50 Jahre Kunsthalle Düsseldorf: „Singular/Plural“ erinnert an Polke, Sieverding und Co.

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„Hochzeitsbild“ heißt die mehrschichtige Arbeit (1977, Sprühlack auf Papier und Leinwand kaschiert) von Memphis Schulze, Sigmar Polke und Hochzeitsgästen, die in Düsseldorfs Kunsthalle zu sehen ist.

DÜSSELDORF Kunstgeschichte kommt manchmal bedeutungsschwer und akademisch daher. Aber nicht so in der Kunsthalle Düsseldorf. Das Haus schaut auf 50 Jahre Ausstellungsgeschichte zurück und lässt die 70er Jahre lebendig werden. Gleich im Foyer ist Tony Morgans Video „Düsseldorf Tongues“ (1970, schwarzweiß) zu sehen. Der Künstler hatte Düsseldorfer aufgefordert, ihm die Zunge herauszustrecken. So sind diese provokanten Gesten entstanden, und ein Video, das schon damals eine Ausstellungsreihe („between“) eröffnete. Die Künstler stellten sich gegen arrivierte Kunst. Die neue Kunsthalle (seit 1967) wollte auch ein Ort sein, um neue Strategien auszuprobieren.

Dass eine Künstlergeneration, die von der Akademie und Joseph Beuys beeinflusst wurde, Fotografie, Video, Malerei Konzept- und Aktionskunst erneuerte, muss nicht erklärt werden. 21 Künstler sind an der aktuellen Schau beteiligt. Die Kuratoren Petra Lange-Berndt, Dietmar Rübel, Max Schulze und Direktor Gregor Jansen wollen mit „Singular/Plural. Kollaborationen in der Post-Pop-Polit-Arena 1969–1980“ die Anfänge zeigen, einige Kunstwerke konservieren und vor allem vor dem Vergessen bewahren. Das gelingt wundervoll leicht, schaut man auf die Panorama-Fotowand von Klaus vom Bruch. Der Titel „Kinder des Olymp“ (1974–1977) spielt mit dem gleichnamigen Film von Marcel Carne (1945) und zeigt die Kunstszene der 70er in Porträts: Sigmar Polke ist mehrfach in Partylaune abgelichtet, Michael Buthe wirkt ernster, Mario Merz ganz rauschhaft, Candida Höfer schüchtern mit Fotoapparat, Trixie Lüpertz hält Pappbecher und Kippe. Auch dabei sind Katharina Sieverding, Louise Bourgeois, Isa Genzken, Klaus Staeck, der Galerist Alfred Schmela, der Yves Klein und Christo als erster gezeigt hat, und Ingrid Oppenheim, die eine Videogalerie führte. Es sind ganz uneitle Zeitdokumente, die vom Bruch noch mit Konfetti garniert hat, um die innere Ablehnung gegen das dumpfe Karnevalsritual am Rhein auszudrücken. Provokant war Standard.

Die Düsseldorfer Szene stemmte sich gegen die kanonisierte Popkunst, sie folgte Joseph Beuys, der eine Art Anti-Pop-Art für Deutschland anstrebte. Für Beuys waren die wiederkehrenden Rituale der Popkultur nicht ohne Volkskunst und NS-Konformismus zu denken. Im Gegensatz zu Politik und Öffentlichkeit zeigten Künstler aktuelle Bezüge zum NS-Staat. Gegen die Macht aus Politik und Militär wendeten sich Lutz Mommartz und Jürgen Kuhfuß mit ihrem Video „Denkmäler“ (1972), das 62 Monumente präsentiert. „Bismarck“ (von 1899) wollten sie nicht mehr sehen. Es gab Peace-Zeichen auf Skulpturen.

Ein unverkrampftes Lebensgefühl wurde gefeiert. US-Autos wurden nicht vergöttert, sondern gefahren. Achim Duchow kreuzte mit seinem Big Buick durch Deutschland. „Buick Adventures“ (1975) ist eine fortlaufende Projektion von 162 Diapositiven: Männer mit langen Mänteln und Bärten sind zu sehen, das Heckflossenauto, Kneipen, Straßen, Tattoos – oft in Mehrfachbelichtungen. Es geht nicht um Brillanz und Größe, sondern um Intensität und den Moment. Dazu ist ein Soundtrack aus den 60/70er Jahren zu hören, der das ganz Haus erfüllt.

Duchow gehörte der linksorientieren Filmgruppe Düsseldorf an, die auf Missstände in Kultur- und Sozialpolitik hinwiesen. Lutz Mommartz drehte zum Beispiel den Film „Mietersolidarität“ (1970). Chris Reinke und Jörg Immendorff sind in dem Video zu sehen, wie sie über Mietwucher und Spekulationen diskutieren. Die Künstler versuchten gemeinsam zu wirken. Auch sollten sich mehr Bürger an Filmproduktionen beteiligen, die vergleichsweise kostspieliger waren als zu unseren digitalen Zeiten.

Als programmatisch kann das „Hochzeitsbild“ gelten, das Memphis Schulze (1977) malte und dabei auf „Vega“ zurückgriff, eine Comicheldin von Sigmar Polke. Auf seiner Hochzeit mit Ida Büngener malten die Künstlerfreunde mit und vervielfältigen Motive, so dass sich die Autorenschaft aufsplitterte.

Genderthemen, Ökonomie und Kolonialgeschichte wurden oft mit beißender Ironie politisiert und aktualisiert. Ingrid Kohlhöfer stellte historische Abbildungen nach: Sie zeigt sich als Froschaugen-Mensch, als Siamesischer Zwilling, als Kind mit Pigmentstörungen und entlarvt 1972 die entwürdigenden Unterhaltungsmethoden mit ihrer Foto-Arbeit „Ohne Titel (Freaks)“. Irgendwie steckt in jedem Exponat der Ausstellung ein humaner Aufstand.

Bis 1. 10.; di-so 11 – 18 Uhr;

Tel. 0211/ 8996 243; www.kunsthalle-duesseldorf.de

Quelle: wa.de

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