Koltès’ „Der Kampf des Negers und der Hunde“ in Bochum

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Was nun? Waffen und Alkohol sind auch keine Lösung. Szene aus der Bochumer Inszenierung zu Bernard-Marie Koltès’ „Der Kampf des Negers und der Hunde“ mit Max Mayer als Cal (links) und Werner Wölbern als Horn.

Bochum - Whiskey soll der beste Freund des Mannes sein, deshalb setzen Baustellenleiter Horn und sein Ingenieur Cal auf alkoholische Begleitung. Irgendwo im Dschungel – Urwald oder Großstadt – klappen beide ihre Minibars auf, um sich zu betäuben. Aber über die Promillegrenze hinweg sind Geräusche, eine Sirene, Laute wie hey, hey oder net, neet, net zu hören. Eine enervierende Tonspur ist das, die vom inbrünstigen Grundrauschen verschluckt wird, das Matthias Herrmann mit seinem Cello erzeugt und elektrisch verstärkt.

Es kommt an den Kammerspielen in Bochum aus der Bühnentiefe, die im Stück „Der Kampf des Negers und der Hunde“ ein dunkles Niemandsland ist, das zum Angstraum wird.

Die Schlüsselfigur im Stück von Bernard-Marie Koltès ist Alboury. Jana Schulz spielt die Figur, die gar nicht ein Schwarzer sein muss, wie der Dramatiker einmal ausführte. Schulz gibt den Einheimischen anfangs vorsichtig und tastend. Barfuß, in schwarzer Hose, Hemd, Weste beschmiert sie sein Gesicht mit Staub. Alboury will die Leiche seines Bruders holen, um der Mutter Trost im Abschied zu gewähren. Horn kann sie ihm nicht geben. Die Überreste hatte der Mörder, sein Ingenieur, in der Latrine entsorgt. In Afrika lässt sich sowas mit Geld regeln, wissen die Männer. Diesmal nicht.

Regisseur Roger Vontobel spitzt nicht den Dissenz zu, in dem Horn und Alboury psychologisierend zum Kultur-Crash antreten. Kräftemessen war gestern. Einmal steht Alboury neben Horn und streicht ihm fast zärtlich Sand ins Haar. Beide Männer sind nun auf Augenhöhe, aber der Bauleiter prahlt weiter. Chance verpasst.

Wer hier humane Werte verloren hat, ist am Schauspielhaus Bochum offenkundig. Vor allem Ingenieur Cal keilt gegen Einheimische aus. Sein Realitätsverlust profiliert sich als Fremdenhass, der zu Gewaltexzessen führt („Bakterien von den Negern sind die allerschlimmsten“). Max Mayer streckt sich in Cals Overall und Cowboystiefeln zum rassistischen Ekel, das mit Gewehr im Anschlag zu allem bereit ist. Seine Furcht, selbst Opfer zu werden, macht ihn neurotisch und böse. Mayer zeigt diesen chauvinistischen Kerl mit einer ruppigen und virilen Körperlichkeit. Sein Spiel erinnert an das Rollenverständnis des US-Schauspielers Matthew McConaughey („Dallas Buyers Club“). Cal wird in einer großartigen Studie zum Monster seiner selbst („Ich bin nie so, wie ich gern wäre).

Regisseur Vontobel tippt auch die Tragik von Koltès Figuren an. Wie Cal und Horn über ihre Bauleistungen in der dritten Welt reden, erinnert an Buddys, die sich in ihrer schlichten Männlichkeit bestärken. Werner Wölbern mimt den betagten Bauleiter, der die Pension vor Augen hat, und heil nach Hause will. Mal ist er lächerlich, wenn er Alboury zum Whiskey trinken animieren will, mal intrigant, wenn er Cal als Täter bloßstellt, damit ihn selbst nicht die Rache der Einheimischen trifft. Ein billiger Dealer und Kapitalist („Die Firma ist alles was zählt“).

Bochum bietet einmal mehr exzellente Spielkunst. Niemand kann hier aus seinem deformierten Selbstbild steigen. Léone, eine junge Frau, die Horn eingeladen hatte, versteckt sich in ihrem Schrankkoffer. Luana Velis zeigt das ironisch und witzig, gibt aber vor allem eine verpeilte Stadtpflanze, die sich vom edlen Schwarzen eine exotische Erfrischung erhofft. Sie dreht sich in Alboury rücklings hinein und führt seine Hände zu ihren erogenen Zonen.

Wie die Europäer zunehmend ihren Selbstbehalt verlieren, verschraubt sich in Koltès’ Stück mit dem ausbleibenden Begräbnis zum Drama. „Bring die Leiche“, zischt Horn, und Cal kommt nach dem Latrinengang Dreck beschmiert mit einem Gewehr zurück. Für ihn beginnt der Kampf.

Roger Vontobel inszeniert kühl und mit gutem Timing eine Eskalation. Dabei überrascht Jana Schulz, die für ihr expressives Spiel bekannt ist, damit, dass sie unaufdringlich abwartet und ihre Chance sucht. Es geht um ein Menschenrecht und die eigene Familie.

Die Inszenierung kulminiert vor allem im wuchtigem Cellospiel, das die Kraft eines Requiems gewinnt und szenisch an Popclips erinnert. Alboury verschwindet dann im Dunkeln und singt ins Mikro. Wie Musiker, die mit ihren Songs eine bessere Welt fordern. Nur wo?

In Bochum hat Fabian Wendling eine kunstvolle und unwirkliche Baumskulptur aus Lianen oder Kabeln ins Bühnendunkel gehängt. Davor beleuchten Strahler den korrumpierten Lebensraum der Baustelle. Am Ende wird aus dem Feuerwerk, das Horn für Leoné ansteckt, ein Angriff mit Blendgranaten. Das Farbenspiel kann nur Alboury genießen.

Viel Applaus fürs gesamte Schauspielteam.

26., 27. Mai; 3., 14., 18., 21. Juni; Tel. 0234/3333 5555; www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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