Michaela Karls Biografie über Unity Mitford

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Schwärmte für den „Führer“: Unity Valkyrie Mitford.

Von Annette Kiehl - Sie war britisch, stammte aus bestem Hause und widmete ihr Leben dem „Führer“: Unity Valkyrie Mitford (1914-1948) machte schon zu Lebzeiten Schlagzeilen als „künftige Mrs Adolf Hitler“, und selbst Jahrzehnte nach ihrem frühen Tod berichteten britische und deutsche Medien immer mal wieder über ihre unglaubliche Lebensgeschichte.

Als „Hitler-Groupie aus der englischen Upperclass“, „Schicksalsgöttin“ und „Geliebte des Diktators“ wurde sie in mehr oder weniger ernst zu nehmenden Berichten gehandelt.

Die Politikwissenschaftlerin Michaela Karl untersucht Mitfords Lebensgeschichte in einer neuen Biografie. Der Titel steht stellvertretend für die Exzentrik des „It-Girls“: „Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an.“

Das Vorwort beginnt mit einer Warnung: die Lektüre könnte schlaflose Nächte bereiten. Denn im Mittelpunkt steht eine bemerkenswert unangepasste und durchaus sympathische junge Frau: Auf Familienfotos posierte sie mitunter mit einer zahmen Ratte auf der Schulter und trug beim Besuch von Boxkämpfen eine Ringelnatter am Handgelenk zum Abendkleid.

Solche Anekdoten machen die Biografie so spannend wie unterhaltsam. Dennoch geht Karl bei ihrer Spurensuche detailliert vor. Akribisch schildert sie die Familiengeschichte von Lord und Lady Redesdale und ihren sieben Kindern. Als „Diana, die Faschistin, Jessica, die Kommunistin, Unity, die Hitler-Verehrerin, Nancy, die Autorin, Deborah, die Herzogin, und Pamela, die Hühnerfreundin“, charakterisierte ein britischer Journalist die unterschiedlichen Schwestern, denen gemeinsam ihre Exzentrik und ihr unerschütterliches Selbstbewusstsein war.

Die Begegnung mit dem Faschismus in Großbritannien wird für Unity, eine Cousine Churchills, zu einer Art religiösem Erweckungserlebnis. Der Nationalsozialismus beeindruckte sie als aktive, radikale und rebellische Bewegung. In einem Restaurant in München traf sie Hitler. Als „wundervollsten und schönsten Tag in meinem Leben“ schilderte sie in einem Brief die Begegnung.

Offenbar überzeugte sie mit ihrer Chuzpe: Schon bald gehörte Unity zum inneren Kreis des Reichskanzlers. Und das, obwohl oder gerade weil sie mit ihrem modischen Stil und ihrer freigeistigen Haltung nicht gerade dem NS-Frauenbild entsprach. Rund 140 Mal traf sie „ihren Führer“ zwischen 1935 und 1940; häufig zum Lunch, aber auch bei Reisen und dem Reichsparteitag war sie mit von der Partie. Medien, aber auch die Familie Mitford selbst haben diese Verbindung immer wieder als unpolitische Schwärmerei dargestellt. Michaela Karl hingegen hält dies für eine Verharmlosung. Vielmehr habe Unity als eine Art Jeanne d‘Arc Geschichte schreiben wollen und träumte von einem Bündnis zwischen Großbritannien und Deutschland als erstem Schritt zu einem faschistischen Weltreich. Gaskammern und Konzentrationslager blendete sie aus. Hitler wiederum nutzte Unity und ihre Familie als eine Art informelles diplomatisches Netzwerk, ist die Autorin überzeugt.

Zum Ende wird Karls Biografie zum Krimi. Als am 3. September 1939 Großbritannien und Frankreich dem Deutschen Reich den Krieg erklären, hallen zwei Schüsse durch den Englischen Garten in München. Unity Mitford bricht mit einer Kugel im Kopf zusammen. Sie überlebt, liegt jedoch mehrere Monate in einer Münchener Klinik und stirbt nach Jahren der Pflegebedürftigkeit 1948 in England.

Wer die Schüsse abgegeben hat oder ob es sich um einen Selbstmordversuch handelte, ist bis heute umstritten. Auch, ob dieses Ereignis den Diktator möglicherweise vor dem Attentat im Münchener Bürgerbräukeller bewahrte, bleibt unklar. Die seelische Erschütterung nach einem Krankenbesuch bei „Frl. Mitford“ habe ihn dazu bewogen, die Veranstaltung früher als geplant zu verlassen, so dass er der Bombenexplosion entging, lautet eine im Buch präsentierte Theorie.

Michaela Karl: Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an. Unity Mitford. Verlag Hoffmann und Campe: Hamburg. 400 S., 22 Euro

Quelle: wa.de

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