Jan Lisiecki mit dem London Philharmonic Orchestra in Dortmund

+
Solist mit dem London Philharmonic Orchestra: Der junge Pianist Jan Lisiecki in Dortmund.

DORTMUND - Das Erfreuliche am Konzept der „jungen Wilden“ am Konzerthaus Dortmund ist, dass sie wiederkommen. Jan Lisiecki, Kanadier polnischer Herkunft, war bis 2015 Teil der Reihe für junge Künstler in Dortmund. Jetzt ist er immer noch erst 21 Jahre jung, ein Wuschelkopf mit artiger, etwas ruckhafter Verbeugung. Er war Solist beim letzten großen Konzert dieses Jahres mit dem London Philharmonic Orchestra unter Vladimir Jurowski.

Lisiecki war schon als Teenager Spezialist fürs romantische Repertoire. Das Konzert in Dortmund deutete an, in welche Tiefen er inzwischen vorstößt. Er ist natürlich virtuos, das sind viele. Er kann zwischen die Noten lauschen, das ist schon etwas anderes. Und er hat eine Gestaltungsreife, die erstaunt. Seine Zugabe war schlicht Schumanns „Träumerei“: Die kleine aufsteigende Phrase stockt nach der dritten Note; Stille nimmt ihren Platz ein. Die kleine Melodie ist wie etwas vor sich hin Gedachtes. Mit diesem Mut zum Schweigen spielt er das kleine Zugabenstück. Danach klatscht keiner mit mehr als halber Kraft. Die Zuschauer müssen erst ihre Seelen wieder einfangen.

Das eigentliche Hauptwerk des Abends, Chopins erstes Klavierkonzert, spielt Lisiecki mit einer silbrigen Geläufigkeit, die von Mozart hergedacht ist: das ist kein Großwerk, sondern so delikat gespielt, dass auch Jurowski am Pult dem Wechsel der Stimmen im Orchester hauchartige Übergänge abverlangt, leicht wie Nebelbänke. Der erste Satz war eine Nachtmusik aus dunkler Seide. Lisiecki spielt seinen Part als Kammermusik, die sich im Format vertan hat. Er kann zupacken, wenn es sein muss, aber das braucht er nicht, sein Chopin ist weniger brillant als vielmehr hingesungen. Und da gibt es Momente am Ende der Durchführung, da werden die glasklaren Läufe leicht schlüpfrig, da klingt leicht etwas Trügerisches durch, etwas Fremdes gegenüber der romantischen Innigkeit von zuvor. Auch der sonnige zweite Satz und der dritte, dessen Krakowiak hier kaum mehr Volkstanz, sondern ein Vorübergleiten ist, bewegen sich auf diese Augenblicke zu, in denen der Untergrund nicht mehr ganz sicher ist, der Tritt abgleitet. Da lauert etwas Unbestimmtes, um das es in der Musik eigentlich geht.

Den Boden dafür bereitet hatte Jurowski mit der Walzerfantasie von Michail Glinka, getränkt von eleganter, sorgsam verhaltener Melancholie. Nach der Pause folgte Rachmaninows erste Sinfonie als jugendliche Schauererzählung: den ersten Satz als Psychogramm mit heftigen Stürzen von Gipfel zu Abgrund. Das Motiv wird im zweiten Satz durch eine unruhige Rhythmik nur scheinbar gebändigt. In Wirklichkeit wird die Spannung am Kochen gehalten: ein sorgsam konstruierter Thriller, der Wucht entwickelt. Die Melodramatik des dritten Satzes wird durch jugendliche Spannkraft gebändigt und befeuert zugleich. Und das Finale mit dem knatternden militärischen Wirbel legt das Thrillermotiv an die Kandare, so wie es sich gehört, wenn man das Publikum bis zum Schluss im Ungewissen lassen will.

Für den starken Applaus bedankten sich Jurowski und das London Philharmonic mit dem Tanz der Narren aus Tschaikowskys Bühnenmusik „Snegurotschka“: ein perfekter Start in die Festtage.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare