„Memoria“ vom Chorwerk Ruhr bei der Ruhrtriennale

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Zu Morton Feldmans „Rothko Chapel“ sind neben dem Chorwerk Ruhr Sebastian Breuing am Celesta (links) und Axel Porath an der Viola zu hören.

DORTMUND Wo man Musik nicht erwartet, wird einem das Gefühl für den Ton leichter erschlossen. In einer Maschinenhalle herrschen Produktionsgeräusche, in einem Industriedenkmal ist das Vergangenheit und so war die Halle der Zeche Zollern in Dortmund am Wochenende der Ort für eine tonale Erkundung. Der musikalische Leiter des Chorwerk Ruhr, Florian Helgath, hatte für den imposanten Raum der Maschinenhalle ein Programm aus alter und neuer Musik zusammengestellt, das sich über die Jahrhunderte verband: „Memoria“. Für Helgath lässt sich die mehrstimmige Tonarbeit des Renaissance-Komponisten Tomás Luis de Victoria (1548–1611) mit den puren Tonstudien von John Cage (1912–92) und Morton Feldman (1926–87) vereinen.

Helgaths Plan, über die Vokalpolyphonie Victorias die Suche der New Yorker Schule nach dem Klang an sich vorzubereiten, ist auf erstaunliche Weise aufgegangen. Wer mit John Cages spröden Tonfolgen und Morton Feldmans übersichtlichen Kompositionen bisher ein Problem hatte, konnte mit „Memoria“ bei der Ruhrtriennale einen Neuanfang wagen.

Ganz weich fühlen sich die ersten Vokale an, die das Chorwerk Ruhr zu Victorias „Officium Defunctorum“ anstimmt. Das Requiem zu Ehren von Kaiser Maximilians II. Frau, Maria, die 1603 starb, ist am Ende der Renaissanceepoche ungewöhnlich ausdrucksstark. Nach den Fragen an Gott wird der Chor zum „Kyrie eleison“ mehrstimmig und der Ton wächst zu einem Wohlklang, der die ganze Halle einnimmt. Gott soll sich erbarmen.

Helgath arbeitet im „Offertorium“ dann an der Polyphonie des Spaniers und lässt den sechsstimmigen Chor herrlich wechselvoll erklingen. Obwohl der Chor den lateinischen Text vorträgt, hat sich die Vokalmusik gelöst und erreicht eine Eigenständigkeit, die im „Sanctus“ wie ein Echo klingt, das sich zur Ewigkeit aufschwingt.

Ertönt das „Hosianna“ ganz groß und klar, nimmt der bewegliche, nie steif oder dröhnend wirkende Gesang des Chorwerk Ruhr in der Mottete mit dem Moment persönlicher Trauer wieder zu. Im Maschinenraum wird ein Nachhall spürbar, und zum „Absolutio“ beherrscht der Chor ein vielstimmiges Ende, das das Spektrum des ausklingenden Tons zu einem Volumen anschwillen lässt, das einen ungeahnt erfüllt.

Nach dieser Reise in die Renaissance tippt Florian Helgath mit einem Fingerzeig John Cages „Four²“ (1990, sieben Minuten) an. Das Licht geht aus. Für Sopran, Alt, Tenor und Bass hat Cage verschiedene Töne benannt, ohne die Dauer zu bestimmen. In gewissen Zeiträumen sollen die Sängerinnen und Sänger einsetzen, wie sie ihren Akkordton auch verschieden beenden können. Helgath hat Chorpaare im Publikum verteilt. Ihr Einsatz schult das Empfinden für den mehrstimmigen Ton und das räumliche Gefühl für die Illusion vom Tonursprung.

Morton Feldmans a-capella-Chorstück „Christian Wolff in Cambridge“ (1963) umfasst zwei Besuche beim Komponisten über 15 Jahre hinweg. Die mehrstimmigen Akkorde und Einzeltöne werden fast identisch wiederholt. Das kling eigentümlich, ein bisschen stumpf. Aber Feldman löst den Klang aus seiner zeitlichen Einordnung, gibt in der Wiederholung eine Metapher für Zeit, und setzt die Töne vor allem als Klangmaterial frei. So bietet der Ton keine erzählerischen Assoziationen, wird aber autonom.

In Feldmans „Rothko Chapel“ (1971) erfährt man Momente, als ob der Ton erstmalig in die Welt entlassen wird. Das ist mitunter rätselhaft. Anja Schergs Wechseltongesang ist ein Blick ins Universum, Axel Poraths Melodie auf der Viola ist einfach aber willkommen, und Dirk Rothbrust am Schlagwerk mit Vibraphon und Glocken öffnet Gefühlswelten. Der Chor hält einen Ton, der immer umfassender wird, ja absolut erscheint. Wieder wird die Maschinenhalle erfüllt, und man wird auf das neu eingestimmt, was passieren kann – also ertönt. Es ist eine feine Konzentration entstanden, ein Erwarten.

Auf der Rückfahrt nach Hause wird es unmöglich, sich der determinierten Unterhaltungsmusik im Radio auszusetzen. Heute nicht!

Quelle: wa.de

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