Karine Tuils Roman „Die Zeit der Ruhelosen“

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Karine Tuil

Im „Club Le Siècle“ treffen sich einmal im Monat die einflussreichsten Männer und Frauen der Republik. Dorthin bringt es einer wie Francois Vély, der an der École Polytechnique Ingenieurswissenschaften und in Princeton Literatur studiert hat, ein Telekommunikationsunternehmer und Kunstsammler, elegant, verheiratet mit einer prominenten Schriftstellerin. Ein Mann der Macht.

Vély ist einer der Protagonisten in Karine Tuils Roman „Die Zeit der Ruhelosen“. Der Roman bietet einen faszinierenden Querschnitt durch die Oberschicht der französischen Republik, die gerade durch die Wahl von Emmanuel Macron, eines Mannes abseits der traditionellen Parteien, durchgeschüttelt wurde. Dass in der Realität kein Konservativer wie in Tuils Roman und auch kein Sozialist mehr Präsident ist, mildert aber nicht die analytische Schärfe des Romans.

Tuil, promovierte Juristin, kennt die Strukturen, die sie beschreibt, und ist zugleich Außenseiterin: Sie wurde 1972 als Tochter tunesischer Juden in Paris geboren. Sie bringt vier Menschen zusammen, die verschiedene Ethnien und soziale Schichten repräsentieren. Der Unternehmer Vély stammt von einem jüdischen Widerstandskämpfer ab, ist aber konvertiert. Er hat Probleme: Seine erste Frau hat sich umgebracht, als er sich von ihr trennte. Sein Sohn ist militanter orthodoxer Jude. Und dann erscheint ein fataler Zeitschriftenartikel mit einem Foto, das Vély auf der Skulptur einer schwarzen Frau sitzend zeigt. Prompt gibt es einen Sturm in den sozialen Medien, Rassismusvorwürfe, und ein wichtiges Geschäft droht zu platzen.

Vély ist mit der Schriftstellerin Marion Decker verheiratet, die gerade eine Affäre hat mit dem aus Afghanistan zurückgekehrten Soldaten Romain Roller. Kann sie sich in dieser Krise von ihrem Mann trennen?

Dann ist da noch Osman Diboula, ein Aufsteiger aus den Banlieues, der einst als Sozialarbeiter mit Problemjugendlichen gearbeitet hat. Der Sohn von Einwanderern aus der Elfenbeinküste hat Karriere gemacht bei den Konservativen, berät den Präsidenten. Als der sich einen Rassisten ins Team holt, begehrt Diboula auf – und wird erst einmal kalt gestellt. Da kommt der Skandal um Vély gerade recht: Diboula ergreift Partei für den Unternehmer. Und startet neu durch, er und seine ebenfalls in der Politik arbeitende Freundin avancieren zu den „französischen Obamas“.

Gerade die Szenen aus der französischen Oberschicht sind Tuil gelungen. Sie zeigt, wie grundlegend der Politbetrieb korrumpiert ist. Spannend zum Beispiel, wie nüchtern die Beraterin Laurence Corsini ihrem Schützling Diboula erklärt, wie Karriere funktioniert. Mit einem Zitat von Mitterand: „Die Regel ist der Verrat.“ Sie zeigt, wie der Aufsteiger Diboula schnell seine Prinzipien verrät, skrupellos seine Frau seinen Ambitionen unterordnet. Tuil findet auch die Figur eines einstigen Schützlings von Diboula, der Unternehmer geworden ist – und sich immer mehr radikalisiert. Und sie skizziert den so gar nicht unterschwelligen Antisemitismus, der den Skandal um Vély erst so richtig befeuert. Schnell landet man da im Reich der Verschwörungstheorien: Ein Jude, der afrikanische Frauen zum Objekt macht, der ist auch für andere Untaten gut. Weil hier alle irgendwie miteinander zu tun haben, wechselt der Leser von Kapitel zu Kapitel die Perspektive und bleibt doch in einem überschaubaren Rahmen.

Schon die Sondierung der französischen Gesellschaft ist spannend. Aber im Finale wird der Roman zum Thriller: Die vier Hauptfiguren kommen bei einer internationalen Wirtschaftsmesse in Bagdad zusammen. Und hier gelten nicht die Gesetze der Pariser Society, hier werden die Konflikte richtig heiß.

Karine Tuil: Die Zeit der Ruhelosen. Deutsch von Maja Ueberle-Pfaff. Ullstein Verlag, Berlin. 507 S., 24 Euro

Quelle: wa.de

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