Katharina Grosse und Gotthard Graubner in Duisburg: „Farbe absolut“

Vor einem Teil ihrer Farbarbeit: Katharina Grosse mit „o. T., 2018“ in der Küppersmühle in Duisburg. Foto: lettmann

Duisburg – 17 Meter breit ist das mehrteilige Stofftuch, das Katharina Grosse unter die Decke der Küppersmühle spannen ließ. In Duisburg hängt es in dem Museum für moderne Kunst (MKM) bis auf den Boden, ist an einer Stelle umgeschlagen und faltet sich hier wie da. Es ist ein machtvolles Statement für Farbe an sich, ohne Figuren, ohne Gegenstand, also „o. T., 2018“, so der Bildtitel, der nichts Assoziatives andeuten will.

„Farbe absolut“ heißt denn auch die Ausstellung, die ein Bekenntnis zur reinen Farbe in der Kunst ist. Katharina Grosse, Jahrgang 1961, ist der aktuelle Star der Farbmalerei aus Deutschland im internationalen Kunstbetrieb. In Freiburg geboren wuchs sie in Bochum auf, studierte an der Ruhr-Uni, in Münster und letztlich an der Kunstakademie in Düsseldorf, wo sie Meisterschülerin bei Gotthard Graubner wurde. Neben ihrer überbordenden Malerei sind in Duisburg die Werke von Graubner (1930–2013) zu sehen, der auf die existenzielle Kraft der Farbe setzte – wie Grosse. Graubner überwand mit seinen Farbraumkörpern die tradierte Leinwand und gelangte zu neuem Volumen wie neuer Farbwirkung. „Wüstenlack“ (1995) ist so ein Kissenbild mit flirrender Farbkomposition, das vis-à-vis zu Grosses installativer Farbansicht hängt. Graubners Werke finden sich in großen Museen. Im Schloss Bellevue, dem Sitz des Bundespräsidenten in Berlin, sind zwei Auftragsarbeiten des gebürtigen Vogtländers von 1988 zu finden.

Grosse ist in ihrer Abkehr vom Bildträger noch deutlich radikaler als Graubner. „Die Farbe liegt immer über dem Material“, sagt sie in Duisburg, „es bleiben zwei Elemente“ – also Farbe und Farbträger. Wer sich „o. T., 2018“ genau anschaut, sieht, wie der feine Farbnebel aus der Sprühpistole, die Grosse führt, nicht die textile Struktur der Stoffbahn gänzlich überzieht oder abdichtet. In Teilausschnitten will man Farbfelder mit Vorder- und Hintergrund ausmachen. Allerdings lösen sich solche Wahrnehmungen in der Totalen völlig auf. Beim Blick aufs gesamte 17-Meter-Werk ist „o. T., 2018“ erstaunlich flächig, leicht, situativ.

Grosse gelingt diese Erscheinung von Farbe, dieses Eigenleben, indem sie keine hierarische Ordnung für ihre Malerei im Raum anerkennt. Weder Architektur noch Bildträger setzen die Farbe ins Benehmen. So lässt das Bild „o. T.“ (2016) aus einem geschwungenen Flächenkörper grelle Farben erstrahlen, die in ihrer entschiedenen Bewegung ein Tempo vermitteln, das mit der grundierten Leinwand nichts mehr zu tun hat. Die Farb(tropfen)spuren sind das einzige Zeitmoment dieser Abstraktion, die etwas mit Wucht behauptet: Farbe.

Offensichtlicher wird Grosses Vorgehen, wenn ihre Malerei-Projekte raumbezogen sind, wie Arbeiten auf den Biennalen in Sydney, São Paulo und Venedig. Oder für das MoMA PS1 in New York, wo Grosse mit Farbe aus einer großen Spritzvorrichtung Mauern, Grundstück und Objekte einer Gebäuderuine übersprüht hat („Rockaway“, 2016). Nicht mal in der Pop-Art hatte die Farbe eine solche Dominanz.

Der technische Farbsprühauftrag gibt Grosse Geschwindigkeit. „Ich beginne etwas und muss das dann auch fortführen, was ich nicht erwartet habe“, sagt Grosse und meint damit Konsequenz. In einem früheren Bild („o. T., 2011“) ist nicht mal der Ursprung ihrer Farbexplosionen zu erahnen. Mit breitem Quast sind diesmal Farben diagonal und gleichmäßig aufgetragen, als Gegensatz zu einem exzessiven Gebilde, das etwas Galaktisches im Bildraum ausbreitet. Grosse schafft namenlose Universen. Die großen Kabinette der Küppersmühle sind wie geschaffen für diese autonome Farbmalerei. Faszinierend.

Dagegen sorgen Graubners Bilder für Ruhe und wirken in stiller Weise auf sich bezogen. Ein Raum ist mit seinem vierteiligen „Zyklus Assisi“ bestückt. Darunter ist die Arbeit „Die Vögel“ (1986) eine wolkige Abstraktion mit Violett, Blau und Weiß. Graubner hat die Farben auf die kissenartige Bildform aufgetragen und eingearbeitet. Das Material saugt alles auf. Und Farbe wirkt hier wie ein duftiger Zustand, wie eine immerwährende Bewegung und ist physisch spürbar. Während Graubners Aquarelle seinen malerischen Gestus verdeutlichen („o. T.“, 1984), bieten Grosses Zeichnungen (Acryl auf Papier, 1996–1999) Farbfeldstudien mit Übermalungen.

Insgesamt sind 55 Bilder in dieser exemplarischen Schau zweier künstlerischer Positionen zu sehen. Graubners Werk wird etwas retrospektiver erschlossen. Aus drei Sammlungen sind Beispiele für Objekt-Bilder zu sehen, wie „Weißer Torso“ (1968), „Schwall“ und „Gesacktes Kissen“ (beide 1971).

Bis 26. 1. 2020; mi 14 – 18 Uhr, do-so 11 – 18 Uhr, Feiertage 11 – 18 Uhr; Katalog im Wienand Verlag erschienen 30 Euro im Museum; Tel. 0203/301 948 11; www.museum- kueppersmuehle.de

20 Jahre MKM

Das Museum Küppersmühle für Moderne Kunst gibt es seit 20 Jahren. Das MKM ist eins der größten Privatmuseen Deutschlands. Die Stiftung für Kunst und Kultur in Bonn, 1986 gegründet, betreibt das Museum seit 1999. Zu sehen ist die Sammlung Stöher und wechselnde Ausstellungen. Die Stiftung fördert Kunst und Kultur als Impulsgeber der Gesellschaft. Herzog & de Meuron hatten das Speichergebäude in einen Kulturbau verwandelt. Der neue Anbau der Schweizer Architekten wird im Herbst 2020 eröffnet.

Quelle: wa.de

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