Das Landesmuseum für Klosterkultur zeigt „Luther. 1917 bis heute“

Als Vorgänger des „Führers“ vereinnahmten die Nazis Luther in diesem Plakat von 1933.

DALHEIM - „Luther – der deutsche Prophet“, so formuliert es der Germanist Arnold E. Berger 1933. Der NS-Staat nahm den Reformator in Anspruch als Vorläufer des Führers. Ein Plakat zu Luthers 450. Geburtstag zeigt 1933 ein Porträt vor dem Hakenkreuz, darunter heißt es: „Hitlers Kampf und Luthers Lehr Des deutschen Volkes gute Wehr“.

Zu sehen sind diese Dokumente im Kloster Dalheim. Das Landesmuseum für Klosterkultur zeigt die Ausstellung „Luther. 1917 bis heute“. Was kein Druckfehler ist, denn im Zentrum der Betrachtung stehen nicht Leben und Werk, sondern das Nachleben eines der folgenreichsten Männer der deutschen Geschichte. Und damit legt die Schau, eine der ersten großen zur 500-Jahrfeier der Reformation, zugleich den Akzent auf die Probleme im Umgang mit dem Mönch aus Wittenberg. Speziell im 20. Jahrhundert nahmen die Mächtigen Luther immer wieder für ihre Zwecke in Anspruch, wie die instruktive Ausstellung mit mehr als 300 Exponaten belegt. So wurde er zu einer „Schicksalsfigur der Deutschen“, wie Matthias Löb, Direktor des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe es formuliert. Eröffnet wird am Reformationstag.

Es war für Museumsdirektor Ingo Grabowsky nicht leicht, aussagekräftige Stücke zu bekommen. Weltweit werden Ausstellungen vorbereitet. Umso beachtlicher, wie viele kostbare Stücke das Haus doch ausleihen konnte, wie die Predigtkasel, die er 1510 bei einer Messe im Kloster Memmingen getragen hat. Oder das Porträt aus der Werkstatt Lukas Cranachs. Oder die Murmeln aus dem Wohnhaus der Luthers in Mansfeld, mit denen der kleine Martin vielleicht gespielt hat. Die Ablasstruhe, in der der Prediger Johann Tetzel das Geld sammelte, mit dem die Gläubigen ihr Seelenheil erkaufen wollten. Dazu Drucke, Münzen, Dokumente. Multimedia-Stationen lockern mit Filmen und Tondokumenten (bis hin zu Heino) den Rundgang auf. Jedes Kapitel eröffnet ein Film-Luther mit einer Spielszene.

Am Anfang steht die Biografie des in Eisleben geborenen Theologen (1483-1546). Hier werden seine Gedanken an Schriften verdeutlicht, die Kritik am Ablasswesen, das Beharren auf der Gewissensfreiheit, die Forderung nach allgemeiner Bildung, aber auch die Schriften zum Judentum und gegen die rebellierenden Bauern. Zimperlich zeigte Luther sich nicht in Streitschriften wie „Wider die Mordischen vnd Reubischen Rotten der Bawren“ (1525), wo er die Obrigkeit zur Gewalt gegen die Bauern auffordert. Und die Schrift „Von den Jüden vnd jren Lügen“ (1543) nimmt fatal vorweg, was die Nazis praktizierten. Luther fordert, man solle Synagogen niederbrennen, die Häuser der Juden zerstören, sie in Ställen und Scheunen internieren, sie enteignen und zu Arbeit zwingen.

Die Schau setzt aber mit 1917 ein, wo eigentlich die Reformation groß gefeiert werden sollte – was wegen des Weltkriegs nicht geschah. Stattdessen wurde mit Luther mobil gemacht – praktischerweise war der „Erbfeind“ Frankreich katholisch geprägt. So druckte man Feldpostkarten, auf denen Luthers Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ als Durchhalteparole genutzt wurde.

1933 waren es mehrheitlich Protestanten, die die NSDAP wählten. Die Partei vereinnahmte Luther, speziell die antijüdischen Schriften. Noch bei den Nürnberger Prozessen 1946 rechtfertigte sich Julius Streicher, Herausgeber des Hetzblatts „Der Stürmer“, damit. Es sind erschreckende Zeugnisse zu sehen: Ein Kinderbuch zeigt Zerrbilder des Juden – und der Titel ist ein abgewandeltes Luther-Zitat: „Trau keinem Fuchs auf grüner Heid und keinem Juden bei seinem Eid“. In einem Schulaufsatz vergleicht eine Zwölfjährige die „großen Männer“ Luther und Hitler. Aber, betont Museumsdirektor Grabowsky, auch NS-Gegner wie Dietrich Bonhoeffer beriefen sich auf Luther. Nach dem Krieg fragten besorgte Theologen, ob Luther nicht „nach Nürnberg“ müsse, als Mitschuldiger. Die meisten aber beschwiegen das Tabuthema.

Ähnlich zwiespältig sieht der Umgang der DDR mit Luther aus. Anfangs sah man den „Fürstenknecht“ kritisch wegen seiner Äußerungen im Bauernkrieg. Da bevorzugte man seinen Gegenspieler Thomas Müntzer. Später deuteten Historiker Luther zum Vertreter der „frühbürgerlichen Revolution“ um. Luther war hoffähig und wurde zum Beispiel vom Maler Uwe Pfeiffer auf einem monumentalen Triptychon im Dialog mit einem lateinamerikanischen Revolutionär dargestellt. Die überwiegend im Osten liegenden Luther-Orte wurden museal gepflegt, schon wegen der West-Touristen. Aber auch die friedlichen Revolutionäre der Wende nahmen ihn als Vorbild: 1989 heftete Pfarrer Gottfried Keller „sieben Thesen zum Dialog“ an das Portal des Rathauses.

Bis heute ist Luther Projektionsfläche für politische Ideen, aber auch Bezugspunkt für ganz profane Dinge. So bietet die Schau eben auch ausgesprochen unterhaltsame Zeugnisse der Luther-Verehrung. Gleich mehrere Quartett-Spiele präsentieren Familie, Freunde, Gegner. Es gibt Luther-Bonbons und Luther-Bier (das Museum bietet übrigens auch eine eigene Brau-Kreation an), Karikaturen aus der Bundesrepublik und die „Luther-Socke“ (mit dem Schriftzug „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders.“) und den Verkaufsschlager: Luther als Playmobil-Figur.

In Dalheim wird deutlich, wie sehr jede Zeit sich den Luther formte, der zu ihr passte. Nicht immer traf dabei das Bild von ihm seine eigenen Ideen.

31.10. - 12.11.2017, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 05292 / 93190, www.kloster-dalheim.de,

Katalog, Ardey Verlag, Münster, 34,90 Euro

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare