Ute Lemper im Konzerthaus Dortmund: Paris Days, Berlin Nights

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Ute Lemper

DORTMUND Da ist sie, Ute Lemper, schlank, elegant, im schwarzen geschlitzten Kleid – bis zum Knie – schreitet sie in den Saal des Konzerthaus Dortmund zu ihren Musikern. „Milord“, das einst Edith Piaf sang, hat sie schon auf den Lippen, wie etwas das sie immer mit sich führt, weil es so kostbar ist. Gleich spielt sie mit dem Klassiker, parliert in tiefen Tönen, lässt die Vokale strömen, raunzt ausdrucksvoll, verjodelt ein paar Silben und sprudelt mit der Melodie dahin.

Ute Lemper ist gleich bei 100 Prozent. Im Konzerthaus kokettiert sie mit „Dortmund“, macht ein bisschen Quatsch und wird von anerkennendem Applaus empfangen. Sie ist da.

Vor fünf Jahren hat die Lemper mit Stefan Malzew für eine Tournee durch die USA Lieder arrangiert, die zu ihrem großen Songbook gehören. Weill, Eisler, Holländer Ferré, Brel, Alberstein, Piazzolla... Ute Lemper spricht von „der Reise durch die Zeit“, von den „Paris Days, Berlin Nights“, die dann zu einem Langzeitprogramm wurden. Und nun „zum ersten Mal in Dortmund“, sagt sie, nicht weit von ihrer Heimatstadt. Sie stellt ihren Arrangeur und das Streicher-Quartett mit Tim Vogler vor, das mit klassischer Instrumentierung den Melodien etwas Zeitloses gibt oder ein bisschen verjazzt. Der Abend bekommt Rhythmus.

Ute Lemper macht aus dem Liedgut, das zigtausendmal gespielt wurde, eine Begegnung. „Surabaya Johnny“ scharwenzelt heran, und die Lemper lässt den Text einer schmerzhaften Liebe wie ein düsteres Abenteuer klingen, aus der es nur einen Ausweg gibt – ihren. Die Wut der Betrogenen schwillt an, so dass sie Johnnys „Maul“ dröhnen lässt wie einen Schlag, um mit dem nächsten Ton die Liebe anzustoßen, „du, Hund“ – hauchzart. So führt sie vor, was alle kennen, erweckt Erinnerungen, die mehr mit Rezeptiongeschichte zu tun haben, als mit persönlichen Momenten. Aber wer trennt das schon?

Es ist erstaunlich, wie ernst und leicht die Lieder in Dortmund klingen. „Und der Haifisch?“ Stefan Malzews Klarinette jauchzt ironisch zum grimmigen Gesang. Dann lässt die Lemper Töne platzen, rollen und zischen, um Mackie Messer vorzustellen, zu dem sie eine US-Variante auspackt: Von einem, der den Reichen das Geld nimmt, um es den noch Reicheren zu geben. Und als Gegenstück zur gekauften Liebe aus der „Drei Groschen Oper“ passt der Lemper die Käuflichkeit der US-Präsidentengattin. Da geht ein Raunen durchs Konzerthaus. „Good luck für vier Jahre“, sagt die Sängerin mit der roten Schärpe um die Hüften und ist doch ganz bei sich. Eine Europäerin, die die US-Staatsbürgerschaft nicht angenommen hat, obwohl ihre vier Kinder echte New Yorker sind, wie sie an anderer Stelle einmal gesagt hat.

Ob Chansons („Avec le temps“), jiddische Lieder wie „Stiller Abend“, die Tango-Melodie zu „Yo soy Maria“ – man hört ihr zu und in sich hinein. Standing Ovations für eine Frau, die einen sensibel macht für ein artifizielles Zeitgefühl. Und für eine Frau, die nach einem freien Platz Richtung Münster fragt. Im linken Rang gab es lautstarke Angebote.

Quelle: wa.de

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