Hermann Schmidt-Rahmer dramatisiert Dostojewskis „Dämonen“ in Essen

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Der Weg führt ins Nichts: Szene aus „Dämonen“ am Schauspiel Essen mit Stefan Diekmann, Cynthia Cosima Erhardt und Alexey Ekimov (liegend).

ESSEN - Die Stichworte sind verräterisch, mit denen der wirrbärtige Schatow am Schauspiel Essen das Publikum empfängt: Blut, Boden, die einzige Wahrheit. Sven Seeburg redet sich in Rage mit der kruden These von der Vorherrschaft eines Volkes in der Welt. Und Schatow ist nur

Es gibt viele lange Monologe in Hermann Schmidt-Rahmers Dramatisierung von Fjodor Dostojewskis Roman „Dämonen“. Der Regisseur deutet den 1873 veröffentlichten russischen Klassiker als visionäre Vorausschau auf die totalitären Versuchungen der Gegenwart. Eine gelangweilte und saturierte bürgerlich-liberale Gesellschaft erzeugt einen revolutionären Hass in ihren Kindern. Da kann der Literat und Schöngeist Stepan Trofimowitsch noch so sehr die westlichen Werte beschwören, da kann die Mäzenin Warwara Petrowna noch so sehr versuchen, mit literarischen Matineen den Übermut der Jugend zu kanalisieren und einzufangen. Ihre Söhne Pjotr und Nikolaj sind auf Zerstörung und Umsturz aus, nicht zuletzt durch die Gründung einer konspirativen Terrorgruppe.

Wenn man aus einem Roman von fast 1000 Seiten einen Theaterabend von gut drei Stunden macht, geht zwangsläufig eine Menge verloren. Ganze Figuren, charakterliche Differenzierungen, Beziehungen. Schmidt-Rahmer ist das wohl bewusst. Er konzentriert sich auf die Verschwörungsgeschichte, auf die ideologischen Auseinandersetzungen, in denen er die gedanklichen Verirrungen der neuen nationalistischen, religiösen, totalitären Bewegungen von Trump, Pegida, AfD vorweggenommen sieht. In der Tat passt Pjotr mit seinen spalterischen Intrigen, seinen Lügen und Provokationen perfekt in die gegenwärtigen Strömungen der Lügenpresse- und Anti-Mainstream-Rufer. Die Inszenierung schlägt in anachronistischen Halbsätzen wie dem, dass man „Merkel platt machen“ müsse, die Brücke zur Gegenwart. Da ist die Rede davon, dass die Zahl der Raubüberfälle gestiegen sei. Und in Videosequenzen werden Äußerungen der rechtsextremen „identitären Bewegung“ eingespielt: „Wir wollen keine Teilnahme am Diskurs, wir wollen eine neue Sprache.“

Die Ausrichtung auf Ideologie ist freilich das Problem des Abends. Es passiert nicht so viel, selbst die Mord an Schatow und Marja gehen unter in den Textmeeren der Monologisten. Und wie soll man so einen nicht erwartbaren Moment der Fürsorge des Rebellen Nikolaj für seine wahnsinnige Frau würdigen, wo er ihr die Windel abnimmt und sie auf einen Nachtstuhl setzt, damit sie sich in einen Topf erleichtern kann, wenn dazu unentwegt geredet wird?

Das Ensemble tut alles, um dem plakativen Spiel Leben einzuhauchen. Und Schmidt-Rahmer kann sich auf starke Darsteller stützen. Stefan Dieckmanns Pjotr ist ein Intrigant und Strippenzieher von Tartuffe-Format, einer, der wunderbar Niedertracht im Brustton der Unschuld ausspielt, der aber auch seine Bosheit mit meckerndem Lachen auskostet. Alexey Ekimov ist ein unberechenbarer Nikolaj, mal rebellierender Halbstarker, dann wieder ein kühl berechnender Dandy, ein nihilistischer Hamlet, der unversehens doch Gefühle zeigt, die er aber im nächsten Moment wieder dementiert. Manchmal wirkt er geistesabwesend, dann wie ein charismatischer Strippenzieher, etwa wenn er den wütenden Schatow entwaffnet. Sehr präsent spielt Gro Swantje Kohlhof die wahnsinnige Marja, die in manchen Momenten mehr von den Ereignissen versteht als all die aufgeklärten Bürger. Und Thomas Büchel als Stepan Trofimowitsch ist ein überzeugend irrlichternder, sich in Widersprüche verstrickender Vertreter des westlichen Denkens, mal lässt er sich vom Überschwang der großen Ideen mitreißen, dann verfällt er in weinerliches Selbstmitleid. Ines Krug gibt der Warwara Petrowna die Züge der autoritären Großbürgerin, die glaubt, mit Zugeständnissen die rebellische Jugend beschwichtigen zu können.

So eindrucksvoll sie alles geben: Sinnliche Kraft entwickelt der Abend im Grillo-Theater nicht, auch wenn Dostojewskis Blick auf die Wurzeln des Nihilismus überraschend klar ist.

6., 7., 19.5., 1., 10., 28.6.,

Tel. 0201/ 8122 200

www.schauspiel-essen.de

Quelle: wa.de

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