100 Jahre De Stijl: Utrecht feiert den Baumeister Gerrit Rietveld

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Wie eine Skulptur im Stadtraum: Gerrit Thomas Rietveld entwarf das Rietveld-Schröder-Haus 1924 in Utrecht.

UTRECHT - Dieses Haus unterscheidet sich. Statt des rotbraunen Ziegelmusters, das so viele Häuser in den Niederlanden prägt, trägt es eine Haut aus Putz, zeigt klare Flächen in Weiß und Grau, mit Stangen in den Grundfarben Gelb, Rot, Blau. Keine Erker, kein Spitzdach. Das Rietveld-Schröder-Haus in Utrecht sieht aus wie die dreidimensionale Version eines Gemäldes von Piet Mondrian.

Die Beobachtung trifft. Wie die berühmten aus Rechtecken und Farbfeldern komponierten Gemälde Mondrians gehört auch das Haus in der Prins Hendriklaan zu den Ikonen der Kunstbewegung De Stijl. Und De Stijl wird 100 Jahre alt, was die Niederlande landesweit in einem opulenten Kunstprogramm feiern, mit Dutzenden Ausstellungen zwischen Amersfoort und Winterswijk. Selbst der Blumenpark Keukenhof in Lisse gestaltet ein Beet wie ein Gemälde von Mondrian.

Alles begann mit einer Zeitschrift für Kunst und Kunsthandwerk, die 1917 in Leiden vom Künstler, Baumeister, Journalisten Theo van Doesburg und Mitstreitern wie den Malern Piet Mondrian, Bart van der Leck, dem Bildhauer Georges Vantongerloo gegründet wurde. Eigentlich sollte „De Stijl“ Sprachrohr für die Abstraktion sein. 1918 formulierten sie das etwas umständlich in einem Manifest, wo sie eine Kunst forderten, die die „natürliche Form“ aufhob. Als Gruppe hielt De Stijl nicht lange, schon weil van Doesburg ausgesprochen streitlustig war. Aber die Prinzipien von Funktionalität, Klarheit, Reduktion, die hier entwickelt wurden, wirken bis heute nach, beeinflussten das zwei Jahre später gegründete deutsche Bauhaus, finden sich noch in den Schränken schwedischer Möbelhäuser und in den Skylines amerikanischer Metropolen.

Utrecht ist schon deshalb ein Zentrum von De Stijl, weil einige der wichtigsten Vertreter hier geboren wurden, van Doesburg, van der Leck, und auch Gerrit Thomas Rietveld (1888–1964). Er war ursprünglich ein Tischler, der als Architekt weltberühmt wurde und eben im Rietveld-Schröder-Haus 1924 idealtypisch die Prinzipen des Stijl realisierte. Den Auftrag hatte Rietveld von Truus Schröder, der Witwe eines der wohlhabendsten Anwälte Utrechts, bekommen. Sie wollte anders wohnen als das Großbürgertum, nicht in einem der eklektizistischen Stadtpaläste aus Backstein mit dem überladenen Dekor aus Balkonen und Türmchen, wollte den Bruch mit einem Lebensgefühl.

Bei seinem ersten Hausentwurf ging Rietveld, der Autodidakt war, nicht von der Bausubstanz aus. Er definierte das Haus über den umbauten Raum. Das Rietveld-Schröder-Haus, 2000 von der Unesco zum Weltkulturerbe ernannt, ist bis in Details durchdacht. Dass es 140 Quadratmeter Wohnfläche bietet, sieht man ihm nicht an. Aber speziell im Obergeschoss erweist es sich als Raumwunder. Binnen Minuten schiebt der Führer die Wände der zwei Kinderzimmer beiseite und verwandelt das Stockwerk in einen einzigen lichtdurchfluteten Raum. In den 1920er Jahren hatte man hier einen wunderbaren Blick über die Felder. Heute führt eine Stadtautobahn direkt am Monument vorbei. Flachdach, rechte Winkel, die konsequente Verwendung der Grundfarben Rot, Gelb, Blau, Klapptische an den Wänden – viele Besucher halten das Haus für einen Bau der 1960er.

Das Haus ist nicht nur Touristenattraktion und zu besichtigen. Es ist Museumsstück, gehört zur Sammlung des Centraal Museums Utrecht. Das verfügt auch über die größte Kollektion von Werken Rietvelds. In der Ausstellung „Rietvelds Meisterwerk – es lebe De Stijl“ dokumentiert es die Biografie des Architekten, die Entstehung des Hauses und weiterer Bauten. Von der ersten Skizze bis zu Originalmöbeln kann man studieren, wie Rietveld zu seinen Lösungen fand. Man sieht auf einem großen Foto den jungen Tischler, umgeben von seinen Lehrlingen, in einem anderen Klassiker sitzen, dem niedrigen „Rot-Blauen Stuhl“, der natürlich ebenso in der Schau steht wie weitere De-Stijl-Klassiker. Man findet die von der Familie tabuisierte Romanze zwischen Rietveld und Truus Schröder ebenso dokumentiert wie die internationale Vernetzung der Stijl-Bewegung. Gerrit Rietveld selbst hat Utrecht nie verlassen. Aber Künstler aus ganz Europa wie der russische Konstruktivist El Lissitzky kamen zu Besuch.

Einige der wichtigsten Bauten Rietvelds kann man aber nicht nur als Entwurf oder Modell im Museum sehen, viele stehen noch. Zum Beispiel das kleine Gebäude an der Waldeck Pyrmontlaan, das Rietveld für den Chauffeur des Dr. Van der Vuurst de Vries entworfen hat. Unten konnte das Auto abgestellt werden, darüber wohnte der Fahrer mit seiner Familie. Das 1927 errichtete Haus ist eine Konstruktion aus einem Stahlgerüst mit vorgefertigten Elementen aus Beton. Und wenn man unter der Stadtautobahn am Rietveld-Schröder-Haus durchgeht, kommt man zu zwei größeren Wohnhäusern, die der Architekt 1931 und 1934 geplant hat.

Die Ausstellung Leve de Stijl ist bis 11.6. zu sehen. di – so 11 – 17 Uhr, Tel. 0031 / 30 / 236 23 62, www.centraalmuseum.nl , Begleitbuch (engl.) 9,95 Euro

Für das Rietveld-Schröder-Haus braucht man eine Reservierung, Tel. 0031 / 30 / 236 2310, rshreserveringen@centraalmuseum.nl

Lohnend ist eine geführte Radtour zu Rietveld-Häusern, Infos: www.besuch-utrecht.de

In den ganzen Niederlanden wird das De-Stijl-Jahr zelebriert, auf die Mondrian-Ausstellung im Gemeentemuseum Den Haag gehen wir noch gesondert ein.

Ein weiterer Höhepunkt: Die Ausstellung „The Colors of De Stijl“ mit Werken der Stijl-Künstler und von Nachfolgern bis in die Gegenwart, bis zu Barnett Newmans monumentalem Bild „Who’s afraid of Red, Yellow and Blue II“ (1967), Josef Albers, Yves Klein, Ad Reinhardt. 6.5.-3.9., Amersfoort, Kunsthal Kade,

www.kunsthalkade.nl

Allgemeine Infos zum De-Stijl-Jahr: www.holland.com

Quelle: wa.de

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