26. Internationale Jazzfestival Münster mit Überraschungen und Kontrasten

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Flammende Melodielinien mit orientalischem Flair: Saxophonist Daniel Zamir.

MÜNSTER - Der Mann lebt offenbar ohne Atem: Minutenlang zieht er seine ekstatischen Melodielinien am Sopransaxophon, ohne innezuhalten. Man hört den Nahen Osten in dieser Musik, die orientalischen Harmonien, die Gefühlstiefe. Und immer wieder in seinen langen improvisationen spielt er sich wie in einen Rausch, wiederholt Motive, die er in jedem Durchlauf noch etwas intensiviert, noch etwas mehr brennen lässt. Jüdischer Soul.

Wer braucht schon einen internationalen Superstar, wenn er Daniel Zamir einladen kann? Der israelische Saxophonist riss zum Abschluss des 26. Internationalen Jazzfests in Münster die Fans im Großen Haus mit – vom ersten Ton an. Seine Musik scheut Anleihen beim Pop nicht, da gibt es durchaus mal einen Reggae-Groove. Aber der orthodoxe Jude vermittelt auch, was Spiritualität in der Musik heißen kann: Seine innigen Melodien trägt er mit dem Ernst und dem Charisma eines Predigers vor. Dann beginnt er zu singen, Bibelverse auf hebräisch, und erzählt von einem Auftritt in Wien, wo er auf einmal vor hunderten Muslimen stand. Man hatte ihm nicht gesagt, dass er bei einem Konzert für syrische Flüchtlinge spielen sollte. Anfangs hätten sie noch zu Seite geschaut, erzählt er, am Ende aber mitgesungen. „Singen ist hilfreich“, sagt er und dirigiert das Publikum, macht es zum „Jannanna“-Chor, „Peace is very simple“. Dabei missionierte Zamir nicht, die Musik blieb im Vordergrund, dieser suggestiv swingende Jazz, den er mit den formidablen Mitstreitern Omer Klein (p), Gilad Abro (b) und Amir Bresler (d) zelebrierte.

Ein würdiger Abschluss für drei Tage, die den Rang Münsters als eines Forums für Entdeckungen und Neuheiten bestätigten. Seit 20 Jahren organisiert es der künstlerische Leiter Fritz Schmücker als Biennale im Stadttheater. Auch diesmal war es schon lang im Voraus ausverkauft. 17 Konzerte an drei Tagen, mit Schwerpunkt auf europäischem Jazz, ohne das Korsett eines Themas, aber mit manchen Korrespondenzen.

Zum Beispiel gab es drei Ensembles von Schlagzeugerinnen. Die in Werl geborene, in Leipzig lebende Eva Klesse erhielt den Preis Westfalen-Jazz, mit dem ein Festival-Auftritt verbunden ist. Die Musikerin nutzte die Chance, mit ihrem Quartett ihr Album „Obenland“ vorzustellen, kammermusikalisch-romantische Musik, sehr melodiebezogen, mit intensiven Soli des russischen Saxophonisten Evgeny Ring. Wie „weiblich“ trommelt eine Frau? Klesse spielt jenseits von Klischees einer Spitzenklöpplerin, sie ist sehr präsent, stellt sich aber in den Dienst des Gruppenklangs, und sie langt auch richtig zu, wenn das Stück es verlangt.

Auch ihre Kolleginnen erweisen sich einfach nur als gute Musikerinnen. Allison Miller mit ihrem Sextett „Boom Tic Boom“ spielte ein hinreißendes Konzert. Die US-Drummerin, die auch die Songwriterin Ani DiFranco begleitet, scheut in ihren Kompositionen keine Pop-Elemente, lässt den entspannten Groove der 60er durchklingen, um dann wieder in eine freie Kollektivimprovisation auszubrechen. Die Geigerin Jenny Scheinman, Pianistin Myra Melford und Kornettist Kirk Knuffke setzten solistische Glanzlichter. Diese eklektische Mischung, virtuos vorgetragen, machte einfach Spaß.

Die dritte Drummerin war die Französin Anne Paseo mit ihrem Quartett: Sie erdete die recht elektroniklastige Klangmischung, die von Tony Paelemans E-Piano geprägt war. Sängerin Leila Martïal setzte ihre Stimme meistens als Instrument ein, ohne Text, als Gegengewicht zu Christophe Panzanis Saxophon. Aber sie hatte auch eine Rap-Passage.

Die Dramaturgie des Münsteraner Festivals setzt auf Kontraste und Überraschungen. Hier kann man sich vom virtuosen jungen Akkordeonisten Joao Barradas aus Portugal mitreißen lassen – in einer Deutschlandpremiere. Hier begegnet man aber auch dem Pianisten Jacky Terrasson (wenn Schmücker einen Star haben kann, lädt er ihn durchaus ein) und dem Trompeter Stéphane Belmondo, die zunächst die Kunst der Ballade zelebrieren, ehe sich Majid Bekkas zu ihnen gesellt, der an der Basslaute Guembri treibende Afrogrooves liefert – und zwischendurch führen sie Coltranes „A Love Supreme“ nach Afrika zurück. Und dann feiert auch das niederländische Musikerkollektiv ICP Orchestra den 50. Geburtstag, und der Free Jazz des Ensembles um Schlagzeuger Han Bennink ist so gereift, dass die Anarchie in Arrangements von Monks „Jackie-Ing“ und Ellingtons „Caravan“ hoch unterhaltsam daherkommt, mit allerlei Rummelplatzmusik und wildem Getröte und einer Dirigierchoreografie von Cellist Tristan Honsinger.

Traditionspflege betreiben auf ganz andere Art Silke Eberhard (sax), Nikolaus Neuser (tp) und Christian Marien (d): Sie zelebrieren im Trio die Musik des Bassisten Charles Mingus. Orchestrale Hits wie „Fables of Faubus“ und „Better Get Hit in Your Soul“ werden von den Bläsern auf den Kern reduziert, das Schlagzeug pulst darunter orchestral fett. Dann wieder feiern der Schweizer Sänger Andreas Schärer, sein Landsmann Lucas Niggli am Schlagzeug, der italienische Akkordeonist Luciano Biondini und der finnische Gitarrist Kalli Kalima ein „Alles geht“, das von Klassik-Reminiszenzen bis zur Metal-Rock-Wucht in „Rough Ride“ reicht.

Hier trifft ein mutiges Programm auf ein Publikum, das sich gern verführen lässt. Das Vergnügen haben beide Seiten.

Eva Klesse spielt heute mit Julia Hülsmann (p), Verneri Pohjola (tp) und Phil Donkin (b) im Dortmunder Jazzclub domicil (20 Uhr).

WDR3 sendet Aufzeichnungen aus Münster am 10. und 13.2., jeweils 20.05 Uhr

Quelle: wa.de

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