Mauritshuis in Den Haag würdigt Nicolaes Maes

Ein Zeichen für den Betrachter: Nicolaes Maes malte die „Lauscherin“ um 1656. Das Werk aus der Londoner Wellington Collection ist im Mauritshuis in Den Haag zu sehen. Foto: Museum

Den Haag – Pschscht! Die Frau führt verschwörerisch den Finger an die Lippen. Im Hintergrund, durch die offene Tür, sehen wir, was die Lauscherin gerade beobachtet. Ein Paar schmust innig im Hinterzimmer, und das Schauspiel möchte die „Lauscherin“ gerne noch etwas länger genießen.

Eigentlich zeigt Nicolaes Maes in seinem um 1656 entstandenen Gemälde die Pflichtvergessenheit der Dienerin, die sich eben nicht um das Kind in der Wiege kümmert, sondern sich lieber von ihrem Verehrer befummeln lässt. Aber der Dordrechter Künstler formuliert seine moralisierende Botschaft sehr humorvoll. Ist das Lauschen nicht auch eine Sünde? Und die Dame des Hauses, die durchaus nicht erzürnt scheint, macht mit ihrer Geste den Betrachter zum Komplizen. Das Sehen war im Goldenen Zeitalter der niederländischen Malerei eben eine große Lust.

Ungewöhnlich genug: Das Mauritshuis in Den Haag zeigt in Zusammenarbeit mit der National Gallery in London die erste Werkschau überhaupt des Künstlers. Dabei war Maes (1634–1693) schon zu Lebzeiten sehr geschätzt. Und seine Bilder wurden oft genug mit denen seines Lehrers Rembrandt Harmensz. van Rijn verwechselt. Der Sohn eines Kaufmanns in Dordrecht lernte irgendwann zwischen 1646 und 1652 in der Werkstatt des hochberühmten Meisters. Und er beherrschte bald die Kunst auf höchstem Niveau. Rund 30 Gemälde vermitteln eine gute Übersicht über die Vielseitigkeit dieses Künstlers.

Vielfach geschätzt wurde er später für seine Historienbilder und seine Genreszenen wie eben die „Lauscherin“, von der man in der Haager Schau drei Fassungen vergleichen kann. Dass eine gemalte Figur den Blickkontakt zum Betrachter sucht, findet man öfter bei Maes. So weist die Hausherrin im Bild „Die müßige Dienerin“ (1655) auf die eingeschlafene Frau mit einer Handgeste, die einen das „Was soll man da machen?“ hören lässt. Das Geschirr ist auf dem Fußboden verteilt, unordentlich, aber mit der ganzen Suggestivkraft barocker Malkunst beschworen. Und auf dem Sims schnappt sich die Katze gerade die gerupfte Wachtel. Und die prachtvoll in ein pelz- und goldbesetztes Kleid gehüllte Dame, die dem von Bier und Tabak benebelten Schläfer in die Tasche greift, hebt auch den Finger an die Lippen. Pscht. Sie ist ja auch keine Diebin, sondern wohl die Hausfrau, die dem Trinker eine kleine Lektion erteilt.

Das sind wunderbare Zeitreisen in bürgerliche Idyllen, natürlich nicht dokumentarisch, sondern feine Erzählungen, immer mit einem Hauch von Moral und mit Witz. Wie zeitlos blickt das Mädchen auf dem Gemälde (1653–55) aus dem Fenster, unten rankt ein Aprikosenzweig, links ein Ast mit Pfirsichen. Sie stützt sich auf ein Kissen, gedankenversunken. Maes malt eine nähende Frau, eine junge Mutter, eine alte Spitzenklöpplerin. Er führt in den Laden einer alten Frau, die über ihrer Buchführung eingenickt ist, unter der Weltkarte, und auf der Tischkante liegen die Münzen, die jetzt jeder stehlen könnte. Wäre man nicht so ins Schauen vertieft.

Um diese Szenen ist das Werk thematisch entfaltet. Am Anfang stehen die biblischen Szenen. Auch da hat Maes viel von Rembrandt gelernt, dem viele Werke des Schülers zugeschrieben wurden. Mit großer Natürlichkeit stellt Maes Christus dar, der die Kinder segnet (1652/53). Und ein prachtvolles Drama inszeniert er in der Szene, als Abraham seine Magd Hagar und den gemeinsamen Sohn Ishmael verstößt (1653). Der Stammvater breitet segnend die Hände aus. Aber sie wendet sich nach vorn, der Knabe ist schon auf der Treppe, auf dem Weg in die Verbannung. Da entfaltet Maes, kurz nach oder noch während der Lehre in Rembrandts Werkstatt, ein faszinierendes Wechselbad der Emotionen, zeigt das schlechte Gewissen des Alten, seine Versöhnungsgeste, die ins Leere geht. Und der Maler spielt wunderbar auf den Registern von Licht und Farbe.

Zu Lebzeiten verdiente Maes sein Geld vor allem mit Porträts. Zehn Historienbilder sind von ihm erhalten, rund 40 Genreszenen. Aber nicht weniger als 900 Bildnisse. Ab den 1660er Jahren konzentrierte er sich auf dieses Geschäftsfeld. Erfolgreich, besonders, nachdem er 1673 von Dordrecht nach Amsterdam umgezogen war. Er hinterließ seinen Erben mehrere Häuser in beiden Städten und rund 11 000 Gulden. Dabei wandte er sich von Rembrandts Stil ab, orientierte sich mehr an der repräsentativen Pracht, wie sie flämische Meister entfalteten, zum Beispiel van Dyck. Lange wurden die Porträts von Kunsthistorikern nicht so sehr geschätzt. Maes richtete sich nach der Mode, die Malerei ist gefälliger. Und er entwickelte Techniken, um die Porträts in Serie malen zu können. Die Schau allerdings möchte dem Künstler auch dabei Gerechtigkeit widerfahren lassen und den eigenen Charme dieser Bilder unterstreichen. Er brachte Bewegung in das Porträt einer unbekannten Familie (1670/75). Wenn da der sitzende Vater den Arm ausstreckt, die Söhne von links ins Bild treten mit einem erlegten Hasen, dann meint man, einem Theaterstück beizuwohnen. Einen Knaben stellt er als Jäger dar (1671), im Laufen, das Gewand vom Luftzug gebauscht, und der Hund schnappt nach dem zahmen Singvogel.

Aber auch die repräsentative Pose beherrschte Maes. So ist in Den Haag auch das Gruppenporträt der Amsterdamer Chirurgen zu sehen. Sechs soignierte Herren mit wallenden Perücken am Tisch, die wir offenbar gerade bei der Buchführung stören.

Bis 19.1., di – so 10 – 18, do bis 20, mo 13 – 18 Uhr, Tel. 0031/ 70 / 302 34 56

www.mauritshuis.nl

Im Anschluss National Gallery London, 22.2.–31.5., www. nationalgallery. org.uk; Katalog (engl./nl.) 27,50 Euro

Quelle: wa.de

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