sonntag eine konzentrierte Ausstellung zum grafischen Werk des westfälischen Expressionisten an, der vor 100 Jahren gestorben ist: „Wenn die Seele brennt...“. Bevor in seiner Geburtsstadt die Schau „Wilhelm Morgner und die junge Kunst in Soest“ präsentiert wird (ab 3. September), lassen sich Grundzüge seiner Arbeit bereits im kleineren Maßstab betrachten. Kuratorin Diana Lenz-Weber hat aus einem Konvolut von 50 Papierarbeiten des Lübcke-Museums rund 30 Blätter ausgewählt. Selbst die kleinen Formate vergegenwärtigen, wie intensiv Wilhelm Morgner (1891–1917) sich mit den Kunstströmungen seiner Zeit befasst hatte, bevor er 26-jährig als Soldat in Westflandern ums Leben kam.

Morgners Grafik „Frühjahrssonne I“ (1910) entwirft mit den Strahlen der Sonne ein Kraftzentrum im Bildhintergrund, vor dem bäuerliche Arbeiter wie eine geweihte Figurengruppe wirken. An den französischen Impressionismus angelehnt, rücken diese Körper den Himmel etwas näher ans Alltägliche heran. Hier ist die Pflanzarbeit mit langen Stangen auf dem Felde gemeint. Obwohl Ähnlichkeiten zu Vincent van Gogh unübersehbar sind, bestand Wilhelm Morgner darauf, dass er den Niederländer zu der Zeit nicht kannte. Kuratorin Lenz-Weber sagt, dass Morgner in der Sonderbund-Ausstellung von 1912 in Köln Werke van Goghs gesehen habe.

Das Zeichnen lernte Morgner 1908 bei Georg Tappert in Worpswede. Vorher hatte er Soest in Richtung Amerika verlassen wollen, so unzufrieden war er mit seiner Heimat, kam aber nur bis Amsterdam. Fortan sollte ihn die Mutter unterstützten, die sich gewünscht hatte, dass ihr Sohn Pfarrer wird.

Die Ausstellung in Hamm dokumentiert Morgners Entschlossenheit, künstlerisch zu arbeiten. Die Kreidezeichnung „Landschaft mit Weide I“ (1911) besticht mit einer Komposition, in der Morgner sich ein gestisches Vokabular auferlegt und so mit Strichen, Halbkreisen, U-Formen und geschwungenen Bögen eine Landschaft geradezu aufzählt. Herrlich plakativ und modern werden im Linolschnitt „Kartoffelernte“ (1911) die Arbeitenden körperhaft und kantig ins Landschaftsbild platziert.

Wilhelm Morgner, der zeitlebens 2000 Zeichnungen, 240 Gemälde und 60 Druckstöcke geschaffen hat, gibt den Bildraum zunehmend auf und wird mit seinen flächigen Motivfindungen 1912/13 expressiver. Neben „Tierdressur“, einem Zirkusbild, enthalten religiöse Bilder auch surreale Wesen, und die Kohlezeichnung „Schöpfung“ bietet eine frühe Abstraktion („Ich möchte ganz frei sein von der Natur“).

Ab 1913 war Morgner beim Militär und hatte keine Zeit mehr für Gemälde. Ganz eindrucksvoll sind seine gezeichneten Porträts. Im „Selbstbildnis No. 69 I“ (1913) zeigt er sich mal unaufgeregt mit Knollennase; sein Freund Wilhelm Wulff ist zu sehen und ein Scherenschleifer aus Soest „Schulte I“ (1909). Für ein Auge dieses Porträts brauchte Morgner zwei Stunden, „sonst bilden sich nur Knopflöcher“, schrieb er.

In einer Vitrine ist Morgners letztes Motiv zu finden: „Die große Kreuzigung“. Die Zinnplatte fand man im Tornister des Gefallenen.

Eröffnung Sonntag, 15 Uhr, bis 30. Dezember; di-sa 10–17 Uhr, so bis 18 Uhr; Tel. 02381/175714

Quelle: wa.de

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