Die Kunsthalle Münster stellt den Maler Cornelius Völker vor

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Höchste Präzision für ein triviales Motiv: Cornelius Völker malte die „Lache“ (220 x 150 cm, 2013), zu sehen sind vier Tafeln der Serie in der Kunsthalle Münster.

MÜNSTER - Klatsch, da klebt der fette, rote Seim. Der Betrachter weiß nicht recht, was er auf diesen 2,20 Meter hohen Tafeln sieht. Ist es wirklich nur ein Klecks Marmelade? Blut vielleicht? Cornelius Völker schildert diesen Schmier übergenau, plastisch, mit allen Lichtreflexen auf der Oberfläche, mit den kleinen Körnchen hier und dem Klumpen da.

Aber wenn man nah an die Leinwand tritt, erkennt man den Pinselstrich, sieht, wo die Farbe dicker aufgetragen ist, sieht die Struktur der Leinwand durch das dünnflüssige Rot.

Schon dieser frappierende Realismus, diese Mühe, die einer an ein so triviales Thema vergeudet, weckt Interesse an den vier Versionen des Motivs, die in der Kunsthalle Münster zu sehen sind. Aber dann holt uns die Irritation ein: Ist das wirklich ein Motiv, was wir sehen? Der Maler gibt dem Betrachter keinen Raum, in dem er die Lache verorten könnte. Der hingeklatschte Klecks ruht auf einer gleichmäßigen Fläche, von der nicht einmal zu bestimmen ist, ob sie vertikal oder horizontal liegt – Tischplatte oder Wand? Im Mittelteil seiner Tafel hat der Künstler den Hintergrund aufgehellt, was das Motiv hervorhebt wie ein Schlaglicht. Aber im Grunde ist die „Lache“, die anfangs so greifbar schien, ein abstraktes Bild, nur Farbe in einer amorphen Form.

„About Painting“ heißt die Ausstellung mit 51 Gemälden in der Kunsthalle, viele davon sind erstmals ausgestellt. In jedem Bild erkundet Völker die Möglichkeiten, die Malerei heute noch bietet, wo man denkt, dass eigentlich schon alles einmal gemalt worden ist. Der Künstler, geboren 1965 in Kronach, hat seit 2005 eine Professur an der Kunstakademie Münster. Nicht nur deshalb arbeiten seine Arbeiten, die auf den ersten Blick so schlicht damit befasst sind, einfache, banale Dinge abzubilden, hintergründig mit Motiven der Kunstgeschichte. Vielleicht muss man sich die „Lache“ als Beginn eines großen Kleckslabyrinths à la Jackson Pollock denken.

Nicht alle Bilder Völkers spielen so mit der Gegenständlichkeit. Wenn er ein gebrauchtes Pflaster malt auf einer 55 cm breiten Leinwand, mit Dehnungswellen und einem Blutfleck auf dem weißen Stoff, dann scheint er die barocken Vanitas-Stillleben aufzugreifen. Da fehlt auch nicht die „Kerze“ (2014), die anders als bei den Niederländern noch brennt, aber in einem unförmigen Häufchen Wachs jeden Augenblick zu erlöschen droht. Was könnte unsere Vergänglichkeit besser verbildlichen als die Hilfsmittel gegen unsere Wehwehchen? Aus der ausgequetschten Tube mit der Abszess-Salbe („Ilon-Salbe“, 2015) quillt noch etwas grüne Creme. Zwei Kapseln „Imodium“ (2015) gegen Durchfall schimmern rot-blau durch das Blister-Plastik, vielfach vergrößert und am Ende doch wieder abstrakte Form auf einem spiegelnden Grund, vom Künstler durch einen rötlich leuchtenden Lichthof hervorgehoben.

Völker reaktiviert noch die verbrauchtesten Motive. In exotischen Rot- und Blauvarianten leuchten seine „Blüten“ (2016), jede Tafel sogar 2,60 Meter hoch. Aber wieder verwirrt der Künstler den Blick: Die Blüten scheinen auf einer spiegelnden Fläche zu liegen. Aber in dieser Reflexion schillert ein veritabler Strauß durch, zu dem es keine „reale“ Entsprechung gibt. Sehen wir in eine 2.0-Version der Monet’schen Seerosenteiche? Oder ist alles schon wieder eine Gaukelei? In der Nahsicht erkennt man ja, mit welch grobem Pinsel die Farbe aufgetragen und in jenes Ungefähr verwischt wurde. Und die Blütenblätter sind eigentlich nur zu Flecken vermalte Farbfelder.

Es macht großes Vergnügen, diese Bilder zu betrachten, die die Wahrnehmung so lustvoll überlisten. Jener „Zeitungsstapel“ (2016) zum Beispiel, der aus der Ferne so illusionistisch plastisch wirkt. Und den man beim Nähertreten als mit rembrandtesker Verve hingehaune Pinselzüge entschlüsselt, die Weiß- und Gelbtöne aufs Cremigste ausgeführt. Man schaut auf benutzte „Tassen“ (2016), die auf einer Oberfläche mit lauter getrockneten Kaffeeringen stehen, mal mit einer Pfütze, mal mit angetrocknetem Bodensatz. Und es ist offensichtlich, dass Völker hier vor allem die Kreise und Rotationen zeigen will, nicht anders als der Nachkriegsmeister Ernst Wilhelm Nay in seinen Scheibenbildern.

Er malt den „Hals“ (2016) eines Mannes, der den Kopf in den Nacken legt, als Serie von fünf Bildern, wobei er am Ende eine Schicht Weiß über die Haut legt, als hätte das Modell gerade eine Salbe aufgetragen. Dann wieder widmet er sich den Abgründen der Abstraktion, malt „Wolken“, die aus Schwarz aufglosen, und Reflexe in „Spiegeln“, in denen endgültig das Motiv abgetaucht ist. Was ein Maler macht, wenn er malt, ist hier zu entdecken.

Bis 19.2.2017, di – fr 14 – 19, sa, so 12 – 18 Uhr,

Tel. 0251/ 674 46 75, www. stadt-muenster.de/kunsthalle

Katalog, Verlag Schirmer/Mosel, München, 39,80 Euro, im Buchhandel 49,80 Euro

Quelle: wa.de

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