Marlon James grandioser Roman „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“

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Beschreibt die Verbindung von Verbrechen und Politik auf Jamaika: Der Schriftsteller Marlon James.

Im Dezember 1976 stürmten sieben Männer Bob Marleys Haus in Jamaika und schossen auf den Reggae-Star. Sein Manager und seine Frau wurden schwer verletzt, er nur leicht, so dass er wenige Tage danach bei einem Friedenskonzert für die am Rande eines Bürgerkriegs stehende Insel auftreten konnte. Den Überfall, seine Gründe und seine Folgen macht der jamaikanische Schriftsteller Marlon James zum Stoff des monumentalen Romans „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“.

Der Titel ist eine Untertreibung: Das Buch ist mit knapp 860 Seiten nicht kurz. Und es werden darin weit mehr als nur sieben Menschen getötet. Ein Thriller mit einem Tatsachenkern – und zugleich ein hochliterarisches Werk, das mit William Faulkner, Jane Austen, James Ellroy in Beziehung gesetzt wurde. Für die Originalausgabe erhielt James 2015 den Man Booker Prize. Zugleich ist der Titel ein (Selbst-)Zitat: „Eine kurze Geschichte von sieben Morden“ ist eine angebliche Artikelserie des Journalisten Alex Pierce für das Magazin New Yorker überschrieben. Sie spielt im Schlussteil des Romans eine Rolle und lässt die Abgründigkeit von James‘ Buch ahnen.

Der Roman umspannt die Zeit vom 2. Dezember 1976 bis zum März 1991. Bob Marley wird im Buch nur einmal mit Namen genannt, sonst heißt er nur „der Sänger“, eine mythische, kultische Figur. 1976 steht Jamaika am Rande eines Bürgerkriegs. „Ein Wahljahr beginnt in dem Moment, in dem der erste Schuss fällt“, sagt der Don, der Gangsterboss Papa-Lo. Die beiden Parteien PNP und JLP, die sich an der Macht abwechseln, stützen sich auf die mächtigen Gangs. In so einem Moment wächst dem damals noch eher regional bekannten Sänger die Rolle eines Diplomaten zu, eines Vermittlers zwischen den Fronten. Die USA fürchten wiederum in einer Atmosphäre des Kalten Kriegs, dass vor ihrer Grenze ein zweites Kuba entsteht, ein weiterer kommunistischer Staat, und wollen das mit allen Mitteln verhindern. Ein Dutzend Personen – jeweils von Abschnitt zu Abschnitt wechselnd – erzählt. Gangsterbosse, ihre Handlanger, Auftragskiller. Nina Burgess, angeblich schwanger von Marley, die den Überfall sieht und nun um ihr Leben bangt. Ein toter Politiker. Der Chef des CIA-Büros auf Jamaika, der vielleicht den Auftrag für den Anschlag gab. Der Journalist Alex Pierce.

Mit diesem Kunstgriff gelingt es James, das Geflecht von Populärkultur, Kriminalität und Politik auszubreiten, das in der Schießerei für einen Moment fassbar wurde. Selbst vermeintlich Banales sagt etwas aus: Pierce glaubt selbstverständlich, dass auf Jamaika überall Reggae gespielt wird, und hört stattdessen im Radio nur Pop und Disco-Musik. Der Kellner im Hotel entlarvt die Erwartung des weißen Reporters als Klischee: „Nicht jeder Jamaikaner verkauft Marihuana, Sir.“

Marlon James wurde 1970 in einem Vorort von Kingston geboren. Seine Eltern arbeiteten beide bei der Polizei, er besuchte die High School, studierte, arbeitete als Werbetexter. Inzwischen lebt er in den USA. Er ist schwul, was im homophoben Jamaika immer noch zu Problemen führt. Sein Roman verarbeitet nicht die Biografie des Autors, sondern ist eine grandiose Leistung von Recherche und Erfindung. Jede Figur hat eine eigene Stimme. Barry Diflorio zum Beispiel, der CIA-Beamte, fühlt sich abgeschoben in Jamaika, seine Frau liegt ihm in den Ohren, und das einzig Gute an dieser Stelle ist, dass er nicht im Iran ist. Diese Figur mit ihren Nörgeleien über Vorgesetzte, mit den Mittelklasse-Durchschnitts-Wünschen und der Sorge um die Kinder klingt ganz anders als der in jeder Hinsicht hungrige Gangster Josey Wales, der Don sein möchte anstelle des Dons, der den Anschlag ausführt und doch auf den Kopfschuss verzichtet, der den Sänger zum Märtyrer gemacht hätte. „Ich habe den Mann vom Sockel geschossen und auf normale Größe zurechtgestutzt.“

Und die beiden armen Kerle Bam-Bam und Demus, denen im Getto nur die Kriminalität als Beruf blieb und die natürlich sterben werden, denen gibt James rauschhafte Wortkaskaden als Sprache, um die Mischung aus Adrenalin und Drogen abzubilden, die sie aufgekratzt ballernd durch das Haus laufen lässt. Das sind bei aller Drastik ekstatische Gedichtzeilen : „Ich reib an der Knarre, aber das fühlt sich blöd an / Eine Knarre ist kein Kumpel, bloß eine Knarre / Ich will ficken, ficken, ficken.“ Und später: „Peng, ein Topf, pang, eine Dose, Staub wirbelt auf und eine Salve geht durchs Fenster...“ Und Demus wird auf der Flucht zum Philosophen in einem Wortschwall ohne Punkt, Komma und Absatz: „Hund wir überfahren einen Hund dann links dann rechts und keiner weiß wo wir sind ich weiß dass ich es nicht weiß...“

Die schönsten Kapitel gehören Nina Burgess, der einzigen Frau, für die die Flucht in eine brüchige Form von Emanzipation führt, ein Opfer, gewiss, aber eins, das sich in einer brutalen Männerwelt erstaunlich behauptet. Großartig zum Beispiel die Episode, in der sie nachts von einer Polizeistreife aufgegriffen wird und überzeugt ist, dass die beiden Beamten sie vergewaltigen wollen. Am Ende führt James‘ Roman nach New York, wo jamaikanische Gangs den Drogenhandel übernehmen.

Fünf Übersetzer haben an dem Roman gearbeitet, um diese Vielstimmigkeit abzubilden. Sie benutzen grundsätzlich Hochdeutsch, übernahmen aber die Slang-Ausdrücke, um die unterschiedlichen Tönungen abzubilden. Ein Anhang erläutert die Flüche wie Bombocloth, die Beschimpfungen wie Battyboy und Pussyhole, die auf den Rasta-Glauben zurückgehenden Codeworte wie Reasoning, Shitstem, Sufferah.

Marlon James findet in den unpassendsten Momenten einen skurrilen Humor, wie in einem Tarantino-Film. Da erläutert ein Killer mitten in der Tat die physikalischen Regeln der kinetischen Energie. Und als der Kopfschuss einschlägt, wird der Komplize empfindlich: „Nicht mein Starsky-&-Hutch-T-Shirt!, sagt Wheeper, … und er wischt sich Gehirn von der Brust.“

Marlon James: Eine kurze Geschichte von sieben Morden. Deutsch von Guntrud Argo, Robert Brack, Michael Kellner, Stephan Kleiner und Kristian Lutze. Heyne Verlag, München. 858 S., 27,99 Euro

Quelle: wa.de

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