„Pelléas et Mélisande“ bei der Ruhrtriennale

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Faszinierende Darstellerin: Barbara Hannigan in „Pelléas et Mélisande“ bei der Ruhrtriennale.

BOCHUM - Wer eine Sache hinterfragen will, steht vor dem großen Problem, eine Alternative anbieten zu müssen. Nehmen wir die geheimnisvolle Kindfrau Mélisande aus Claude Debussys Oper „Pelléas et Mélisande“. Die Märchenhandlung ist symbolisch, verschlüsselt. Eine Abwendung davon erfordert, für Mélisande eine neue Rolle zu finden.

Es ist enttäuschend, dass Regisseur Krzysztof Warlikowski dazu nichts anderes einfällt, als eine Prostituierte auf die Bühne zu stellen. Mit Warlikowskis Inszenierung wurde in der Jahrhunderthalle in Bochum die letzte Ruhrtriennale unter der Intendanz von Johan Simons eröffnet.

Warlikowski teilt leider mit vielen Regisseuren die Eigenheit, dass er der Oper – ihrer erzählerischen Kraft – nicht traut. Deshalb zieht er einen Theaterprolog davor, der der Dramatisierung des Films „Reconstruction“ von Christoffer Boe entstammt. Ein Anzugträger (Leigh Melrose) schmeißt sich an eine abgewrackte, offenbar von schlimmen Männergeschichten gebeutelte Frau in einer Bar heran. Er wendet sich ans Publikum: Was Sie hier sehen, ist zwar alles Show, weh tut es allerdings trotzdem. Sodann haut er sich eine Wodkaflasche vor den Schädel, fällt um – und Sylvain Cambreling beginnt, die Bochumer Sinfoniker im „Pelleas“-Vorspiel zu dirigieren. Der Typ steht auf und übernimmt die Rolle des Golaud.

Damit beginnt die Story von vorn. Golaud gabelt Mélisande in der Bar auf. Sie schmeißt sich wunschgemäß an ihn heran: die Frau als Spiegel der Männerwünsche, als Wunscherfüllungsmaschine. Sie wird dann mitgebracht, nicht in das verwunschene Reich Allemonde, sondern in einen Großbürgersalon, wo Arkel als Patriarch Hof hält, Downton-Abbey-hafter Dieneraufmarsch inklusive.

Die Geschichte läuft in Zirkeln. Die Bar wird bespielt als Brücke in eine desillusionierte Jetztzeit. Ein weiblicher Ruhrpottproll betritt die Szene, bricht in die großbürgerlich getäfelte Halle ein. Ein schwarzer Diener muss Blut wegwischen. Das sind aber nichts weiter als bewegte Figuren.

Die Dimensionen der Jahrhunderthalle werden voll bespielt: Vom Wald der Originalhandlung bleibt eine riesige Holztäfelung zur Rechten. Zu Linken deuten Industriewaschbecken eine modernere, durchorganisierte Lebensform an (Ausstattung: Malgorzata Szczesniak). Statt am „Brunnen der Blinden“ treffen sich Pelléas und Mélisande dort.

Warlikowski will Maeterlincks Symbolismus wie Ballast abwerfen. Aushilfsweise setzt er auf Filmsequenzen. Eine Szene aus Hitchcocks „Die Vögel“ begleitet als Leitmotiv Mélisande, das Opfer. Aber Golaud, der eine blutige Stirnwunde trägt, wird filmisch ein Pilatusschaf zugeordnet – das Tier, das im Schlachthof die Herde zur Schlachtung lockt (die Szenen stammen von Andrzei Wajda). Ein breiter Screen über dem Orchester – das hinten zwischen den Armen einer geschwungenen Treppe sitzt – zeigt die Sänger in verzerrter Perspektive, wie Puppenarrangements. Das alles schafft aber kein neues Narrativ. Es sind nur Bilder, wenn Mélisande stark überblendet mit Blumen im Arm gezeigt wird – als Arthouse-Puppe. Diese Bilder überladen das Kammerspiel, das eigentlich erzählt werden müsste und das Warlikowski wenig stimmig in Großdimensionen dehnt.

Wenn etwas in der Inszenierung überzeugt, dann weil Mélisande von der vorzüglichen Barbara Hannigan gesungen und gespielt wird, als ginge es ans Leben. Sie ist eine Sängerdarstellerin, die das Hurenporträt adelt durch Ambivalenz und Wandelbarkeit. Allein das kurz gehauchte „Ja“, das Willigkeit oder Frust andeutet, ist hörenswert. Oder ihre Schwelltöne, die von Lebensfurcht und Hingabe zugleich sprechen. Ihre Mélisande ist ein wechselhaftes Wesen, die Frau als Rätsel, das zwar nach außen hin Wünsche erfüllt, aber ihr Innenleben für sich behält.

Neben Hannigans gequälter Mélisande bleiben die Männer Abziehbilder, sowohl Phillip Addis’ Pelléas, der sich in seine Höhenflüge hineinsteigert wie ein Jüngling, der vom ersten Sex träumt, als auch Arkel, dessen Begehrlichkeit der bayreuth-erfahrene Franz-Josef Selig in großväterliche Annäherungsversuche umformt. Leigh Melrose ist etwas jung für das Dreieck älterer Mann – junge Frau – junger Liebhaber, aber er zeichnet bedacht Golauds Entwicklung in den Irrsinn von Gewalt und Mord. Die hervorragende Sara Mingardo als Geneviève bleibt auf das Porträt einer trinkenden Industriellengattin beschränkt.

In den Riesendimensionen der Bilder bleibt die Musik das einzig überzeugende Element, das fernnervig das innere Drama der Figuren umschreibt. Unter Cambrelings erfahrener Leitung klingen die BoSys unterdrückt, als erzähle die Musik etwas Enormes, kaum Aussprechbares. Nur einmal wird sie offen brutal – als Golaud Pelléas und Mélisande beobachtet und sich danach auf sie wirft wie auf ein Stück Fleisch.

Das Verdeckte, Kommentarhafte, Zu-Enträtselnde der Musik wirkt außerweltlich und falsch dimensioniert neben den desillusionierten Bildern der Regie. Da ist die Musik wieder einmal klüger als die Regie.

24., 26., 27., 31.8., 1., 3.9.,

Tel. 0221/ 280 210,

www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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