Die „Köpfe“ des US-Malers Holmead in Wuppertal

Breit gespachtelte Farbstreifen: Holmead malte „Colette“ 1970, zu sehen in Wuppertal. - Fotos: Museum

WUPPERTAL - Die Anatomie in diesem Gesicht stimmt nicht. Weit auseinander stehen die Augen, die als schwarze Knöpfe angedeutet sind. Der Mund, ein schmaler roter Streifen, ist nach unten gerutscht. Die Nase trennt nur als scharfer Grat die breiten, gespachtelten Streifen von Rosa, mit denen Holmead die Wangen fixierte. Je näher man hinschaut, desto mehr erscheint „Colette“ (1971) zusammengestückelt. Und doch sieht einen von der kleinen Tafel unverkennbar eine Frau an.

Das Gemälde ist in der Von-der-Heydt-Kunsthalle in Wuppertal-Barmen ausgestellt. Das Haus widmet dem amerikanischen Maler Clifford Holmead Philips (1889-1975) eine Retrospektive mit knapp 100 Werken in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Schweinfurt. Es ist eine Wiederentdeckung, vielmehr eine Ausgrabung, denn hierzulande war der Künstler, der sich ab den 1940er Jahren nur Holmead nannte, praktisch unbekannt. Was erstaunlich genug ist, denn er bereiste immer wieder Europa, hatte 1933 eine Deutsche geheiratet und lebte von 1956 bis zu seinem Tod in Brüssel.

Holmead passt nicht in die Klischeevorstellungen, die mit der US-Kunst verbunden sind, die nach 1945 die Szene eroberte. Jackson Pollock, Ad Reinhardt, Barnett Newman standen für abstrakten Expressionismus. Holmead malte Landschaften und Porträts. Der Mann war aus der Zeit gefallen, obwohl doch ein Altersgenosse von ihm, Edward Hopper, mit seinen nüchternen Stadtszenarien zum Inbegriff der US-Kunst wurde. An Hopper, mehr noch an Werke der Neuen Sachlichkeit erinnern frühe Stadtansichten von Holmead aus den 1920er Jahren wie „Vorstadtbahnhof Paris“ (1926).

Der Sohn eines Möbelfabrikanten war nie auf den Kunstmarkt angewiesen. Im Gegenteil: Er erwarb Werke junger Künstler, um sie zu fördern. Schon früh wollte er Künstler werden. Als der Vater ihm ein Automobil schenkte, setzte Holmead seinen Willen durch. Er verkaufte das Fahrzeug und löste für das Geld ein Ticket nach Europa. Dort studierte er in Museen intensiv Kunst. Der Autodidakt errang Anerkennung, Galerien in New York und Paris zeigten seine Bilder. 1939 gab es eine Ausstellung im Palais des Beaux-Arts in Brüssel, eine Schau in Oslo 1940 wurde kurz nach der Eröffnung geschlossen, nach dem Einmarsch der deutschen Truppen.

Es ist eine gute Idee, mit dem Spätwerk zu beginnen und den ersten Raum mit den „Köpfen“ zu gestalten. 1961 hatte der Künstler einen Schlaganfall erlitten, danach war seine künstlerische Produktion mehrere Jahre lang versiegt. Aber dann begann der nur 1,60 Meter große Mann, durch Brüssel zu flanieren, zu beobachten und Skizzen zu machen. Die setzte er mit seiner besonderen Maltechnik, bei der vor allem der Spachtel eingesetzt wird, in „Shorthand Paintings“ um, Malstenografien, schnell, spontan, dabei mit einer frappierend sicheren Auffassung des Porträtierten. „Wenn ich mit einer Leinwand länger als sieben oder acht Minuten herumpfusche“, sagte er, „erhalte ich ein Postkartenbild, das nicht geduldet werden kann.“ So entstanden diese rohen Bildnisse, klobig, ungeschlacht, ein bisschen unfertig auch, aber mit so viel Ausstrahlung. Den „Schlemmer“ (1972) hat Holmead in der Bewegung erfasst, wie er gerade mit der Serviette den Mund abwischt. Kugelrund ist der Kopf, den Bauch dazu stellt man sich ähnlich vor, volle Wangen, Schnurrbart, Glatze, die ganze Bürgerlichkeit und Saturiertheit strahlt den Betrachter an. Das hat Witz, aber Holmead setzt seine Modelle nicht der Lächerlichkeit aus. Beim Porträt eines Farbigen (1970) sind die Augen kaum auszumachen in dem Brei aus schwarzer und beiger Farbe. Doch auch hier waltet ein überraschender Realismus, sieht man geradezu physisch präsent ein lebendiges Antlitz. Das elfenhafte „Mädchen mit blondem Haar“ (1970) mit seinen melancholischen Blick aus dem leicht geneigten Gesicht. Die „Drei Grazien“ (1971), alte weißhaarige Frauen, bei denen er offenbar mit dem Finger oder Pinselstiel tiefe Furchen zog, so dass die Gesichter etwas totenkopfartig Fratzenhaftes ausstrahlen. Sie sind typisiert und bleiben doch Individuen, und Holmead verzerrt sie nie zur Karikatur. Diese späten Bilder gehören zum Eigenwilligsten, was die Malerei jener Jahre hervorbrachte.

Es gibt noch mehr zu entdecken, die Stadtansichten, die sogar langweilige Alleen mit Miethäusern in eine Schwingung versetzen. Als in Europa die Diktaturen sich austobten, später Krieg führten, war Holmead wieder in die USA zurückgekehrt. Er malte dort religiöse Themen, recht anmutig fast wie für eine Kinderbibel zeigt er den heiligen Hieronymus, der dem Löwen den Dorn aus der Tatze zieht (1937). Den reichen Mann und den Lazarus wiederum platziert er 1947 in einem Restaurant. Der Reiche studiert vor leer geschlemmten Tellern die „Financial Times“ mit Schlagzeilen von Kriegsopfern und Dividenden, während der Arme mit seiner einen Hand bettelt, er ist offenbar als Krüppel aus der Schlacht heimgekehrt.

Bis 7.5., di – so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0202 / 563 6571, www.

von-der-heydt-kunsthalle.de,

Katalog 20 Euro

Quelle: wa.de

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