Ingo Kerkhof inszeniert Wagners „Lohengrin“ in Dortmund

Gleich wird sie ihn befragen: Lohengrin (Daniel Behle) und Elsa (Christina Nilsson) in ihrer desaströsen Hochzeitsnacht. Szene aus der Dortmunder Wagner-Inszenierung. Foto: Thomas M. Jauk/stage picture

Dortmund – Dass Elsa ihren Lohengrin nie befragen soll nach Namen und Herkunft, das ist der Kern des Dramas. Unbedingt befragt werden muss hingegen das Programmheft zur Dortmunder „Lohengrin“-Produktion. Nur so ist zu ergründen, was Regisseur Ingo Kerkhof erzählen will. Er deutet Wagners Oper zu einer Inzestgeschichte um, in der der fremde Ritter, der Elsa zur Hilfe kommt, sich als deren verschwundener Bruder Gottfried erweist.

Dazu spürt das Programmheft das Inzest-Motiv sogar in der Vita des Komponisten auf: dessen Schwärmerei für die zehn Jahre ältere Schwester Rosalie. Das Inszenierungskonzept geht auch mit dieser Information nicht auf, es bleibt abwegig.

Trotzdem ist in Dortmund ein musikalisch bemerkenswerter Abend zu erleben, und Kerkhofs Personenführung hat in ihrer kargen Präzision starke Momente. Zum Beispiel die Hochzeitsnacht im dritten Akt. Da sitzen Elsa (Christina Nilsson) und Lohengrin (Daniel Behle) nebeneinander auf der Bettkante, ohne Blickkontakt. Die Distanz betont Elsa noch, wenn ihre Hand zaghaft an ihn herantastet. Gleich wird sie ihn befragen nach „Nam’ und Art“ und das Tabu verletzen. Das stumme Spiel zweier Statisten im Spiegel zeigt, wie Elsas Frage Lohengrin einen Todesstoß versetzt.

Hier kommen Kerkhofs Motiv der verdrängten, verbotenen Liebe und Wagners Gralsmythos sich kurz nahe: das Frageverbot zielt aus unterschiedlichen Richtungen auf das gleiche Tabu. Aber die weitere Handlung wird von da an immer verworrener. Textprojektionen und ein Reh als Requisit transplantieren das Märchen „Brüderchen und Schwesterchen“ der Gebrüder Grimm in Wagners Libretto. Videoszenen (Philipp Ludwig Stangl) von zwei Kindern, die Suppe essen, deuten eine gemeinsame Vergangenheit an. Der weiße Federball, den der Junge aus der Schüssel schöpft, wird zum Indiz: im zweiten Akt überreicht Lohengrin Elsa diesen Federball, und weiß ist der Schwan, mit dem er gekommen ist.

Kerkhof zeigt ein Kammerspiel, für das Bühnenbildner Dirk Becker Elsas enges Zimmer in leere Stoppelfelder stellt. Ein langer Video-Zoom auf die Schlafende macht schon im Vorspiel die Nahsicht deutlich, mit der Kerkhof die Geschichte entschlüsseln will. Er nimmt die Handlung zurück und lässt in oft statischen Bildern an der Rampe singen, beinahe ohne Interaktion zwischen den Figuren. Auch Telramund und Ortrud, das dunkle zweite Paar, zeigt Kerkhof in intimer, privater Situation. Die Öffentlichkeit in Form des Chores platziert er weg von der Bühne auf die Empore des Dortmunder Opernhauses.

Diese Setting und die streckenweise fast konzertante Inszenierung sorgen dafür, dass sich unter dem Dirigat von Gabriel Feltz die musikalische Substanz dieser Produktion ganz wunderbar entfalten kann.

Dass der Chor (Fabio Mancini) von oben und im Rücken des Publikums in den Bühnenraum singt, bringt Feinheiten der Partitur zur Geltung, die selten so prächtig zu vernehmen sind. Die Trompeten steuern weitere räumliche Effekte bei, die von kleinen Wacklern wenig beeinträchtigt werden. Feltz liest die Musik mit lyrischem, melodischem Zugriff, doch immer auch mit sinfonischer Nüchternheit, die den Solisten sehr entgegenkommt. Die Textverständlichkeit ist ohnehin vorzüglich, außerdem werden Übertitel eingeblendet.

Bayreuth-Tenor Daniel Behle gibt ein bemerkenswertes Lohengrin-Debüt als eher leiser, sensibler Held, aber seine Stimme beweist immer wieder höchste elegante Tragfähigkeit. Aus dem Ensemble ragt außerdem Joachim Goltz heraus, der den Friedrich von Telramund mit klarem, präsenten Bariton profiliert. Christina Nilsson verfügt über enormes Talent im dramatischen Fach, sie singt die Elsa mit schlankem, schönen und starken Sopran – aber auch ein wenig gleichförmig. Umso ausladender gerät die Dramatik von Stéphanie Müthers Ortrud.

Die politische Dimension von Wagners „Lohengrin“, der fraglose Gefolgschaft fordert und ein Lieblingsheld Adolf Hitlers war, ist für Kerkhof auch ein Thema, wenn auch am Rande: Morgan Moody gibt als Heerrufer einen Lakaien und heimlichtuenden Scharfmacher.

8., 14.12., 12.1., 22.3., 10.4., 22.5., Tel. 0231/ 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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