Heinrich Breloers Dokudrama „Brecht“ bei Arte

Als Sekretärin stellt Brecht (Tom Schilling) Elisabeth (Leonie Benesch) ein – bald seine Geliebte und Mitautorin der „Dreigroschenoper“. Foto: WDR (Michael praun, Nik Konietzky)

„Ich bin der Nächste“, ruft Bertolt Brecht und zeigt auf die Statue des Dichterfürsten über sich. Die Kumpels lachen. Heinrich Breloer stellt die Szene in seinem Dokudrama „Brecht“ nach, das heute bei Arte zu sehen ist, beide 90-minütigen Teile nacheinander. Im ersten (bis zur Flucht aus Deutschland 1933) spielt Tom Schilling den Dichter: Erst frühreif, schüchtern, schlaksig, aber bald befördern Lederjacke und Zigarre den jungen Mann zum stilbewussten Proleten. Der Blick durch die Brillengläser ist bereits so hartnäckig wie beim älteren Mann, den Burghart Klaußner im zweiten Teil als Theatermacher zeigt (ab 1949 in Ost-Berlin).

Ob Brecht (1898–1956) der nächste Klassiker wurde, will Breloer nicht behaupten. Er inszeniert keineswegs beflissen, spielt Texte nur an: ein Gedicht (die „Erinnerung an Marie A.“ mit Klampfenbegleitung am Lagerfeuer), die Bühnenerfolge „Trommeln in der Nacht“ (1922) und „Die Dreigroschenoper“ (1928) im ersten Teil. Im zweiten stehen „Mutter Courage und ihre Kinder“ (1949) und „Der kaukasische Kreidekreis“ (1954) mit Helene Weigel in Ost-Berlin im Mittelpunkt. Doch Brechts Wortgewalt wird nicht erprobt, sondern wie in einer Vitrine ausgestellt. „Sie sind so..., so materialistisch“, sagt Paula Banholzer (Marla Emde) beim Rendezvous mit dem blassen Pennäler.

Breloer will den Dichter ergründen, ihn nach einem abgewandelten Brecht-Zitat „zeigen, wie er wirklich ist“. Was bedeutet: Breloer hakt (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) vor allem dessen Frauengeschichten ab, ihr Neben- und Nacheinander, zeigt Brecht besitzergreifend, ausbeuterisch und brutal: Die Nächste, bitte.

Die Spielszenen haben großen Wiedererkennungswert, wenn Breloer historisches Material dazwischenschneidet (was die Theaterproben im zweiten Teil enorm verlebendigt), dazu Kommentare und Interviews mit Zeitzeugen. Diese offene Form des Doku-Dramas, die Breloer gemeinsam mit Horst Königstein erfand, ist eine Adaption von Brechts „epischem Theater“ fürs Fernsehen: Zuschauer sollen sich nicht mit den Figuren identifizieren und nicht von Emotionen anstecken lassen, sondern auf Abstand bleiben und selber denken.

Mit diesem Konzept erfasste Breloer in Produktionen wie „Die Manns, ein Jahrhundertroman“ (2001) oder „Speer und Er“ (2005) immer wieder Personen der Zeitgeschichte und ihre historische Spanne. Doch diesmal führt die Materialkomposition nur zu einem Achselzucken: „Ihn konnte man nicht kennen“, sagt die Schauspielerin Regine Lutz mit feinem Lächeln über Brecht. Der wird von Breloer nicht auf die Füße gestellt, sondern bleibt eine Statue über den Köpfen wie der Goethe am Anfang, zwar bewundert, aber bei näherem Hinsehen eher unsympathisch – als wäre das ein Kriterium für einen möglichen Klassiker.

Kein anderes Thema wird so penibel ausdifferenziert wie Brechts Lavieren in der SED-Diktatur: Seine Bühnenarbeiter kommen mit ihrem Lohn kaum über die Runden, und er legt die Dotation des Stalin-Preises in Schweizer Franken an. Nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 wird eine Ergebenheitsadresse an die SED-Führung unter Walter Ulbricht gedruckt. Das sarkastische Gedicht „Die Lösung“ versenkt er dagegen in der Schublade: „Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?“ Freie Wahlen, die die Demonstranten fordern, seien „in keiner Weise für uns sinnvoll“, sagt er. Er ist entsetzt über die Verhaftung und Folterung seines Mitarbeiters Martin Pohl durch die Stasi – und verdrängt es. Am wichtigsten ist sein Theater, das Berliner Ensemble, das sein Beitrag zum Aufbau einer neuen Gesellschaft ist und das in Wirklichkeit Helene Weigel führt, seine zweite Ehefrau.

Die wird von Adele Neuhauser dargestellt, die stärkste Figur in diesem Dokudrama: kantig, zielstrebig, nüchtern, melancholisch. In den „Courage“-Proben sind Neuhausers Gestus und Ton von der Weigel nicht zu unterscheiden. Wie sie sich für den Abwasch die Schürze umbindet, ist ihre Kraft von Brechts Affären ausgelaugt.

Diese Beziehungen zeigt Breloer nicht als männliches Machtgebaren, obwohl dies eine Rolle gespielt haben wird angesichts der Geschlechterbeziehungen jener Zeit und angesichts der Hierarchien am Theater. Allerdings ragen die Frauen aus ihrer Zeit, man ahnt, wie sie Brecht faszinierten – da nimmt Breloer dessen Perspektive ein: Die ernsthafte Paula Banholzer (Mala Emde), genannt „Bi“, die den gemeinsamen Sohn „wegen der Schande“ einer Bauernfamilie überlassen muss. Bereits in den 1970er Jahren hat Breloer sie interviewt. Banholzers gelassener, versöhnter, aber keinesfalls verklärender Blick auf Brecht ähnelt der Erzählhaltung von Elisabeth Mann Borgese in „Die Manns“. Sie lacht, als Breloer eine Passage aus Brechts Tagebuch liest: „Der Lügner!“

Später gibt es unter anderem die Sopranistin Marianne Zoff (Friederike Becht) mit ihrem glühenden Glamour, der er nach einer Fehlgeburt sagt: „Jetzt bist du frei.“ Die pfiffige und doch ergebene Elisabeth Hauptmann (Leonie Benesch) war Co-Autorin unter anderem der „Dreigroschenoper“. Die bemerkenswerte Dänin Ruth Berlau brachte Brecht samt Familie erst im dänischen und dann im US-Exil durch, dokumentierte später viele seiner Inszenierungen und verarmte. Sie wird von Trine Dyrholm als strauchelnde Verflossene gegeben, der die Weigel kühl die Tür weist.

Arte, 20.15 Uhr

Um 23.20 Uhr folgt Breloers Dokumentation „Brecht und das Berliner Ensemble“.

Die ARD zeigt „Brecht“ am Mittwoch, 27.3., 20.15 Uhr.

Quelle: wa.de

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