Ute Lemper mit ihrem Programm „Rendezvous mit Marlene“ in Münster

Nähert sich auch optisch der Diva an: Ute Lemper als Marlene Dietrich in Münster. Foto: Berg

Münster – Eine malerische Idee: Eine alte Dame allein in ihrem Pariser Apartement, in Gesellschaft etlicher Flaschen und eines Telefons. Am anderen Ende der Leitung ein junger, aufstrebender Stern. So erzählt Ute Lemper von Marlene Dietrich. Es ist 1987. Aus einem Telefonat, das die 24-jährige Schauspielerin mit dem 87-jährigen Weltstar führte, macht Lemper eine One-woman-show: „Rendezvous mit Marlene“ im Theater Münster.

Da tritt eine Dame herbei, Schlitz im Kleid bis oben, weiße Stola. Es spricht Marlene: kehlig und schleppend, brüchig, ironisch. Nur zwei Mal wendet sich die Münsteranerin Ute Lemper an diesem Abend als sie selbst an ihr Publikum. Die Sprechstimme zoomt sich ins Heute, wird heller, fester. Ansonsten ist alles Nostalgie. Und Selbstfeier. Lemper selbst hat mit der Diva telefoniert, sie wurde in Kritiken die „junge Marlene“ genannt. Das ist mal amtliche Selbstvergewisserung.

„Just a Gigolo“ raunt Lemper, den Bowler-Hat auf die Stirn gezogen. Da sieht sie wirklich verblüffend nach „La Dietrich“ aus. Die Brauen rund, das Gesicht weiß. Sie legt sich in einen Sessel, das Licht strahlt sie hart von unten an: da sind die scharfen Wangenknochen der Dietrich. Sie weiß, wie’s geht.

Begleitet von einem Quartett skizziert Lemper Marlenes Leben in Liedern vom „Blauen Engel“ bis Burt Bacharach. Die Anekdoten kennt, wer sich auch nur entfernt mit der Dietrich beschäftigt hat. Marlene ist ja heute ein Symbol in Berlin, das sich an den Star der Weimarer Zeit und die Hollywood-Diva stolz erinnert. Die Lemper erinnert daran, dass die Dietrich im Nachkriegsdeutschland als Vaterlandsverräterin galt.

Man kennt die Glitzerkleider und die kurze Frackjacke und das eingedrehte Haar. Darum senkt Lemper-Dietrich die Stimme zum Raunen und erzählt vom Eingemachten aus Hollywood. Regisseur Billy Wilder bekam von Marlene Hühnersuppe gekocht. Und all die Männer! Da gibt’s eine Menge Geschichten, so unter uns Pastorentöchtern. Jimmy Stewart. John Wayne. Erich Maria Remarque war zwar impotent, aber mein Gott, deswegen kann man trotzdem zusammen ins Bett. Und die Frauen: Jean Harlow war süß, Judy Garland leider zu prüde.

Für Edith Piaf singt sie „Que reste-t-il?“ Für Marlene Dietrichs Liebe Jean Gabin gibt es Jacques Brels „Ne me quitte pas“. Lempers Stimme wird rauchig. Das Parlando dehnt sie, dann schnurren die Wörter fast zusammen. Fast, denn Marlene Dietrich liebte die Sprache, besonders Rilkes Gedichte, und artikulierte deutlich, mit harten Wortendungen („Schließlich singe ich keine Würmer, sondern Wörter“). Lemper übernimmt eine leicht pathetische Sprechweise, betont „Film“ mit erhabenem i und summendem m.

„Lili Marleen“ steht im Programm für die Kriegsjahre. Da macht Lemper ihre Stimme in den Höhen gläsern. In „Wenn ich mir was wünschen dürfte“ übernimmt sie die kehlige Stimmfärbung vom Vorbild, aber das etwas nervöse Zusammenschnurren der Phrasen, das ist sie selbst. Lemper kommt nun mal aus dem Show- und Musicalbereich. Fundiert in Jazz und Blues, jagt sie ihre Gesangsnummern auf eine hohe Voltzahl. Tempo und Temperatur der Lieder sind nie ganz ruhig. Langsame Bar-Nummern steigern sich zu druckvollen Showarrangements. Die ikonischen Dietrich-Lieder wie „Blowing in the Wind“ wirken nachgesungen, die Uptemposongs sind Lempers eigentliches Metier. Sie schnurrt und faucht, kreischt und heult, macht die Lippentrompete und legt saubere Scat-Linien hin. „Ich bin die fesche Lola“ beginnt sie auf dem Faß sitzend, wie das berühmte Filmmotiv, dann steht sie auf, aus der reduzierten, dreist berlinerten Nummer zum Klavier wird breiter Swing und dann eine Show-Jazz-Nummer, die sich gewaschen hat. Lemper steppt mit schlängelnden Beinen, lockt „Lo-lo-lola“ und steigert sich bis zum Schrei. Großer Applaus.

Quelle: wa.de

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