Mick Herrons Roman „Slow Horses“

Mick Herronbritischer Thriller-AutorFoto: Alberto Venzago/diogenes

Die Helden in Mick Herrons Agentenroman „Slow Horses“ haben irgendwann einmal einen Auftrag versaut. Eine trank zuviel. Einer vergaß eine CD-Rom mit Top-Secret-Material im Zug. River Cartwright hat bei einer Übung den U-Bahnhof King‘s Cross lahmgelegt.

Was macht ein fürsorglicher Staat mit solchen Mitarbeitern? Er feuert sie nicht. Er entsorgt sie ins „Slough House“, ins Dreckloch, wo sie – Achtung Wortspiel – als eben Slow Horses, lahme Gäule, ihr Gnadenbrot verzehren, unwichtige Akten wälzen, abgehörte Telefonate transkribieren. Falls sie es nicht vorziehen, von selbst zu kündigen. So oder so stören sie jedenfalls nicht den Betrieb. Der Chef Jackson Lamb war einmal eine große Nummer. Nun sitzt er, übergewichtig, ungepflegt und schlecht gelaunt, an der Spitze dieser Versager. Bis eines Tages eine Bande rechtsextremer Nationalisten einen Mann entführen und im Internet drohen, ihn mit einer Axt zu enthaupten. Das Opfer wiederum ist mit einem Spitzenmilitär aus Pakistan verwandt.

London ist eine Hauptstadt, wenn es um ausgefuchste Spione geht. Nicht zufällig ist James Bond Brite. In der britischen Hauptstadt zwitschern, Herron zufolge, sogar die Vögel, „als ginge es darum, Geheiminformationen über die Morgendämmerung weiterzugeben“.

Wunderbar dreht der britische Autor ein vermeintlich vertrautes Genre auf links, während er sich vor den Altmeistern John Le Carré und Frederic Forsyth verbeugt. Lustvoll vertieft er sich in die Machtstrukturen des MI5, porträtiert die ehrgeizige und undurchsichtige Vizechefin Diana Taverner, Spitzname: „Lady Di“, ihre internen Ermittler, die „Dogs“. Und er entwirrt die Fäden einer Story, die geradezu burlesk beginnt, am Ende zu überraschender Ordnung. Denn der Feind, das wird schnell deutlich, steht nicht unbedingt, wo man ihn erwartet. Noch schlimmer: Man muss erst erkennen, wer wirklich hinter dem Terror steckt. Jackson Lamb, der aufs Abstellgleis geschobene Agent im Schmuddelmantel, spielt am Ende nach Londoner Regeln genauso gut wie nach Moskauer.

Herron spricht souverän die aktuellen Themen an, da steht er ganz in der Tradition großer Spionagethriller. Bei ihm tritt ein heruntergekommener Journalist auf, der heute überall verborgene Wahrheiten wittert. Es geht um Überwachung, Paranoia, Verschwörungstheorien und wirkliche Verschwörungen. Einem aalglatten Populisten legt der Autor das in den Mund: „Die vernünftigen Leute in diesem Land haben die Schnauze voll, von den verrückten Liberalen in Brüssel gegängelt zu werden, und je mehr wir die Regie über unsere eigene Zukunft und unsere eigenen Grenzen übernehmen.“ Nicht nur das klingt nach normalem Brexit-O-Ton. Herrons fein ausgetüftelte Intrigen wirken unangenehm glaubwürdig.

Und nicht die geringste Qualität dieses Buchs ist der trockene britische Humor, zum Beispiel, wenn Lamb zu einem Mitarbeiter sagt: „Ihm den Hals zu brechen, ohne Absprache mit Ihrem Vorgesetzten, so was bleibt in Ihrer Akte hängen.“

Mick Herron: Slow Horses. Deutsch von Stefanie Schäfer. Diogenes Verlag,

Zürich. 472 S., 24 Euro

Quelle: wa.de

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