In „hell“ entdeckt Kay Voges die Fotografie als Bühnenmedium

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Große Gefühle als Schwarz-Weiß-Aufnahme: Szene aus „hell“ in Dortmund mit Uwe Schmieder und Julia Schubert (auf der Leinwand) sowie Bettina Lieder.

DORTMUND - Ein Blitz in der Dunkelheit. Dann erscheint ein Foto auf den beiden Leinwänden. Für einige Sekunden sehen wir das lachende Paar, in Nahaufnahme, überlebensgroß, das sich verliebt anschaut, die Köpfe aneinander schmiegt. Ein Schwarz-weiß-Foto im Kinoformat.

So ein Theaterstück hat es noch nicht gegeben. In seinem Stück „hell“ erschließt der Dortmunder Schauspiel-Intendant Kay Voges ein Medium für die Bühne, das komplett undramatisch scheint. Die Zuschauer im Megastore sitzen in einer Dunkelkammer, durch die ab und zu ein Blitz zuckt. Die Bilder erzählen Geschichten wie einst der Fotoroman in Illustrierten. Nach einem Moment verblasst die Aufnahme, kehrt die Dunkelheit zurück, um erneut vom Blitz, von einem neuen Motiv gebrochen zu werden. Dazu erklingt ruhige, von einem Piano bestimmte Musik (von T. D. Finck von Finckenstein). Man hört Texte, die von der Schöpfung handeln, von Zeit, Licht und Vergänglichkeit, die fragen: Was ist der Mensch?

Gerade erst wurde Voges zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Die Jury schätzte seine „Borderline Prozession“ als eine der zehn wichtigsten Inszenierungen im deutschsprachigen Theater ein. „hell“ knüpft hier an, auch wenn die Stimmung ganz anders ist.

Wieder stellt das Theater existenzielle Fragen in einem szenischem Essay. Und wieder fordert es die Wahrnehmung des Besuchers heraus mit einer Konstruktion, die scheinbar den Grundregeln von Schauspiel widerspricht. Die Bühne von Pia Maria Hackert ist dreigeteilt: Im Hintergrund steht eine Art Lichtkasten, in dem der „Live-Fotograf“ Marcel Schaar die Aufnahmen für die beiden Leinwände rechts und links macht. Vorne, fast unsichtbar, stehen Schauspieler an Mikrophonen und sprechen Texte von der Bibel über Klassiker bis zu Gegenwartsautoren wie Christoph Schlingensief. Das funktioniert auch wie eine Prozession: Die vorne sprechen, rücken in die Fotokammer vor und machen nach der Aufnahme wieder anderen Platz. In einer Sequenz nutzt Voges die Konstruktion, um den „Reigen“ zu variieren: In jedem neuen Bild ist ein Partner im Liebespaar ausgetauscht.

Die Fotografie fängt von einem Geschehen nur den Bruchteil einer Sekunde ein. Zugleich fasst sie, was sich sonst in der Wahrnehmung sofort wieder verflüchtigt. Die harten Schwarz-Weiß-Aufnahmen in „hell“ knüpfen beim Expressionismus an, sie bannen Mimik und Gestik der grandiosen Dortmunder Schauspieler in vermeintliche Schnappschüsse. Dabei ist das virtuoseste Kunst: Auf Abruf eine Pose einzunehmen, einen Blick aufzusetzen, die dann der Fotograf blitzt und auf die Leinwand schickt.

Die Fotografie hat sich im digitalen Zeitalter je eben nicht erledigt, sondern beherrscht immer mehr den Alltag. In einer Textsequenz zählt Marlena Keil ikonische Bilder auf, die sich ins Gedächtnis brannten: „Weißer Lkw, Promenade, Atomkraftwerk, Trümmer, ... Politiker in Badewanne, ... Osama vor Kamera, Toter Junge am Strand.“ Auf die Herausforderung des Sehens reagiert „hell“ mal mit Variationen, mal mit Gegenbildern. Da gibt es politische Andeutungen, wenn zum Beispiel Ekkehard Freye uns als als SS-Mann entgegenblickt, hinter ihm steht Rafaat Daboul – ein Gefolgsmann, ein Gefangener auf dem Weg zur Deportation? Friederike Tiefenbacher posiert in der Burka, verbreitet später mit Merle Wasmuth als Comtessen-Duo Castiglione den morbid-erotischen Flair venezianischen Karnevals. Uwe Schmieder und Andreas Beck treten als Veteranen auf: „40 Jahre im Widerstand.“ Hinreißend eine Sequenz, in der Bettina Lieder in Krankenhemd mit einem Tropf auftritt, den Stinkefinger reckt, mit Zigarette in die Kamera lacht, während der Popsong „Forever Young“ erklingt. So, zugespitzt in Einzelbildern, vermittelt sich der Trotz gegen den drohenden Tod unvergleichlich. Dem Witz eines Ernst-Jandl-Gedichts über den „schönen Florian“, das Marlena Keil, Caroline Hanke und Julia Schubert als drei Grazien mit Apfelhälften vor dem Unterleib sprechen, folgt das Pathos des „Faust“-Finales mit Schmieder als nacktem Sterbendem in Christus-Pose.

Wieder gelingt Kay Voges ein unvergleichlicher Abend. „hell“ ist nicht überwältigend wie die „Borderline Prozession“, aber von meditativer Intensität und melancholischer Schönheit.

17., 18.2., 1., 18., 26.3., 16.4., 12.5., 22.6.; Tel. 0231/5027 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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