Die Julia Stoschek Collection feiert zehnjähriges Bestehen mit „Generation Loss“

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Die Echtzeitsimulation „Emissary in the Squat of Gods“ (2015) des Künstlers Ian Cheng ist in der Julia Stoschek Collection in Düsseldorf zu sehen.

Von Annette Kiehl DÜSSELDORF - „Nee, junge Frau, also datt dat klar is, ne Videothek kommt in dieses Haus nicht rein!“ So zitiert die Videokunst-Sammlerin Julia Stoschek den Leiter der Düsseldorfer Denkmalbehörde. 2003 spielte sich diese Szene ab und es ging darum, dass Stoschek ein mehr als 100 Jahre altes, verfallenes Fabrikgebäude im Stadtteil Oberkassel zu einer Sammlung für zeitbasierte Medienkunst umbauen wollte.

Stoschek, damals gerade mal Ende Zwanzig, entschied sich, für ihre Vision zu kämpfen und an künftigen Sitzungen im Denkmalamt nicht mehr teilzunehmen.

Diese Anekdote steht auf den ersten Seiten des Katalogs zur Ausstellung „Generation Loss“, die anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Julia Stoschek Collection (JSC) stattfindet. 15 Ausstellungen und acht Kooperationsprojekte mit internationalen Häusern hat die Sammlerin seit der Eröffnung ihres Hauses 2007 initiiert und erarbeitet. Die private Einrichtung gilt heute als eine der international bedeutendsten Sammlungen für zeitbasierte Kunst, also Videos und andere Formen des bewegten Bildes. Im vergangenen Jahr hat zudem eine JSC-Dependance in Berlin eröffnet.

Zum Geburtstag zeigt Julia Stoschek einen Rückblick auf die Sammlungsgeschichte, der jedoch mehr bietet als ein reines Best-of ihres mittlerweile rund 750 Werke umfassenden Fundus. Kuratiert vom britischen Videokünstler Ed Atkins, fragt „Generation Loss“ (Generationsverlust) nach dem Zusammenhang zwischen kreativer und technischer Entwicklung: Was geht verloren, wenn eine Videoarbeit digitalisiert und in andere Formate übertragen wird?

Atkins, dessen computergenerierte Filme bereits im MoMA in New York und in der Londoner Tate Gallery präsentiert wurden, zeigt in der Schau 48 Arbeiten aus dem gesamten Spektrum der Düsseldorfer Sammlung. Künstler wie Paul McCarthy, Imi Knoebel, Wolfgang Tillmans und Bruce Nauman sind mit prägenden Werken vertreten. Die Videos, ob in den 1970ern als 16-Milimeter-Film produziert oder vor wenigen Jahren als HD-Videoinstallation, sind fast ausschließlich als Projektionen auf weißen Leinwänden im 4:3- und 16:9-Format zu sehen. Schalldichtes Glas schirmt ihren Klang ab, während die Arbeiten optisch in Beziehungen treten.

Im Obergeschoss des Sammlungshauses bilden die Filme eine Art Choreografie: Neben Ulays und Marina Abramovic‘ Performance-Video „Relation in Space“ (1976) läuft Joan Jonas‘ „Vertical Roll“ (1972). Im Hintergrund scheinen Dara Friedmans 16-Milimeter-Film „Revolution“ und Matt Calderwoods Video „Strips (Vertical), beide aus den 2000er Jahren, durch die Glaswände.

In „Vertical Roll“ setzte sich die US-amerikanische Videokünstlerin Jonas schon in den 1970er Jahren mit der Wirkung analoger Technik auseinander. Sie stellte eine vermeintliche Bildstörung in den Mittelpunkt ihres Werks: Das flackernde Bild einer Frau, das vertikal über den Monitor läuft, erzeugt zusammen mit metallischen Schlägen einen treibenden Rhythmus, der an Filmprojektoren erinnert.

Dieser Eindruck war bereits vor mehr als 40 Jahren eine Täuschung; heute steht er im Kontrast zur standardisierten, reduzierten und coolen Präsentation der Werke. Denn in der Ausstellung klappert keine Maschine; sämtliche Filme wurde digitalisiert, um sie langfristig zu erhalten. Denn ein Credo der JSC lautet: selbst wenn es in einigen Jahren möglicherweise keine VHS-Rekorder, Videobänder oder Röhrenfernseher mehr gibt, sollen die Werke weiterhin präsentiert werden können.

Das Haus hat ein eigenes „Drei-Säulen-Modell“ für den Umgang mit Medienkunst entwickelt, um Verlusten durch Alterung, technische Defekte oder auch Bedienfehler vorzubeugen. So werden Datenträger dort stets in drei Formaten gelagert und nur eine Kopie gelangt in die Ausstellung, beschreibt es der Medienrestaurator Andreas Weisser.

Zehn Jahre Sammlungsgeschichte sind im Allgemeinen nicht viel, doch wenn es um Medienkunst geht, schon fast ein Ära. In einem Essay beschreibt Weisser, wie sich vor der Eröffnung der JSC noch Videokassetten und DVDs zwischen Kaffeetassen auf dem Besprechungstisch stapelten. Heute hingegen gelange ein großer Teil der Videokunst per Download in die Sammlung.

Ist die Medienkunst in Zukunft also entmaterialisiert, autonom und damit unendlich? Ian Chengs Echtzeitsimulation „Emissary in the Squat of Gods“ (2015) deutet in diese Richtung. Die live vom Computer generierte, kontinuierliche Geschichte zeigt im Moment des Ausstellungsbesuchs Lagerfeuerszenen. Allein ein Zusammenbruch des Servers könnte diesem Film ein Ende setzen. Unmittelbar daneben ist in Ed Atkins‘ und Simon Thompsons „Sky News Live“ schlicht das 24-Stunden-Live-TV-Programm eines britischen Nachrichtensenders zu sehen.

In ihrem Düsseldorfer Ausstellungshaus ermöglicht Julia Stoschek einen konzentrierten Blick auf die Geschichte und vielleicht eben auch in die Zukunft der Videokunst. Mehr noch als „Generation Loss“ bewiesen die Ausstellungen der vergangenen zehn Jahre, wie intensiv und konsequent sich die Sammlerin mit komplexen und auch weniger populären Themen auseinandersetzt.

Stoscheks Verhältnis zur Stadt Düsseldorf ist hingegen nach wie vor gespalten. Sie liebe die Stadt und die Kunstszene, macht die Betriebswirtin und Urenkelin des Coburger Industriellen Max Brose deutlich. Gleichzeitig beklagte sie immer wieder eine fehlende Wertschätzung von kommunaler Seite. Mal ging es dabei um Bebauungspläne, mal um Straßenschilder. Berlin sei interessant, dafür Düsseldorf nun mal sonderbar, schreibt Stoschek. Einerseits sei in dieser Stadt alles möglich, andererseits werde dort eben auch eine Videokunstsammlung mit einer Videothek verwechselt.

Generation Loss in der Julia Stoschek Collection, Schanzenstr. 54, Düsseldorf. Bis 10. Juni 2018. Geöffnet sonntags 11 - 18 Uhr, öffentliche Führungen finden alle zwei Wochen statt.

Tel. 0211/5858840, www.

julia-stoschek-collection.net

Katalog: 60 bzw. 68 Euro

Quelle: wa.de

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