Hans Op den Beeck verwandelt das Museum Morsbroich in ein „Silent Castle“

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Klassische Haltung, modernes Outfit: Hans Op den Beecks Skulptur „Fatima“ (2016).

LEVERKUSEN - Der Hund schläft und lässt sich vom grauen Durcheinander nicht stören. Bücher liegen aufgeschlagen auf dem Sofa. Gläser, Flaschen, Getränkebecher mit Strohhalm, Trauben und eine geschälte Mandarine, ein geleerter Pizzakarton, Kerzen, Skulpturen. Gerade muss hier noch jemand gewesen sein. Jetzt ruht alles still, die Farbe ist entwichen, das stumpfe Grau fängt das gelbe Licht der Lampe, das weiße aus dem Fenster.

Die Skulptur „The Lounge“ (2014) von Hans Op den Beeck versetzt den Betrachter in ein Märchengefühl. So muss sich der Prinz in „Dornröschen“ gefühlt haben, als er das auf 100 Jahre in den Schlaf versetzte Schloss betrat. Die monumentale Arbeit eröffnet die Ausstellung „The Silent Castle“ im Museum Morsbroich in Leverkusen. Und der belgische Künstler, 1969 in Turnhout geboren, spielt tatsächlich mit der Idee des Märchenschlosses, schließlich ist das Museum in einem barocken Lustschloss untergebracht, das nun mit einem seltsamen Zauber belegt scheint.

Alles, was man in der „Lounge“ sieht, ist aus Gips geformt, ist wirklich Skulptur und nicht etwa nur grau angestrichenes Fundstück. Aber neben der haptischen Qualität, der Verlockung, das alles anzufassen, zeichnet die Arbeit aus, wie sehr sie in Kunstgeschichte verankert ist. Op den Beeck zitiert die barocken Stillleben mit ihren Vergänglichkeitssymbolen, den Totenschädel und den erloschenen Kerzen, ergänzt sie aber um Vasen und Flaschen wie aus einem Gemälde von Giorgio Morandi und um neue Flüchtigkeitsbilder wie Aschenbecher voller Kippen. Den Einfall des Lichts und die unterschiedliche Farbigkeit setzt der Künstler als Stimmungsmittel ein. Und um die Stille zu unterstreichen, wurde das Museumkomplett mit grauem Teppichboden ausgelegt. Man glaubt, hier über einen Pelz aus Staub und Schimmel zu schreiten.

So schafft Op den Beeck mit rund 20 oft raumfüllenden Arbeiten immer neue Raumerlebnisse. Einen Raum weiter begegnet der Besucher einer tischgroßen Geburtstagstorte, aus der einige Stücke herausgeschnitten wurden. Eine Farbexplosion von grünen Weinbeeren und roten Erdbeeren und triefender Fruchtsauce. Aber das Fest, das „After the Gathering“ (2007) beschreibt, ist vorüber. Wieder sind die Kerzen erloschen, und ein Kuchenstück ist traurig in sich zusammengesunken.

Op den Beeck holt die Außenwelt ins Innere. Im Obergeschoss füllt er einen Raum mit einem perfekt illusionistischen, vier Meter durchmessenden Gartenteich („Pond 400“, 2016). Weiße Blüten und graue Gipsblätter schwimmen auf einem Wasserspiegel aus Glas, und durch die hohen Fenster blickt man auf den Schlossgarten. In einem anderen Raum steht ein „Silent Piano“ (2015), vollgestellt mit Flaschen und Kerzen und einem aufgeschlagenen Notenbuch und Bilderrahmen, unter deren Grau man Kindergesichter zu sehen meint. Der Hocker steht schräg vor dem Instrument, als habe hier gerade noch jemand musiziert. Der Kontrast zwischen der Detailgenauigkeit und der Ein- beziehungsweise Nichtfarbigkeit der weißen Objekttische, der grauen Zimmer, eines glänzend schwarz lackierten, verkleinerten Zimmers mit Weihnachtsbaum und Geschenken ist herrlich irritierend. Er stellt durchaus auch Menschen dar, „Fatima“ (2016) ist eine (natürlich graue) klassische Darstellung eines sitzenden Frauenaktes, nur dass Op den Beecks Modell eine Jogginghose trägt und die Ohrhörer eines Mediaplayers. Im Kopf des Betrachters springt die Geschichtenmaschine an.

Op den Beeck ist aber nicht nur Bildhauer, er malt auch: große, monochrom graue, hoch realistische Aquarelle. Zum Beispiel „Window“ (2014), bei dem man auf ein nächtlich beleuchtetes Haus blickt. Im Vordergrund steht eine nackte Frau, die sich in einer Scheibe spiegelt. Und es ist unklar, wo der Betrachter steht: In einem weiteren Haus, im Außenraum?

Und seine Skulpturen und Aquarelle bilden ebenfalls das Ausgangsmaterial für faszinierende Videos. In „Night Time“ (2015) zum Beispiel belebt er seine Aquarelle per Computer: Im leeren Zimmer flackert eine real einkopierte Kerze. Man sieht nächtliche Landschaften, zuweilen extrem angeschnittene Körperfragmente. In „Staging Silence“ (2013) wird ein Tisch die Bühne, auf der aus alltäglichen Materialien wie Zimmerpflanzen, Wattebauschen, Schokolade, Zuckerwürfeln illusionistische Landschaften entstehen und wieder vergehen. Man sieht die Hände der Helfer, die die Arrangements einrichten. Aber immer wieder gibt es Momente, in denen die Illusion einer Großstadt oder einer Sumpflandschaft perfekt ist. Jedes Video nutzt eine andere Technik, am schönsten vielleicht ist „The Thread“ (2015), in dem der „Pond“ zu sehen ist. Op den Beeck erzählt eine Liebesgeschichte mit Puppen in der Tradition des japanischen Bunraku-Theaters. Jede fast lebensgroße Puppe wird von drei schwarz maskierten Spielern bewegt, die man in kürzester Zeit vergisst, so berührend und emotional ist das wortlose Miteinander des Punkmädchens und des Rockers im nächtlichen Park.

Bis 30.4., di – so 11 – 17, do bis 21 Uhr, Tel. 0214/ 855 560, www.museum-morsbroich.de, Katalog, Verlag für moderne Kunst, Wien, 22 Euro

Quelle: wa.de

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