Lehmbruck-Museum und Museum Küppersmühle in Duisburg zeigen Erwin Wurm

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Maßanzug für den Kleiderschrank: Eine der Skulpturen von Erwin Wurm, die im Museum Küppersmühle zu sehen sind. Dahinter ein Stück des grünen Pullovers.

DUISBURG - Erwin Wurm traut sich, groß zu denken. Im Duisburger Museum Küppersmühle bekleidet er gleich mehrere Wände mit einem knallgrünen Pullover. Feine Strickware taucht da, über 90 Meter lang, rund 400 Quadratmeter groß, ganze Räume in giftigen Schimmer. An das Ursprungstextil erinnern die schlapp hängenden Ärmelchen, der Rundkragen.

Man kann das ja einfach skurril finden, wie der österreichische Bildhauer mit Kleidung umgeht. Wie er die Strickware dehnt, staucht, zusammenknüllt, bis das Ausgangsobjekt fast verloren ist. Da liegen dann die „18 Pullover“ (1992) auf dem weißen Sockel, ausgestopfte Gewebewürste, menschenähnliche Bruchstücke.

Der 1954 geborene Künstler hat mit seinen Arbeiten international Furore gemacht, nicht erst, weil er in diesem Jahr den österreichischen Pavillon der Biennale von Venedig gestaltete. Es mag daran liegen, dass seine Kunst für den Betrachter so zugänglich ist. Dass jemand ein Gebäude Wand für Wand von innen mit einem Pullover bekleidet, das erschließt sich in seiner Absurdität sofort. Wer mag, kann dann weiter denken, zum Beispiel über die Frage, warum das Haus sein Kleid innen tragen soll.

In Duisburg wird Wurm nun ganz groß präsentiert, parallel im Museum Küppersmühle und im Wilhelm-Lehmbruck-Museum. Und weil das Werk so vielgestaltig ist, heißt die Schau einfach nur „Erwin Wurm“. Der menschliche Körper gibt den Arbeiten Wurms das Maß, selbst wenn sie so monumental ausfallen wie der grüne Pullover. Das erste Kunstwerk, dem ein Mensch in seinem Leben begegne, sei der eigene Körper, sagt Wurm. Hier erlebe er unmittelbar, wie sich Stoff im Raum verändere, im Wachstum. So elementar fasst Wurm Skulptur auf, und so nutzt er oft den menschlichen Körper als Kunstwerk in performativen Skulpturen. Er schreibt dann nur eine Gebrauchsanweisung, oder eleganter: die Partitur. Der Besucher führt dann das Kunstwerk auf, indem er zum Beispiel mit den Beinen so in einen Stuhl steigt, dass es verknotet aussieht. Oder er nimmt vom Bücherstapel das Werk seines Lieblingsphilosophen und klemmt es zwischen Arme und Beine. Oder er bietet einen Pullover an, den sich zwei Personen überstreifen sollen. Diese „Minute Sculptures“ fotografierte er früher, und man sieht auf den Fotos eine junge Asiatin mit zwei Pilzen in den Nasenlöchern, einen jungen Mann, der am Boden liegt und auf seinem Kopf einen Stuhl balanciert, wobei das Stuhlbein genau auf dem Auge steht. Dabei ist ihm wichtig, dass seine Werke ernsthaft aufgeführt werden. Er möchte gerade nicht den Anlass für Klamauk bieten. Der Humor muss unter dieser Haltung nicht leiden.

Wurm scheut nicht vor drastischen Eingriffen zurück: Eine seiner Partituren in der Küppersmühle leitet an, wie man den eigenen Körper ausdehnt: „Von Konfektionsgröße 50 zu 54 in acht Tagen“, mit Rezepten und Verhaltensmaßregeln, ein Kilo Rindfleisch zum Mittag, zwei Stunden ruhen und zwei Tafeln Schokolade...

Kaum gesünder ist der Parcours im Lehmbruck-Museum mit „Drink Sculptures“ wie dem Martin Kippenberger Schrank, dem man Schnaps entnimmt. Die performative Skulptur ist fertig, wenn der Besucher einen Vollrausch hat. Was natürlich auch seine Wahrnehmung verändert: Die Wand ist mit einer psychedelischen Tapete gemustert, auf der Wurm mit einer Zeitung posiert. Und auf Monitoren laufen schräge Videos, in denen Insekten am Rand einer Schale entlangkrabbeln und ein Sportwagen eine Hauswand hochfährt.

Kunst bei Wurm hat etwas provozierend Philosophisches. In einer Fotoserie gibt er Anweisungen zum Faulsein, mal „look silly“, mal „express yourself through yawning“ (drück dich durch Gähnen aus), stets mit einem Selbstporträt.

Wurm fasziniert mit seinen Verwandlungskünsten: Den Körper versteht er als Skulptur, Grundformen gibt er eine menschliche Erscheinung. So schneidert er einer Kiste einen braunen Mantel auf oder ein rotes Sakko, samt Hemdkragen und Krawatte, und setzt das dann auf zwei menschliche Beine. Das funktioniert auch umgekehrt: Eine weiße Kiste ist oben offen, und eingehängt ist keine Mülltüte, sondern ein blaues Sweatshirt. Manchmal zeigt er einen Torso, längs halbiert, aber mit drei Beinen, da scheinen sich Echos seiner Minute Sculptures zu materialisieren. Und wie menschlich wirkt der knallrote Porsche, den Wurm als „Fat convertible“ präsentiert, durch die Fettwülste, die Nummernschild und Scheinwerfer umwallen. Dieser Wagen hat bestimmt über Jahre hinweg zuviel Super getankt. Ob das Fahrzeug die Befindlichkeit seines Fahrers spiegelt?

In Duisburg sind auch neue Serien ausgestellt: Zum einen die Serie „Land der Berge“, 55 Klumpen aus Bronze, in die er einen Hammer, eine gesprungene Tasse oder eine Tube Metallpolitur einfügte. Die Tourismusregion, geprägt durch den Müll ihrer Besucher. Zum anderen die Serie „Vaterland“, 36 Zeichnungen auf Büttenpapier, für die Wurm als Farbe das Lebenselixier des Wieners benutzte: Kaffee.

Und so bietet Wurm in den verschiedensten Medien eine lustvolle Achterbahnfahrt der Wahrnehmung.

Eröffnung: heute, 18.30 Uhr, Lehmbruck-Museum,

Lehmbruck-Museum bis 29.10., di – fr 12 – 17, sa ,so 11 – 17 Uhr, Tel. 0203/ 283 3294,

www.lehmbruckmuseum.de

Küppersmühle bis 3.9., mi 14 – 18, so – so 11 – 18 Uhr, Tel. 0203/ 3019 4811, www. museum-kueppersmuehle.de

Katalog in Vorbereitung, Wienand Verlag, Köln

Quelle: wa.de

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