Katrin Plötner zeigt „Der gute Mensch von Sezuan“ in Münster

Wenig Platz in Sezuan: Marina M. Blanke (von links), Joachim Foerster, Paul Maximilian Schulze, Carola von Seckendorff und Sandra Bezler in der Brecht-Inszenierung. Foto: berg

Münster – „Der Magen knurrt auch, wenn der Kaiser Geburtstag hat“, sagt die Prostituierte Shen Te und gibt eine Lebenserfahrung weiter, die auch die kleine Schwester von „Erst kommt das Fressen und dann kommt die Moral“ sein könnte. Bertolt Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ (unter Mitarbeit von Ruth Berlau und Margarete Steffin) führt einen ins fiktive China, wo ermittelt werden soll, ob diese Welt bleiben kann wie sie ist. Zumindestens ein guter Mensch muss her, fordern drei Götter und suchen mit der Wasserverkäuferin Wang ein Quartier. Erst als Shen Te auf einen Freier verzichtet und die Götter einlässt, gibt es Hoffnung für die Versuchsanordnung und eine Kandidatin: Shen Te soll die Welt retten.

In Münsters Kleinem Haus blinzeln drei riesige Augenpaare (Video: Sven Stratmann) auf der hermetischen Kartonagenwand. Trotz dieser Überwachungssymbolik und Wangs Schilderungen als Wasserverkäuferin – Marina M. Blanke wirkt schutzbedürftig, aber gefasst –, wird Brechts gesellschaftliches Anliegen nicht mit drastischen Bildern zugespitzt. Die Nöte in Sezuan sind in Münster mehr einer illusionistischen Fantasywelt entnommen denn politisch aktualisiert.

Regisseurin Katrin Plötner packt den Brecht-Stoff langsam aus, wenn sie die Figuren aus Kisten klettern lässt und in der haushohen Kartonwand nach und nach größere Löcher zum Szenenspiel freiwerden. Das Bühnenbild von Bettina Pommer erzwingt eine eigene Spannung, weil das instabile Material flexibel ist und Einfälle sogar herausfordert. Shen Te erfüllt die ersten Wünsche ihrer Bittsteller aus der Kiste, die sie kurz einschlägt: Es gibt Reis und Zigaretten. Das ist ulkig, wenn der Tabakladen nur ein Loch ist, aus dem Menschen schauen, die kein Vertrauen mehr in ihr Lebensglück haben und noch mitnehmen, was sie greifen können. Wohnungsnot klingt auch an. Die Hilflosen aber unterhalten.

Aus ihnen heraus ragt Shen Te, die gut sein will und ein eigenes Leben führen möchte. Sandra Bezler ist der wandelbare Mittelpunkt dieser Inszenierung. Ihre Einsichten („Menschen werfen das Unerträgliche weg“) sind aufrichtig und mit Zuversicht („Die Menschen zeigen gern, was sie gut können“) zum Publikum gesprochen. Die Strukturmittel des epischen Theaters klingen bei ihre wie persönliche Botschaften einer abenteuerlichen Reise. Dazu perlt die Musik von Paul Dessau wie ein etwas stumpfer Jingle. Mit ihrem glitzernden Kleid und den blonden Haaren ist Sandra Belzer vor allem eine Heldin aus Anime- oder Märchengeschichten. Aber auch das gibt „Der gute Mensch von Sezuan“ her. Plötner nutzt es stilsicher.

Das Ensemble in Münster hat großen Spaß die Figuren durch die Kartonschneisen zu schieben und ihre typisierten Charaktere zu profilieren. Alle Darsteller haben mehrere Rollen. Bissig zeigt Ulrike Knobloch die Hausbesitzerin Mi Tzü, Paul Maximilian Schulze ist ein unberechenbarer Polizist, Frank-Peter Dettmann tritt als ruppiger Schreiner auf, und Christoph Rinke ist ein verschlagener Barbier, der Shen Te mit seinem Geld vereinnahmen will. Wer sieht das nicht?

In der Doppelrolle als Vetter Shui Ta im jadefarbenen Hosenanzug erwehrt sich Shen Te ihren Schmarotzern. Aber aufgrund ihrer Liebe zum arbeitslosen Flieger droht der Ruin. Joachim Foerster verdreht den Flieger Yang Sun zu einer Golum-Variante aus „Der Herr der Ringe“ – böse und verschlagen. Als Verfremdungseffekt ist das nicht zu gebrauchen, aber es fasziniert, und auch das wurde in Münster ausgiebig beklatscht. Am Ende soll sich jeder seinen „Schluss suchen“, hatte Brecht geschrieben: „Es muss ein guter sein.“

15., 22., 30. 11.; 6., 12., 14., 18. 12.; 16. 1.; 5., 14., 15. 2.; 22. 3.; 2., 21. 4.; 12. 5.; Tel. 0251/59 09 100; www. theater-muenster.de

Quelle: wa.de

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