Harry Martinsons Buch „Reisen ohne Ziel“

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Harry Martinson

Kennen Sie Harry Martinson? Nicht? Dabei erhielt der schwedische Schriftsteller 1974 mit seinem Landsmann Eyvind Johnson den Nobelpreis für Literatur. Andererseits: kein Wunder. Von Martinson waren keine Bücher auf deutsch lieferbar. Jetzt aber ist der schöne Band „Reisen ohne Ziel“ erschienen.

Es fällt schwer, dieses Buch kurz zu beschreiben, weil es so viel in einem ist. Erlebnisbericht, Erzählung, Essay. Das Leben von Martinson (1904–1978) hätte für mehrere Romane gereicht. Mit sechs Jahren verlor er seinen Vater. Die Mutter wanderte nach Kalifornien aus und ließ ihre Kinder zurück. Harry wuchs als ungeliebter Pflegling auf. Er riss als Jugendlicher aus und heuerte mit 16 Jahren als Seemann an. Sieben Jahre lang war er unterwegs, bis er wegen einer Krankheit heimkehren musste, der „Lumpenwikinger“, wie er sich selber nennt, der „Rabauke der Meere und Tweed-Kerl“. In „Reisen ohne Ziel“ sind zwei Bücher vereint, mit denen Martinson Anfang der 1930er Jahre in seiner Heimat berühmt wurde, montiert aus Texten über seine Erlebnisse auf See.

Einerseits schreibt er manchmal geradezu tagespolitisch, mit nüchternen Einschätzungen zur Entwicklung der Seefahrt. Immer wieder beklagt er die „Industrialisierung des Seelebens“. An anderer Stelle notiert er: „Ist es nicht eine Schande, dass die Reihe aller Schiffe auf dem La Plata zu einem ,Fließband‘ geworden ist, gefangen von den Launen der Weizenbörse?“ Er denkt über die Folgen des Versailler Vertrags nach. Das scheint so gar nicht zur maritimen Romantik zu passen, denn ein wenig Wehmut schwingt schon mit in diesen Beobachtungen von Strukturwandel und Globalisierung.

Aber das ist nur eine Seite. Der Mann kann schwärmen wie wenige andere, und fliegende Fische entzünden pure Poesie: „Die Fische schweben nur, wie stickende Wesen über endloses Tuch, und aus der Dämmerung steigt die Sonne auf, eine flammende Goldrose auf dem Gesträuch der Morgenwolke.“

Der kleine Junge, der nie verreisen durfte, entwickelt eine Philosophie des Unterwegsseins, des Vagantentums, und als Triebfedern des menschlichen Handelns gelten ihm: „Hunger, Liebe, Bewegungstrieb“. Seine Texte schweifen in die unterschiedlichsten Richtungen ab. Mal gibt es Abenteuergeschichten, wie auf der „S.S. Poljana“, wo er in den Öltank steigen muss, um herauszufinden, womit die Leitung verstopft ist. Oder er gerät mit der überladenen „S.S. Ionopolis“ in einen tropischen Zyklon. Die Geschichte nennt er „Eine griechische Tragödie“, und das meint zunächst, dass das Schiff eben unter griechischer Flagge lief, aber es benennt auch die archaische Größe des Scheiterns von menschlicher Gier und Selbstüberschätzung.

Viele Kapitel handeln von Liebe und Sexualität. Martinson führt seine Leser in Freudenhäuser zwischen Antwerpen, Rio und Bombay. Er berichtet, wie er sich auf einer brasilianischen Zuckerrohrplantage in ein Mischlingsmädchen verliebt. Und er geißelt den Rassismus in den Südstaaten der USA, wo der Mob über schwangere farbige Frauen herfällt. Er schildert Armut, Mühsal, Plagen unterwegs. Er lässt die ekligen Seiten nicht aus, beschreibt zum Beispiel das „Läusekochen“ auf der Plantage.

Kaum zu glauben, dass ein nicht mal 30-Jähriger so spontan und abgeklärt zugleich schrieb. Die Übersetzung stammt von Verner Arpe, der aus dem NS-Staat nach Schweden geflohen war. Klaus-Jürgen Liedtke hat ein instruktives Nachwort verfasst und gekürzte Passagen früherer Ausgaben nachübersetzt, nicht aber die damalige Sprache heutigen Regelungen angeglichen. So liest man immer noch von der „Zigeunerin“ und dem „Gummineger“, und das ist auch in Ordnung, denn die Sympathien Martinsons galten nie den kolonialen Unterdrückern.

Martinson brachte der Nobelpreis kein Glück. In Schweden gab es eine Kampagne gegen ihn, weil er Mitglied der Akademie war, die den Preis vergab. Er litt unter den Vorwürfen, am Ende brachte er sich um.

Harry Martinson: Reisen ohne Ziel. Deutsch von Verner Arpe und Klaus-Jürgen Liedtke. Guggolz Verlag, Berlin. 412 S., 23 Euro

Quelle: wa.de

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